Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1867)
- Date
- 1867-07-23
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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59S und Wahre ausgesprochen? Ist er um einen Schritt vom allgemeinen und vom factischen Boden gewichen? Ein Jahrhundert ist seitdem verflossen. Es ist seitdem eifrig gearbeitet, gerungen und gekämpft worden. Im Judenthum hat sich die Wahrheit wieder klarer und zu hellerem Bewußtsein herausgearbeitet; es hat seine Fackel von Neuem entzündet, und seine Strahlen beginnen über den eignen Kreis hinauszuleuchten. Im Christenthume hat sich die Kritik scharf herausgebildet, und die Bezweiflung der Dogmen hat sich vielfach ausgebreitet. Selbst der Islam ist der zersetzenden Einwirkung nicht entgangen. Aber ist es darum im Grunde anders geworden? Hält nicht jede Religionspartei ihre Glaubenslehren dennoch fest, und da die Gegensätze schroffer sich herausgebildet, zum Theil noch fester als in der Zeit Lessings? Läßt sich da etwas anderesthun als der Wahrheit zu überlassen, ihre Kraft zu einem allmäligen Siege, im Laufe der Jahrhunderte immer weiter dringen zu lassen? Kommt es aber nicht vor Allem darauf an, daß alle Menschen sich als Bruder anerkennen und von allen Religivnsverschiedenhciten absehend, jedem Menschen als solchem dasselbe Recht cinrämnen, und Liebe, Verträglichkeit, Duldsamkeit gegen ihn üben? Hier ist von keiner Religionsmengerei die Rede, von keiner Amalgamation, sondern lediglich von der höchsten Pflicht der Bruderliebe, von der Verwerflichkeit aller religiösen Verfolgung und Ausschließung. Und dies ist das Rechte und das Wahre! Wir haben gesagt, daß Lessing durchaus kein Plaidoyer für das Judenthum beabsichtigte. Dennoch müssen wir es ihm danken, daß er dabei für das Judenthum sehr viel hat abfallen lasten. Erforderte es nicht schon einen außerordentlichen Muth, in seiner Zeit das Judenthum mit dem Christenthum auf eine Linie zu stellen? Läßt er es nicht immer dennoch durchschimmern, daß eine Religion die ursprünglichste, echte sei, wo dann dies zunächst dem Judenthume zufallen muß? Macht er nicht einen Juden zum Hauptträger seiner Verkündigungen? Erscheinen nicht sgerade die Juden und Mohammedaner als die Toleranten, während die Christen in diesem Drama intolerant und fanatisch erscheinen? Sind es nicht schließlich die Lehren des Judenthums: „Die Gerechten aller Nationen haben Antheil am ewigen Leben," und „Nicht die Erklärung, sondern die Ausübung ist die Hauptsache," welche Lessing geltend macht, während im Christenthume und Islam der Glaube als das eigentliche Fundament gelehrt wird? In der That darf man nicht vergessen, daß noch heute die - Gründe für die Wahrheit des Judenthums, so vollwichtig sie für den Bekenner deffelben sind, für den Bekenner einer anderen Religion nicht durchaus überwindend sind, und daß keiner unserer Gründe nicht von Seiten der Andersgläubigen mit Gegengründen beantwortet wird, die uns zwar als Sophismen erscheinen, dennoch aber für die Nichtjuden ihre Geltung noch immer behalten, Herr Ehrentheil weiß z. B., daß, wenn wir auf die Ursprünglichkeit des Judenthums Hinweisen, die Gegner sagen: ja, aber das Christenthum ist die höhere Entfaltung; wenn wir auf die Vernunftmäßigkeit des Judevthums verweisen, die Gegner sagen: ja, aber auch im Judenthume bleiben noch Lehren übrig, welche mit der Verunft nicht zu erweisen sind u. s. w. Wenn Herr Ehrentheil das Gleichniß für unpassend erachtet, weil es sich hier um eine Idee handele, welche Allen mitgetheilt werden könne, ohne daß der Besitzer Schaden erleide — so darf er nicht vergesten, daß jede Idee, indem sie sich unter den Menschen verbreitet, von diesen neugestaltet, verändert und verschieden geprägt wird, so daß dieselbe Idee bald in sehr verschiedenen Modificationen vorhanden ist, und nun der Streit, wo die echte Idee zu finden, dennoch ausbricht. Dies zeigt ganz besonders die Geschichte der Religionen, und die protestantische Kirche behauptet heute wieder, die echte christliche Lehre zu besitzen, während doch der Zeit nach die katholische dem Ursprünge des Christenthums näher ist. Am wenigsten können wir aber Herrn E. zugeben, daß bei der Emanzipation der Juden jemals Bedingungen gestellt und um Elemente des Judcnthums gefeilscht worden. Die Juden haben sich hierauf nirgends eingelassen. Was diese von dem Formwesen des Judenthums ausgegeben, haben sie von innen heraus freiwillig gethan. Die Redaktion. Wir gelangen jetzt zu der Kritik der hebr. Uebersetzung. Sie lautet folgendermaßen. — Was die Uebersetzung betrifft, so kann diese im Allgemeinen als eine gelungene bezeichnet werden. Herr B. übersetzt nicht blos gut, sondern hie und da selbst glücklich. Allein aus diesem Grunde verdient er es, daß sein Werk einer eingehenden Besprechung unterzogen werde. Leider kann es nur bedauert werden, daß Herr Bacher, der unstreitig zu den vorzüglichsten neuhebräifchen Stilisten unserer Zeit zählt, seine Arbeiten nicht mit mehr Sorgfalt feilt. Germanismen, Chaldäismen und