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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-23 · Heft 30 (23.7.1867) · p. Seite 591

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 30 (23.7.1867)
Date
1867-07-23
Page
Seite 591 (sequence 3)
Language
German
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591 cirett, zurückweisen. Um diesen Preis müssen wir uns die günstigere Gestaltung unsrer social-politischen Verhältnisse nicht erkaufen. Wir Juden sind keine Neulinge auf dem Gebiete des Handels; wir sehen uns genau das an, was von uns gefordert wird, wie nicht minder das, was man uns als Aequivalent in Aussicht stellt. Zur Eruirung dieses Mißverhältnisses bedarf es glücklicherweise keiner Goldwage. Soweit die Kritik aus Raab. Dieses scharfe Urtheil über ein so lange und so hoch verehrtes Schriftwerk muß auffallen, und uns auffordern, nach der Quelle derselben zu suchen. Wir erkennen da bald, daß der Kritiker von der Voraussetzung ausgeht, daß Lessing ein Plaidoyer für das Judenthum habe abfafsen wollen. Er bezweifelt dies zwar anfangs selbst, aber im Verlaufe seiner Kritik nimmt er es als ganz bestimmt an, und, da aus dieser Voraussetzung heraus der Nathan und insouders die Erzählung von den drei Ringen allerdings große Schwächen zeigen würde, so wird es dem Kritiker nicht schwer, auf Lessing und sein Werk den Stein der Verurtheilung zu werfen. Wieso ist dies nun dem Herrn Ehrentheil geschehen? Sagen wir es einfach: nicht gegen Lessing, sondern gegen die jüdischen Indifferenten, welche dem Judenthunie, anderen Religionen gegenüber einen Vorzug nicht einräumen, und sich dabei aus die Erzählung von den drei Ringen stützen, gegen diese ist eigentlich der Stachel unsers Kritikers gerichtet. Auf diesem Boden hat er auch vollkommen Recht, und jene Erzählung zu diesem Behufe zu benutzen, und mit einer freigeistigen Vornehmheit auf die positiven Religionen und darunter selbst auf ihr Judenthum hinunterzuschauen, ist unter den Juden eine so häufige Erscheinung, daß sie immer und immer wieder zu bekämpfen, ihre Hohlheit und Unrichtigkeit nachzuweiscn, eine hohe Pflicht ist. Darf man aber aus dem Mißbrauche mit Recht ein Urtheil über irgend ein Schriftwerk ziehen? Man wird einwenden, jeder Autor müsse so unzweideutig schreiben, daß ein Mißverständniß, also auch ein Mißbrauch nicht möglich sei. Nun, welches Schriftwerk ist von jeher mehr, mißbraucht worden als die heilige Schrift? Haben sich mit ihren Aussprüchen nicht die Fanatiker aller Consessionen bewaffnet, um die blutigsten Verfolgungen zu rechtfertigen? Dürfte aber Jemand aus diesen Thatsachen ein Urtheil, eine Verwerfung der heiligen Schrift zu ziehen wagen? So hat denn unser Kritiker Recht, wenn er Jenen gegenüber, welche aus der Erzählung von den drei Ringen das gleiche Recht und die gleiche Fraglichkeit über die Aechtheit und Wahrhaftigkeit jeder der drei Religionen ziehen, das Alter und die Ursprünglichkeit des Judenthums geltend macht. Gerade daß die beiden andern Religionen, wie sie es selbst nicht läugnen, aus dem Judenthume entsprungen sind und sich dauernd auf dasselbe stützen, widerlegt die Vermuthung, daß auch das Judenthum zugleich mit den beiden andern als ein nachgeahmter Ring verfertigt worden sei. Auch das Argument des Herrn Ehrentheil, daß es sich hier um Ideen handle, welche überliefert und verbreitet werden können, ohne daß dem ursprünglichen Besitzer ein Schaden geschieht, die ganze vorausgesetzte Handlung des Vaters deßhalb auf die Religionen gar nicht anwendbar sei, hat etwas für sich. Wir können demnach solchen jüdischen Jndisferentisten diese Kritik empfehlen, ohne ihr jedoch als Kritik des Nathan zustimmen zu können. Er ist dem Mißverständniß und dem Mißbrauche kräftig entgegengetreten. Aber er hat sich selbst eines Mißverständnisses und Mißbrauches schuldig gemacht. Was er anfangs selbst bezweifelt, mußte er nicht weiterhin als gewiß annehmen und danach urtheilen. Es ist schon schlimm, daß er die Erzählung von den drei Ringen, also ein Stück, aus dem Zusammenhänge des ganzen Kunstwerks geriffen hat. Es ist nach unserer Meinung völlig irrig, den Nathan als ein Plaidoyer für das Judenthum anzusehen, Es ist dies durchaus nicht, und wollte es nicht sein, sondern allein: ein Plaidoyer gegen alle religiöse Verfolgungssucht, gegen allen geistlichen, unduldsamen Hochmuth, für die allgemeine religiös e T o l e r a n z. Lessing stellt Repräsentanten der drei Religionen auf, läßt sie nach verschiedenen Seiten hin in Constict gerathen und führt sie zuletzt zur gegenseitigen Eintracht, zu einer praktischen Ausgleichung hin. Lessing beantwortete sich nun die Frage: auf welchem Wege ist diese Eintracht, in der realen Welt unter den verschiedenen Glaubensparteien zu bewirken? Mit einer bloßen Hindeutung aus eine messianische Zeit? Eine erhabene Aussicht, eine großartige Hoffnung, von welcher das Judenthum nie lassen wird — aber für das wirkliche Leben, für das Leben in der Gegenwart und nächsten Zukunft ohne irgend eine Einwirkung. Auf metaphysischem Boden? Durch Discussion der Glaubenssätze? Man weiß, daß dies zu keinein Ziele führt, sondern im Gegentheil die Geister nur immer mehr erhitzt. Ans dem Wege der Vermischung, der Amalgamation, wie etwa durch Mischehen? Lessing deutet diesen Weg, weil er scheinbar etwas 30*

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