Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1867)
- Date
- 1867-08-13
- Page
- Seite 657 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226615--25233-3260726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
657 Glaubensfreiheit gehören müssen, daß sie aller Orten zum Prüfstein dienen, wie weit die Glaubensfreiheit und Gleichberechtigung in einem Volke Wurzel gefaßt. Diesem Berufe sind die österreichischen Juden untreu, wenn sie die Hände in den Schoß legen und vergeben, daß es schlimmer werden könnte, wenn sie sich verlautbar machten. Belgien. Brüssel, 24. Jul. (Privatmitth.) In diesen Tagen kam einem Manne eine Auszeichnung zu, der ihrer vor Bielen würdig ist. Der Präsident des israelitischen Consistoriums von Belgien, Herr Lassen, hat den Leopoldorden erhalten. Seit mehr als zwanzig Jahren führt er den Vorsitz und die Geschäfte des Consistoriums in pflichtgetreuester Weise; ist aber auch die Zuflucht für jeden Hilfsbedürftigen und übt die Wohlthätigkeit durch That und Wort im größten Umfange aus. Die ihm gewordene Ehrenbezeugung hat deshalb allgemeine Theilnahme gefunden. Frankreich. Paris, 1. August. Herr Albert Cohn, der unermüdliche Präsident des Wohlthätigkeitscomitös, ist soeben mit dem Orden der Ehrenlegion dekorirt worden. Diese öffentliche Belohnung, die man seiner Thätigkeit und seinem philanthropischen Wirken schuldig war, wurde seit langer Zeit erwartet, und es haben sich darauf die Gesellschaften für gegenseitige Unterstützung und für Wohlthätigkeit in Paris versammelt, um demnächst dem Präsidenten des Comitss eine goldene Medaille als Zeichen ihrer Achtung zu überreichen. (Arcli. isr.) Italien. Bonn, 18. Juli. (Privatmitth.) Wir brauchen es nicht immer zu wiederholen, daß wir fern davon sind, gegen irgend eine andere Religionspartei aggressiv vorzugehen, ja, uns nur um ihre Angelegenheiten irgendwie zu kümmern, wenn diese eben nur sie selbst betreffen. Wir wünschen für die jüdische Gemeinde zu sehr, daß man sie ihrer eigenen Entwickelung überlasse, als daß wir nicht daffelbe Recht unbedingt den anderen Confessionen einräumen müßten, und dies nicht auch sehr gern thäten. Das erwünschteste Ziel für die Juden ist der allgemeine Frieden zwischen allen Religionen und Confessionen. Dies darf uns aber nicht hindern, eine sorgfältige Aufmerksamkeit allen Bestrebungen zu widmen, von welcher Seite sie auch kommen, welche direkt oder indirekt gegen die theils erlangte, theils noch zu erlangende Gleichberechtigung, gegen die Glaubens- und Gewissensfreiheit gerichtet sind. Cs konnte uns daher nicht gleichgültig sein, daß von einer so großen Zahl katholischer Kirchenfürsten, namentlich aus Nordamerika, England, Belgien, Frankreich und Italien die in dem Syllabus und in der Enchclika ausgesprochenen Grundsätze, insbesondere gegen die Gewissensfreiheit und die Gleichberechtigung gebilligt, sanktionirt und zu ihrer eigenen Richtschnur genommen wurden. Zwar überschätzen wir die Macht dieser Herren durchaus nicht, wir glauben z. B. nicht, wie der Pariser „Monde," daß 1849 die Revolution durch den Hirtenbrief des Fürstbischofs von Breslau niedergeschlagen worden und daß Preußen seine vorjährigen Siege lediglich der Zufriedenheit der katholischen Geistlichen mit ihrer Stellung in Preußen zu verdanken habe — denn jedenfalls waren diese dem ungeachtet für Oesterreich mehr als für Preußen — dennoch unterschätzen wir sie auch nicht. Wir haben es hier mit einer außerordentlich wohlorganisirten, disciplinirten und durch die halbe Welt reichenden Macht zu thun, deren Einfluß auf die unteren Volksschichten und auf viele Personen der höchsten Kreise groß ist. Von entschiedener Wichtigkeit wird daher das beabsichtigte ökumenische Concil, das im Dezember 1868 in Rom stattfinden soll, sein. Wenn man den fanatischen Auslassungen der Ultramontanen vom reinsten Wasser, z. B. Veuillot, Glauben schenken darf, so wird von diesem Concil die große europäische Contrerevolution datiren, indem das Concil nichts weiter zu thun haben werde, als „die Realisirung aller im Syllabus niedergelegten Maximen durch Synodalbeschluß." Wir haben dies abzuwarten. Jedenfalls würde aber das Gefährliche in solchem Vorgänge doch nicht allein auf Seiten der in so vielen Staaten zum Gesetz gewordenen Gleichberechtigung und Gewissensfreiheit liegen; leicht könnte eine noch größere Gefahr für diese Gegner, die sich so 33