Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1867)
- Date
- 1867-08-13
- Page
- Seite 665 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zudcnthnms. Femlleton-Geilage zu Nr. 33. Leipzig, den 13. August 1867. Aus den Papieren eines jüdischen Seelsorgers. Jüngst legte sich die Grabesdecke auf die sterblichen Reste eines trefflichen, eines ausgezeichneten Mannes. Wohl war er bereits auf der Höhe des Lebens angelangt; noch aber hatte er nur wenige Schritte wieder abwärts gethan, als er mitten in seiner segensreichen Laufbahn angehalten wurde und in die Gruft niederstieg. Sechszehn Jahre verwaltete er das geistliche Lehramt mit ganzer Hingebung, mit großen Erfolgen, aber geräuschlos. .Es war ihm nicht gegeben, nach Außen hin zu glänzen, oder sich in der Literatur einen Namen zu erwerben, aber es war ihm auch um Beides nicht zu thun. Dafür wirkte er 'unmittelbar auf das Herz und die Gesinnung eines Jeden, der ihm nahe tarn. Sein beredtes Wort blendete nicht und riß nicht hin, aber markig und einschmeichelnd zugleich traf es die Gemülher derer, welche der Tröstung und Aufrichtung wirklich bedurften, fiel es weckend und ausrüttelnd in die Seele so Mancher, welche den Jrrpfad bereits beschritten hatten. Unermüdlich aber war er, wo es die Hülfe, das Glück der Einzelnen galt; hier scheute er keine Anstrengung, keine Zurückweisung, keinen Fehlgang, bis er zum Ziele gelangt war, soweit dies zu erreichen stand. Sein Lebensweg war ein mühsamer. In der Kindheit von Armuth umdrängt, in der Jugend mit Noch kämpfend, oft sogar rathlos, wo und wie er seine ihm so theuren Studien fortzusetzen vermöchte, mußte er sich lange und oft bewerben, erfuhr viele Täuschungen, bis er die Stelle erlangte, die er so würdig ausgefüllt. Und doch warf sie nur ein kärgliches Einkommen ab, und war mit großen Anstrengungen verbunden, da sein Sprengel eine große Zahl kleiner Gemeinden umfaßte, und sein Rabbinatssitz selbst nur in einem Flecken mit einer mäßigen und wenig begüterten Gemeinde bestand. .So in einen entlegenen District eines Binnenlandes verbannt, erwarb er sich ein großes Maß von Liebe und Verehrung, aber sein Ruf konnte die Grenzen seines Wirkungskreises nur wenig überschreiten. Gerade darum nannten wir ihn in unserer Ueberschrift einen jüdischen Seelsorger, denn dies war viel mehr sein Beruf und seine Arbeit, als die officiellen Akte seines Amtes, und selbst diese machte er mehr zu einer seelsorgerischen Thätigkeit als zu öffentlichen Functionen. Waren doch selbst seine Predigten mehr ein Zwiegespräch mit den Seelen seiner Zuhörer, als dogmatische und moralische Vorträge aus allgemeinen Gesichtspunkten. Um die Seelsorge bei uns Juden ist es aber ein eigenes Ding. Wir besitzen Alle, reich oder arm, vornehm oder gering, gebildet oder ungebildet, gelehrt oder unwissend, einen sehr unabhängigen Geist, und Jeder gehet seines Weges selbstständig, und lehnt die Einmischung Anderer beharrlich ab. Ja, so ist es, und wenn es hundert Mal anders erschiene oder vorausgesetzt würde. Nichts hat dem Schreiber dieses kleinen Vorworts mehr Vergnügen gemacht, als die überraschende Vereinigung von Gegensätzen, die in der menschlichen Natur überhaupt , aber ganz besonders im Charakter und in der Geschichte des jüdischen Volkes angetroffen wird, zu beobachten. Vielleicht lassen wir uns ein anderes Mal darüber weitläufiger aus. Wer weiß es nicht, daß es kaum jemals eine Masse gegeben, in welcher der Autoritätsglaube lebhafter und energischer gewohnt und gewirkt, als im Volke der Inden, das so viele, viele Jahrhunderte bis auf die kleinsten Akte des Lebens nach den Vorschriften und Verordnungen seiner Vorvordern sich so streng und gewissenhaft gerichtet? Und dennoch übt jeder einzelne Jude seine Kritik, sein freies Urtheil allen Lebenden gegenüber mit Nachdruck aus, urtheilt, kritisirt, bespöttelt und bewitzelt die Thaten und Worte aller Andern, auch Derer, welche das Zugeständniß der Autorität von ihm verlangen können. Der jüdische Seelsorger muß sich daher sehr hüten, sich irgendwie in Familieriverhältnisse einzmnischen. Er würde dadurch nur arge Zurückweisung oder Mißbrauch seiner Person zu gewärtigen haben. Er darf nicht in die Häuser gehen, um eine Einwirkung aufzusuchen; er muß warten, bis man sie fordert. Der Weg zu ihm wird aber nur meist von Hilfsbedürftigen beschritten; die Begüterten lassen ihn zu sich kommen, aber nur drei Mal im Leben, bei der Beschneidung eines Knaben, bei der Trauung einer Tochter und bei ehiern Todesfälle. Das Herz mag ihm manchmal bluten, oder sich, wie man zu sagen pflegt, in der Brust umwenden, wenn er schweres Unrecht, traurigen Abfall begehen sieht, und er möchte sein Wort dazwischen treten, sein Ansehen in die Wagschale fallen lassen —