Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1867)
- Date
- 1867-08-06
- Page
- Seite 635 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226581-3226614--25210-3260702- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
635 Literarischer Wochenbericht. Frankfurt a. d. Oder, im Juli. Ein Mysterium. lReferat von Louis Weyl) Wie bei keinen der 24 Bücher der H. Schr., ist bei dem Buche „Hiob" die Geschichte seiner Entstehung in tiefes Dunkel gehüllt. — Wer hat den „Hiob" verfaßt? Welcher Zeit gehört seine Schöpfung an? Ist er Tendenzschrist, oderisterein wirklich historisches Buch? — Alle diese Fragen haben in ältern, wie in neuern Zeiten, viele Mische, wie nichtjüdische Bibelkritiker stark beschäftigt und sie zu Vorträgen, Aufsätzen und ganzen Werken veranlaßt, in denen—man muß es sagen—den Hörern resp. den Lesern, des Interessanten und Wissenswerthen gar viel ist geboten worden.—Der Gegenwart jedoch blieb es Vorbehalten, die Entstehungsgeschichte des Buches Hiob auf „die Bretter, welche die Welt bedeuten", gebracht, sie für den modernen Literaturtisch als „dramatisches Ragout" zubereitet zu sehen. — Und was Wunder? Leben wir ja in einer Zeit, wo die Dramaturgie so gern jedes mysteriös-antiken Stoffes sich bemächtigt, um aus ih,n Kapital zu machen! wo die officiellen, wie die nichtofficiellen Bühnendichter, ihre langen Fangarme gierig überallhin ausstrecken, wo nur Etwas zu erhaschen, das — ihnen wenigstens — geeignet.erscheint, als Trauer- Schau- oder Lustspiel dem größern oder dem kleinern Publikum vorgeführt zu werden! — Und wie hätte nun ein so intereffantes Sujet, wie die Genesis des „Hiob," vor dieser allgemeinen Dramatisirungswuth verschont bleiben sollen? — Dem Verfasser der Tragödie „König Saul" und mehrer anderer Bühnenstücke, dem begabten Dichter Hermann Hölth, gebührt das Verdienst, den — allerdings von ihm selber erfundenen — Ursprung des Buches „Hiob" in dramatischer Form bearbeitet und hiermit, wenn auch gerade nicht ein „Stück für die Bühne," so doch wenigstens, was die Dichtung an sich anbelangt/ eine schöne Lectüre geschaffen zu haben. Herr Hölty hat sein Stück, welches 5 Acte zählt, „Das Gelübde" betitelt und dasielbe, — vbschvn die ganze Handlung wie das Ende, höchst tragisch sind, — nicht „Trauerspiel," sondern „Mysterium" genannt, mit welchem Namen aber dem eigentlichen Inhalt gerade sehr entsprochen worden. Wir haben aus demselben Grunde auch dieses Referat mit den Worten „Ein Mysterium" überschrieben. — Und so möge nun der Leser erfahren, was eigentlich der Dichter ersonnen, um sein Werk — wie eS wirklich der Fall ist — so sehr interessant und lesenswerth zu machen. — Wir wollen, alle Nebenfiguren bei Seite lassend, nur mit den 4 Hauptpersonen des Stückes uns beschäftigen. — Dasselbe spielt in einer Stadt des Heiligen Landes zur Zeit der Regierung Salomo's als König über Israel. Der tragische Held des Drama's ist der junge Lonoda, eine wahrhaft edle Seele, eine durch und durch practische Natur. Ihm gegenüber als feindlicher Rival, steht Ariom, ein Mensch voll Bosheit und Tücke, ein Intrigant der schwärzesten Art. L onoda und Ariom sind hinsichtlich des Characters und der Gesinnung wahre Antipoden. Ihren Stand anlangend, so werden sie uns beide vom Vers, als „vornehme Leviten" vorgeführt. Der Gegenstand ihrer Rivalität ist Johanna, die Tochter Elisabeth's, eine Jungfrau züchtig, fromm und bescheiden, ein wahrer Engel an Schönheit des Körpers und der Seele. — Weil aber der Mann, welcher Elisabeths Gatte und Johanna's Vater gewesen, --bis zu seinem Tode viel von unsäglichem Jammer und Elend heimgesucht worden, so hatten seine Mitbürger — in der Kraßheit ihres Aberglaubens — ihn als einen „von Gott Gezeichneten" streng gemieden, und gehen nun in ihrer Verblendung so weit, diese unmenschliche Lieblosigkeit auch auf die Wittwe und die Waise zu übertragen und von den beiden unglücklichen Personen, wie von „Aussätzigen" oder „Geächteten", ganz und gar sich abzuwenden. Elisabeth ist arm und verlassen, und Johanna, ihr einziges Kind, hat Nichts als die Liebe Lonoda's, an der sie sich labt und tröstet. — Johanna weiß indessen nicht, daß auch Ariom in glühender Leidenschaft für sie entbrannt ist, und noch viel weniger, daß dieser den Lonoda, als seinen begünstigten Nebenbuhler, mit tödtlichem Hasse verfolgt. Das Eine, wie das Andere, ist auch dem Lonoda ganz und gar verborgen. Er hält vielmehr Ariom so sehr für seinen Freund, daß er vor demselben von seiner Liebe zu Johanna, so wie von deren Gegenliebe, durchaus kein Geheimniß zu machen sich gedrungen fühlt. — Lonoda ist Dichter und hat eine überaus reizbare Empfindung. Ganz besonders schmerzlich getroffen aber fühlt seine Seele sich von dem so ganz herzlosen Benehmen der Stadtleute gegen Elisabeth und deren Tochter. In der Bitterkeit seines Gemüths dichtet er nun das Buch „Hiob" und bildet sich ein, durch dasielbe das Volk zu belehren, zu bessern und seinen blinden Aber-