Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-23 · Heft 30 (23.7.1867) · p. Seite 606

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 30 (23.7.1867)
Date
1867-07-23
Page
Seite 606 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226612--25179-3260669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

606 doch wußten sie Rath; sie excerpirten sehr weitläufig die antijüdischen Schriften und bekamen so eine Blumenlese von Schnurren und Unsinn, der eine gehässige Zuthat gegen das Christeuthum nicht fehlte. Dennoch waren der König und das Ministerium einsichtig genug, auf die Insinuationen der neumärkischen Regierung und des elenden Joseph Jacob nicht zu hören, und die Friedeberg'schen Inden erhielten ihre Bücher zurück. Aehnliche Vorgänge kamen zu derselben Zeit auch in anderen deutschen Ländern vor, besonders im Fürsten- Ihum Ansbach*). Der Markgraf Friedrich Wilhelm hat im Jahre 1712 seinem bis dahin hochbegünstigten Hofjuden Elkan Fränkel den Prozeß machen und das Ürtheil sprechen und vollstrecken lassen. Spielt bereits in diese Untersuchung das confessidnelle Moment hinein, indem ein „unflätiges und abergläubiges Buch" des Elkan Fränkel Mitgrund seiner Bestrafung gewesen, und dieses auch vom Henker öffentlich zerschnitten und zerrissen wurde, so tritt in der Untersuchung gegen seinen Bruder, den Oberrabbiner Hirsch Fränkel dieses Moment vollständig in den Vordergrund. Es war gerade kurz vorher das Werk des Heidelberger Professors Eisenmenger, „das entdeckte Judenthum," eine oftgenannte Schmähschrift, erschienen. Hirsch Fränkel hatte, als eine Haussuchung bei ihm in Folge der gegen ihn und seinen Bruder gerichteten Anfeindungen stattgefunden, und man ein von ihm in hebräischen Lettern geschriebenes Buch zu Gerichtshanden genommen hatte, die naive Aeußerung fallen lassen: „Dieses Buch wolle er sich wieder ausgebeten haben, weil sonst, wenn Jemand darinnen lesen und es nicht verstehen würde, er in das größte Unglück und Lebensgefahr kommen könnte, es seien in diesem Buche Geister- und andere Beschwörungen, auch rabbinischer Segen befindlich." Dieses Geständniß des abergläubigen Mannes war die fürchterlichste Selbstanklage, in die man sich nach den Begriffen der damaligen Zeit verwickeln konnte, und der ganze Argwohn gegen die jüdischen Zauber- und Geheimkünste wurde gegen ihn rege. Nach durchgeführter Untersuchung, die sich lediglich auf den Besitz von abergläubigen und lästerlichen hebräischen Büchern stützt, wurde ein Parere der theologischen und juristischen Facultät der Universität Altdorf erholt, und obgleich in demselben eingeräumt ist, daß Hirsch Fränkel noch keinen Menschen durch seine Künste gefährdet habe, so ging dennoch das Ergebniß des Gutachtens dahin, „dem Jnquisiten perpeiuum carcerem anzudictiren." Hirsch Fränkel wurde auch auf Zeitlebens in ein Gefänguiß von Schwabach gebracht. Nach einem Berichte des dortigen Rathes von i 7 i 8 ergibt sich, daß er in einem Mauerthurme nächst der Schwabach, einem neu angelegten Kerker, verwahrt worden ist. Im Jahre 1723 bat er, da er ein alter gebrechlicher Mann, und *) Siehe Geschichte der Juden im Fürstenthum Ansbach von S. Haenle. Ansbach 1867. deshalb gewiß nicht fluchtverdächtig sei, ihn der Feffeln zu entledigen, und kurz darauf muß er gestorben sein, da noch aus demselben Jahre die Abrechnung über seine Verpflegskosten gestellt wurde. Der Prozeß gegen ihn hat, wie in dem Vorworte zu dem Altdorfer Responsum gesagt wird, in den weitesten Kreisen Aufsehen erregt, was auch daraus hervorgeht, daß der bekannte Gelehrte Uffenbach in seinem Briefwechsel mit Mai die Sache erwähnte. Derselbe spricht folgenden Tadel gegen den gefällten Spruch aus: Mir scheint das Urtheil viel zu hart, da der Angeklagte sich keines andern Verbrechens als einer seiner abergläubigen Nation innewohnenden Neugierde und eines Unsinns schuldig gemacht hat. Die Bücher, welche bei Fränkel weggenommen worden waren: ein Geisterbeschwörungsbuch, ein jüdischer Kalender, ein jüdisches corpus juris und geschriebenes Ehescheidungsbuch, das Buch jore deo, emek hanaelech, Werke von Abarbanel und der jüdische maclisor (Feiertagsgebetbuch), sind zumeist noch in der Bibliothek des historischen Vereins in Ansbach aufbewahrt. Eine Folge der Fränkel'schen Untersuchung war die, daß man gegen alle hebräischen Bücher einen Feldzug anstellte, und namentlich die Fürther Bibliothek stark plünderte, auch die Gebete der Juden in den Synagogen wurden nun controlirt, weil man überall Gefahr für das Christenthum darin erblickte. So kam es, daß an einem jüdischen Trauertage, dem der Zerstörung Jerusalems, der die vorgeschriebenen Klaglieder anstimmende Rabbi Baruch in Fürth, befürchtend, es könne aus dem Inhalte desselben eine Denuneiation gegen ihn abgeleitet werden, verstummte und sich hinwegschlich. Die Gemeinde wartete lange auf ihn, aber vergebens. Da erhob sich Zacharias Fränkel, und sprach das Lied „ohne Menschenfurcht." Uebrigens hatte eine solche Bücherverfolgung schon 1702 einmal in Fürth begonnen; eine eigene Commission unter dem Hofrath Schweser und dem — von Wilhelm Friedrich später gleichfalls aus die Wülzburg geschleppten — Generalsuperinlendenten Eh. Haendel war zusammengesetzt, auch der Lieentiat Rob. M. Meelführer, Sohn des Schwabacher Pfarrers Meelführer, der schon 1698 in Darmstadt bei einer solchen Untersuchung thätig war, ein gelehrter Orientalist, zugezogen, eine Reihe jüdischer Gebetbücher waren in Beschlag gelegt worden, als ein fürstlicher Specialbefehl auf Betreiben Elkan Fränkels — wie in der Fränkischen Untersuchung vorkommt — die Commission auflöste. Der Bericht der Commission wurde erst 1712 zu den Acten genommen. — Nicht so gnädig fiel eine andere Anschuldigung im Jahre 1745 ab. Wieder war ein Hofjude gefallen, Isaak Nathan, und alsbald fand sich wieder ein getaufter Jude mit Denunciationen ein. Ein Jude aus Neuwied, Alexander Benjamin, später Neumann, welcher damals in Ansbach ansässig war und dort Christ werden wollte, wiederholte die Anschuldigung, daß in den jüdischen Gebetbüchern und talmudischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.