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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-30 · Heft 31 (30.7.1867) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 31 (30.7.1867)
Date
1867-07-30
Page
Seite 610 (sequence 2)
Language
German
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610 welcher dieser Bericht verlesen war, nach Paris: man erzählte mir, mit welcher Verachtung und welchem Lächeln er von den Staatsräthen ausgenommen worden sei, die darin nur eine literarische Stylübung, eine Eingebung der antiphilosophischen Coterie der Herrn von Fontanes und von Bonald gesehen hätten. Herr MM war nicht aus der Fassung gekommen, es hatten keine Debatten statt gefunden und die Frage sollte vor den ganzen Rath gebracht werden. Herr Regnault besprach sie summarisch und hielt nicht für nöthig, eine Ansicht, die allgemein sei, weiter zu unterstützen. Herr Beugnot, der soeben zum Staatsrath ernannt war, fand hier eine gute Gelegenheit zu seinem Debüt, er behandelte die Frage sehr gründlich, mit viel Verstand, Geist und Talent. Jedermann war seiner Meinung. Darauf bemerkte der Erzkanzler dem Rathe, daß der Kaiser dieser Sache eine große Wichtigkeit beilege und daß er eine der vorwaltenden entgegengesetzte Ansicht zu haben scheine, und daß es daher nöthig sei, die Verhandlungen an einem Tage wieder aufzunchmen, an welchem der Kaiser dem Staatsrathe präsidirte. Diese Sitzung wurde in St. Cloud abgehalten. Herr Beugnot, welcher zum ersten Male vor dem Kaiser sprach, und den sein Erfolg ein wenig berauscht hatte, wurde dieses Mal emphatisch, anmaßend, deklamatorisch, kurz Alles, was er im Staatsrath nicht sein durste, in welchem die Debatte nur eine Besprechung von Geschäftsleuten, ohne Phrase, ohne Effecthascherei war. Man sah, daß der Kaiser ungeduldig wurde. Besonders ein Satz schien lächerlich; Hr. Beugnot nannte nämlich eine Ausnahmemaßregel gegen die Juden „eine auf den Feldern der Gerechtigkeit verlorene Schlacht." Als er geendigt hatte, ergriff der Kaiser das Wort und mit einem Feuer, einer mehr als gewöhnlichen Lebhaftigkeit entgegnete er auf die Rede des Herrn Beugnot, bald mit Spott, bald mit Ruhe; er sprach gegen die Theorien, gegen die allgemeinen und absoluten Grundsätze, gegen die Männer, denen Thatsachen nichts gelten und die die Wirklichkeit den Abstractionen opferten. Er nahm mit Bitterkeit die unglückliche Phrase von der verlornen Schlacht auf, und indem er sich mehr und mehr erhitzte, schwur er, was ihm meines Wissens nie im Staatsrath passirt ist; endlich schloß er mit den Worten: „Ich weiß, daß der Auditor, der den ersten Bericht abgefaßt hat, nicht dieser Meinung war; ich will ihn hören." Herr Mol6 erhob sich und verlas seinen Bericht. Herr Regnault ergriff muthig die Vertheidigung der allgemeinen Meinung und selbst die des Herrn Beugnot; Herr von Sögur versuchte auch ein Paar Worte. „Ich sehe nicht, sagte er, was man thun könnte." Der Kaiser war ruhiger geworden und das Ganze endigte mit dem Beschlüsse, eine Untersuchung über die Stellung der Juden im Elsaß und über ihre Grundsätze und Gewohnheiten in Betreff des Wuchers anzustellen. Die Commission wurde aus drei Maitres de requetes, den Herrn Pourtales, Pasquier und Molä zusammengesetzt, welcher bei dieser Gelegenheit zu diesem Posten ernannt wurde. Die Präfecten wurden beauftragt, Rabbinen und andere angesehene Juden zu bezeichnen, welche der Commission Auskunft ertheilen könnten. Herr Pasquier sammelte diese Berichte, und zum ersten Male lernte man die Lage der Juden, die Theilung ihrer Secten (?), ihre Hierarchie, ihre Vorschriften kennen. Der Rapport des Herrn Pasquier wurde sehr belehrend. Der Kaiser hatte sich beruhigt und war zu dem sehr vernünftigen Gedanken gekommen, daß der jüdische Cultus osficiell autorisirt werden, und eine regelmäßige und gesetzliche Existenz erhalten müsse. Nach dem Berichte der Commission, und um den Klagen des Elsaß in etwas zu genügen, schrieb ein kaiserliches Dekret transitorische Verfügungen vor, und eine Art von Legalisirung bei Kauf- und Dahrlehnsgeschäften zwischen Juden und Christen.*) Um die Ausübung des jüdischen Cultus zu ordnen, wurde ein großes Sanhedriu berufen, also daß dergestalt die Angelegenheit, welche in übelwollender und unduldsamer Bewegung begonnen war, mit einer feierlichen und glänzenden Anerkennung der Rabbinen, der Synagoge und der bürgerlichen Gleichstellung der Juden schloß. Einige Monate später als der Kaiser in Polen war und den Eifer der Juden der französischen Armee nützlich zu sein und mit Geld, Lieferung und Nachrichten sie zu *) Es ist dies das berüchtigte Dekret vom 17. März 1808, welches den Juden im Elaß und am Rhein den Wucher unmöglich machen sollte, und das verordnete, daß kein Jude Handel treiben dürfe ohne ein jährliches Zeugniß des Wohlverhaltens vom Bürgermeister, und jede Schuld vor einem Notar contrahirt werden müsse, um gültig zu sein. Es versteht sich, daß dies zu nichts weiter diente als den ordentlichen Juden das Leben sauer und den Wucherern ihr Geschäft nicht unmöglich zu machen, Bestechung und Fälschung aller Art aber einzuführen. Napoleon begriff nicht, daß man eingewurzelte sittliche Uebel nicht durch drakonische Vorbeugungsmittel, sondern allein durch die Wirkung der Bildung und der freien Entwickelung beseitigen könne.

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