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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-23 · Heft 30 (23.7.1867) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 30 (23.7.1867)
Date
1867-07-23
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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widerfahren lassen; das große Publikum wandte ihm nicht minder die ungetheilteste Sympathie zu. Die bei weitem lebhafteste Anerkennung jedoch errang sich diese unsterbliche Dichtung des Freundes Mendelssohns in jenen intelligenten jüdischen Kreisen Deutschlands, die nach vieler Mühe und Anstrengung jene Stufe allgemeiner Kultur erklommen, von der aus sie die Stimme eines mildern, die schroffen Gegensätze mit einander aussöhuenden Zeitgeistes zu erfassen, zu würdigen vermochten. Die Ideen religiöser Toleranz im arrsgedehntesten Sinne des Wortes, die in diesem Drama kräftigen Ausdruck gefunden, konnte namentlick bei der jüd. Jugend jener Sturm- und Drangperiode nicht ohne tiefen, nachhaltigen Eindruck bleiben. Dieser Umstand trug wesentlich dazu bei, daß „Nathan" allenthalben als ein zu Gunsten des Judenthums abgefaßtes Plaidoyer behandelt und gewürdigt wurde. Ob Lessing wohl dieses Ziel vor Augen hatte, möchten wir ernstlich bezweifeln. Sollte dies jedoch in der That der Fall gewesen sein, so müßte umumwunden ausgesprochen werden, daß er in der Lösung seiner Aufgabe kein sonderliches Geschick bekundet. Warum? Die Fabel von den „drei Ringen", deren Entstehungszeit noch immer nicht mit genügender Evidenz ausgemittelt werden konnte, ist in ihrer Anwendung auf die drei Hauptreligionen nichts weniger als zutreffend. Das Gleichniß hinkt in der Weise, daß es kaum erklärbar erscheint, wie dasselbe im Laufe der Zeit dessenungeachtet aller Welt mundgerecht werden konnte. Wenn ein Vater, der drei Söhne und nur einen Wunderring besitzt, zur Vermeidung von Neid und unheilvollem Bruderhaß noch zwei andere, dem echten äußerlich ähnliche Ringe anfertigen läßt, so sieht er sich zur Ergreifung dieser entschuldbaren List offenbar aus dem Grunde genöthigt, da es doch nicht möglich, daß drei Individuen gleichzeitig des ungeschmälerten Vollbesitzes eines und desselben Ringes sich erfreuen. Nun ist es aber notorisch, daß ein ähnliches Mißverhältniß bezüglich einer „religiösen Idee" nicht denkbar. Es wird der Eine auch im geringsten nicht dadurch verkürzt, so er den Besitz irgend einer Idee mit Millionen Anderen theilt. Es wäre daher eine vollendete Absurdität, wollte man der göttlichen Fürsehung bei Errichtung der in Rede stehenden Religionsbekenntnisse ein ähnliches Motiv unterschieben. Doch noch Eines. Wie wäre es, so der kunstgewandte Goldarbeiter den von ihm mit solch preiswürdiger Geschicklichkeit imitirten zwei Ringen mit oder ohne Absicht das Datum ihrer Anfertigung eingeprägt hätte? Wäre daun eine Verwechslung der drei Ringe unter einander noch recht möglich? Könnte dann auch nur für einen Angenblick der leiseste Zweifel darüber obwalten, welcher Ring hier der ältere, echte — welche hingegen die neueren, nachgeahmten? Nun hat aber die Geschichte .es nicht unterlassen, die Entstehungszeit der drei Hauptreligionen mit ihrem Griffel zu verzeichnen. Wer hier sohin das Original von den Copien nicht zu unterscheiden weiß — der will es nicht wissen. Diese Bemerkungen dürsten so manchem als lächerlich-naiv erscheinen. Poetische Gemüther werden eine solche prosaische Auffassung dieser gefeierten Dichtung paradox, sinnlos finden. Auch dies begreifen wir. Und doch müssen wir es wiederholentlich aussprechen, daß der hohle Sophismus, der uns im „Nathan" so mächtiglich anzieht, so angenehm anheimelt, der Judenheit vielleicht einigen Vortheil, dem Indenthume jedoch unberechenbaren Nachtheil zu bringen geeignet ist. Es dürste dies jedem einleuchtend werden, die es in Erwägung zieht/ mit welcher Consequenz bei der Ventilirung der Judenemanzipation stets um der Abrogirung dieses oder jenes Stückes Judenthum gefeilscht wurde. Um so deprimirender erscheint uns der Eindruck dieser Fabel, die hier gar in den Mund eines Juden gelegt wird. Wenn Nathan etwa behufs Erlangung materieller Vortheile diese Religionsverwechslung zum Besten giebt — wir würden ihn dann nicht den „Weisen" sondern den „Servilen" benamsen. Zieht man ferner in Erwägung, daß die ganze unsinnige religiöse Discussion in Folge einer projectirten „Mischehe" entstanden, so merkt man sofort die Absicht und wird verstimmt. Es ist offenbar, daß das Ganze auf eine Amalgamation, i*l est Negation aller positiven Religionen hinausläuft. Der'selige David Friedländer darf sohin hinsichtlich seiner berüchtigten Bestrebungen nach dieser Richtung hin auf die Ehre der Priorität durchaus keinen Anspruch machen. Er suchte die Lessing'schen Ideen praktisch zur Geltung zu bringen, uneingedenk dessen, daß gar manches in schönen Versen gesagt werden kann, was im prosaischen Alltagsleben höchst absurd erscheinen müßte. Lessing war unstreitig ein lichter Kopf, ein freisinniger Mann, der Behufs Erreichung humaner Zwecke in der Wahl der Mittel, zumal diese rein religiöser Natur gewesen, keine sonderliche Aengstlichkeit verrieth. Doch wir dürfen diese nicht acceptiren; wir müssen sie perhorres-

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