Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-30 · Heft 31 (30.7.1867) · p. Seite 626

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 31 (30.7.1867)
Date
1867-07-30
Page
Seite 626 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226613--25200-3260691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

626 Mitgliedern, Dr. Fischhof voran, mit den Ständen werter verhandeln. Aber ein abermaliges Gerücht von Verhaftung einiger Studenten im Inneren des Hauses bewirkte ein erneuertes Zuströmen der Massen in den Landtagssaal, die Fenster und Möbel wurden zerstört, die Stände selbst auf die Gasse gedrängt, um von dort in geordneter Reihe geraden Weges in die Burg zu ziehen. Fischhof war der Held des Tages geworden; wo er sichtbar wurde, begrüßte ihn das Volk mit freudigem Hoch, und wie ein Messias der Freiheit, von dessen Lippen das heilbringende Wort ertönte, wurde er durch die Straßen getragen und immer wieder von neuem zum Reden aufgefordert. Als später bei der Errichtung der Nationalgarde die akademische Legion als besonderes Corps sich constituirte, wurde Fischhof, welcher als Sekundärarzt im allgemeinen kaiserlich königlichen Krankenhause angestellt war, von seinen Collegen, den Medicinern, einstimmig zum Com- Mandanten erwählt. Dasselbe Vertrauen der Legion in den ehrenhaften Charakter und in die geistige Überlegenheit ihres Lieblings übergab ihm für einige Zeit den Vorsitz im Studenteneomite, welches ursprünglich durch Ministerialerlaß zur Berathung der Universitätsangelegenheiten, soweit sie die Stellung der Studenten zu den Lehrern und Fakultäten betraf, zusammengesetzt wurde. Mit dem Autodafe des ersten provisorischen Preßgesetzes vom April begann jedoch die politische Thätigkeit des Comitos, welches sogleich die Berathung eines neuen Preßgesetzes vornahm. Fischhof fühlte bald, wie unheilvoll eine solche ausschließliche Wirksamkeit der studirenden Jugend für das ganze Staatsleben werden könne, und wünschte dieselbe vorerst durch eine Verbindung mit der eigentlichen Bürgerschaft zu paralysiren. Das politische Leben war eben in den ersten Anfängen und hatte die erste organische Form in der Nationalgarde gefunden. Er veranlaßt daher den Zusammentritt des Centralcomites, welches aus den Vertrauensmännern der Nationalgarde, Bürgerwehr (der sogenannte alte privilegirte Theil der Stadtgarde) und der akademischen Legion bestand. In diesem Comit6 traten zuerst in einer geregelten Debatte die zwei politischen Parteien der streng Conservativen und der Liberalen verschiedener Farbe hervor. Die Ersteren wurde später mit dem Generalnamen „Schwärz-Gelbe" bezeichnet, die Letzteren konnte man wieder in die Liberalen und Radicalen unterscheiden. Erst mit dem fait aceompli des 15. Mai kam der schroffe Gegensatz der beiden großen Parteien zum vollständigen Bewußtsein des Volkes und der Regierung. Die streng Conservativen, wenn wir überhaupt einen solchen Namen für eine Partei anwenden können, deren Programm eigentlich ebenso entschieden im Negiren aller demokratischen Forderungen, wie jenes der llltraradicalen im Negiren aller bestehenden Verhältnisse bestand, die Reactionäre, meist der alten Büreaukratie, dem privilegirten Advocatenstande oder dem Hofadel angehörig, waren bald nach den Märztagen vor einer Revolution erschrocken, welche anstatt eines einfachen Ministerwechsels und des ote-toi, quc je m’y melle, eine vollständige Umgestaltung der Verwaltung und inneren Staatsordnung bewirken sollte. Außerdem drohten die autonomen Forderungen der vielen erwachten Nationalitäten den ganzen bisherigen Mechanismus der Regierung zu erschüttern und so das materielle Interesse aller am rrneien r6«ime Betheiligten zu gefährden. Die liberalen oder gemäßigten Demokraten waren die Männer der gesetzmäßigen, aber durchgreifenden Reform innerhalb der gegebenen Verhältnisse, die österreichischen Patrioten im guten Sinne. Pillersdorf und Fifchhof, später Schuselka möchten wir als die Heroen dieser Partei bezeichnen. Aber die eigenthümliche Stellung der beiden erstgenannten Männer, die Verschiedenheit ihrer persönlichen Verhältnisse und ihrer politischen Laufbahn brachte es mit sich, daß sie Anfangs äußerlich als Gegner einander gegenüberstanden und erst jetzt unter dem gemeinsamen Druck der rohen Militärgewalt sich als Freunde begrüßten. Fischhof bildete gleich von Anfang an durch seine liebenswürdige Persönlichkeit das versöhnende Element zwischen den verschiedenen Parteien und abnormen Regierungsgewalten. Er war der Mittelsmann, welcher bei jeder Deputation des Studenten- oder Centralcomites an das Ministerium oder einzelne hohe Staatsmänner, in der Aula oder zum Volke das Wort führte. Das Präsidium im Studentencomitö hatte er bereits wegen Ueberhäufung von Geschäften an Dr. Goldmark übergeben. Als die Verfassung vom 25. April besonders wegen der Pairs in der ersten Kammer und des beschränkten Wahlrechts in der zweiten Kammer allgemeine Mißbilligung gefunden und eine Petition, welche im Studentencomite deshalb angeregt worden war, vom Centralcomite der Bürger und Studenten an's Ministerium gebracht werden sollte, als besonders dieses Centralcomitr mit der Erledigung einer an das Ministerium in der Polenfrage gerichteten Eingabe nicht zufrieden war, beschloß der Ministerrath am 13. Mai plötzlich, und zwar mittels eines Tagesbefehls des Nationalgardencommcmdanten, Grafen Hoyos, die Auflösung des Centralcomites. Am 15. Mai war es Dr. Fischhof, der in Legionsuniform den Grafen Montecueoli von einem Bauplatze zum andern begleitete, und der Beliebtheit und Rednergabe Fischhofs gelang es, die aufgeregten Massen zu beschwichtigen und ihnen das Versprechen abzunehmen, ruhig auf ihren Arbeitsplätzen zu verbleiben. Erst später erfuhr Fischhof, daß das Ministerium bei seiner Berathung über seine Entlassung zugleich daran gedacht hatte, ihm, als einem Manne, „welcher sich des unbedingten Vertrauens des Volkes zu erfreuen hatte", ein Portefeuille anzutragen. Wenn das Ministeriuin Pillersdorf auch seiner ganzen Stellung nach mit den Ansichten des hervorragendsten Charakters der Deputation nicht einverstanden sein konnte, so zweifelte es doch keinen Augenblick an der Redlichkeit, Ehrenhaftigkeit und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.