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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-23 · Heft 30 (23.7.1867) · p. Seite 592

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 30 (23.7.1867)
Date
1867-07-23
Page
Seite 592 (sequence 4)
Language
German
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592 Praktisches hat, an, aber er weist zugleich darauf hin, daß hiermit gar nichts erreicht würde, und die großen Verschiedenheiten an Ueberzeugung und Sitte solche Vermischung nur in seltenen Fällen zuließen, und weder für das Ganze noch für den Einzelnen eine segensreiche Frucht daraus ersprießt. Eben dasselbe deutet er für den Uebertritt aus einer Religion in die andere an, und räumt in allem Diesen selbst der einzigen Gewalt, welche für Vermischung und Uebertritt eine Entschuldigung böte, der Liebe, keine volle Geltung ein. Sondern wohin gelangt Lessing? Er läßt seine Repräsentanten der drei Religionen sich zuletzt als Verwandte erkennen. Jeder bleibt seiner Religion treu, Jeder kämpft und ringt nach wie vor für dieselbe, aber — sie sind verwandt, sie sind eigentlich Geschwister und Geschwisterkinder, und dieses legt ihnen nicht blos die Pflicht des Friedens auf, sondern läßt diesen unmittelbar aus ihren Herzen entspringen. Dieß ist also die große Lehre, welche Lessing in seinem Drama giebt. Alle Menschen sind Brüder, und so verschieden auch ihre Glaubensmeinungen, ihre Ansichten und Lebensrichtungen sind, so müssen sie deßhalb doch Liebe üben, das Recht nicht verletzen und Frieden halten — und die Ueberzeugung von diesem brüderlichen Verhältniß aller Menschen ist nach Lessing der einzige Weg, um jede religiöse Verfolgungssucht, jeden Druck und jede Ausschließung aus religiösen" Gründen zu verhindern. Die Frage nun," ob auf metaphysischem Wege, durch Discussion der Glaubenslehren eine Verständigung der verschiedenen Religionsparteien zu erwirken sei, beantwortet Lessing eben in der Erzählung von den drei Ringen. Saladin will von Nathan die Gründe wissen, warum er Jude geblieben sei, da er von ihm voraussetze, daß er sich nicht begnügt habe, stehen zu bleiben, wohin ihn die Geburt gestellt. Geht Nathan hierauf ein? Nein. Die Situation ist peinlich. Nathan kann sich sogar des Verdachtes nicht erwehren, daß diese Frage eine Falle für ihn sein solle. - Er sagt hierauf: „Ich muß Behutsam gehn! — Und wie? wie das? — So ganz Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht. Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder. Denn, kein Jude, dürft' er mich nur fragen. Warum kein Muselmann?" Er entschließt sich daher, durch ein Gleichniß zu antworten und sagt: „Nicht die Kinder blos speist man mit Mährchen ab." Aus diesem Ausdrucke ersieht man schon, daß Lessing mit dieser Erzählung durchaus keine endgiltige Entscheidung der großen Frage geben, sondern, statt metaphysischer Gründe die praktischen Motive der Duldsamkeit klar machen wollte. Wie that er dies? Bemerken wir zuvörderst, daß er auch hier die Träger der drei Religionen als Brüder, als Söhne Eines Vaters gleichberechtigt und gleichgeliebt vom Vater hin stellt. Als das Zeichen der wahren Religion, darum also auch als eigentlichen Beweis ihrer Aechtheit, und somit als Zweck aller Religion erkennt er, sich „vor Gott und Menschen angenehm zu machen", die herzlichste Liebe und Verträglichkeit gegen alle Mitmenschen zu üben. Die positive Religion beruhe auf Tradition, und Jeder hänge am meisten dieser Tradition, wie er sie von seinen Vätern ererbt habe, an. Was nun die Glaubenslehren jeder Religion betrifft, so sind sie vermöge dieser Tradition für Jeden gerade in sofern am meisten bindend, als er sie von, ihm am glaubwürdigsten erscheinenden Menschen überkommen hat. Die Glaubenslehren beruhen auf Glauben und seien daher am meisten durch den Glauben an die Väter gestützt. — Der allgemeine Gesichtspunkt, den Lesstng hier aufstellt, ist daher: kein Mensch kann Richter sein über die Glaubensmeinungen des Andern, da dieselben mit allgemeinen Gründen nicht zu überwinden und zu beseitigen seien. So sehr auch Jeder behauptet, sein Glaube sei der allein wahre und ächte, so könne vom allgemeinen Standpunkte aus der einzelne Mensch keine andere Religion als die unächte und unwahre aburtheilen. Hierauf käme es aber auch gar nicht an, sondern: „Es eisre Jeder seiner unbestochnen. Von Vorurtheilen freien Liebe nach! Es strebe von Euch Jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmuth, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, Mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hüls!" Noch Eines. Lessing läugnet durchaus nicht ab, daß einst eine Zeit kommen werde, wo sich auch hinsichtlich der Glaubenslehren die Wahrheit vor den Augen aller Menschen offenbar gemacht haben und die Aechtheit des einen Rings sich bewährt haben wird: „So lad' ich über tausend, tausend Jahre Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sttzen. Als ich, und sprechen." — Nun? hat Lessing in allem diesen nicht das Rechte

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