Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1867)
- Date
- 1867-08-13
- Page
- Seite 659 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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659 Rußland. Mitau, 17. Juli. (Privatmitth.) Es braucht der Welt nicht mehr verkündigt zu werden, welche außerordentliche Fortschritte in ihren äußeren und inneren Verhältnissen die russischen Juden unter der Regierung Alexander II. gemacht haben. In der That ist unsere jetzige Lage von der früheren himmelweit verschieden, und verbürgt uns, daß mit der Zeit uns auch noch das werde, was uns noch fehlt, und wohin uns eine weise, in ruhiger Entwickelung fortschreitende Entwickelung führt. Was ist natürlicher, als daß unser ganzes Herz an der Person dieses außerordentlichen Monarchen hängt, und daß Alles, was ihn berührt, auch unsere Gefühle in vollstem Maße aufregt. Die Kunde jenes scheußlichen Attentats in Paris hat in Wahrheit alle Gemüther derer, welche Rußland angehören und insonders auch die russischen Hebräer auf's Schmerzlichste ergriffen. Wie bekannt, hieß es von vornherein im Programm der kaiserlichen Rückreise von Paris nach St. Petersburg, daß S. Majestät sich vom 14. bis zum 17. Juni in Riga, der Gouvernementsstadt Livlands, aufhalten werde. Obschon nun die Mitauer Judenschaft nicht versäumt hatte, nach dem Attentate ihre heißen Glückwünsche und Gefühle direct nach der Hauptstadt der Franzosen zu senden, wofür ihr auch gleich darauf eine kaiserliche Danksagung zu Theil geworden ist, — so machte doch der hiesige, auch in Ihrer Zeitung von Ihnen unlängst rühmlich erwähnte Rabbiner, Hr. S. Pucher*) darauf aufmerksam, daß bei dieser Gelegenheit, da der Kaiser in unserer Nähe residire, es recht und wünschenswerth wäre, daß die hiesige Hebräer-Gemeinde eine Deputation mit einer Adresse an Höchstdenselben absende, worin sie sowohl ihre Unterthanentreue als deren „noch nie geahnte Gefühle/' welche der 4. April 1866 und der 25. Mai 1867**) in ihrem Innern *) In Wilna als Studiosus, in Libau als Repräsentant, und hier als Rabbiner, hatte Hr. P. die Ehre Sr. Maj. vorgestellt zu werden. Hierorts äußerte sich Höchstderselbe an den Rab. sich wendend: „Ich glaube Sie einst in Wilna gesehen zu haben." Corresp. **) 'Elfterer der Tag, an dem das Karakowsche, wie letzterer der Tag, an welchem das Berosowskysche Attentat verübt worden ist. Corresp. wach gerufen haben, „in deutscher Zunge mit russischem Herzen, mit jüdischer Dankbarkeit," ausdrücken möge. Dieser Antrag wurde, wie voraus zu setzen war, einstimmig, und zwar mit Beifall von allen Repräsentanten der Gemeinde angenommen, und wurden der über alle Interessen der in den Gouvernements wohnenden Juden treu wachende Rabbiner Pucher als Präses, wie noch zwei hiesige intelligente Kaufleute, Hr. Moritz Kallmeher und I. Jacoby als Beigeordnete zur Deputation gewählt. Nachdem Herr Pucher die Adresse in dem ihm eignen ausgezeichneten Stile verfaßte, wandte sich derselbe nach der alten Dünastadt (Riga:, an den Chef des livländischen Gouvernements, um von ihm Erlaubniß und Rath Behuf dieses Unternehmens einzuholen. Der Gouverneur bedauerte sehr, einer Etiquette-Borschrift wegen, Nichts thun zu können, erklärte sich aber bereit alle dazu erforderlichen Schritte zu thun. In der That sandte diese hohe Persönlichkeit schleunigst nach Dünaburg, allwo der Kaiser z. Z> residirte, eine Depesche ab, in welcher die Anfrage gemacht wurde, ob Sr. M. die Deputation der Mitauschen Hebräer-Gemeinde beim Eintreffen in Riga zu empfangen geruhen werde, und noch am selben Tage kam die genehmigende Antwort an, der zu folge ein jüdischer Geistlicher in Begleitung zweier jüdischer Kaufleute die Ehre haben sollten, von Sr. M. dem Kaiser in einer besonderen Audienz feierlich empfangen zu werden. Als der Kaiser am 15.' (27.) Juni ungefähr l01/2 Uhr des Morgens umgeben von der glänzenden Suite, in dem Audienzsaal des kaiserlichen Palais erschien, sprach Hr. Pucher die übliche ns-a (Benediction) iva ms i\i>ab maDB pbn® in russischer Sprache, worauf er Sr. M. die in deutscher Sprache geschriebene, mit den Deputirten Unterschriften versehene Adresse eigenhändig .überreichte. Nachdem der huldvolle Monarch den Inhalt derselben mit raschen Blicken durchsehen, geruhete Er in russischer Sprache in freudigem Ton zu antworten: „Ich danke ergebenst, und bitte diesen Dank Ihrer Gemeinde mitzutheilen." — Wer die Verhältnisse im großen Czaarenreiche kennt, der wird die Bedeutung einer solchen huldvollen Aufnahme und ihre Einwirkung auf alle Kreise hoch zu schätzen wissen. 4. —.... n.... n. 38*