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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-07-16 · Heft 29 (16.7.1867) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 29 (16.7.1867)
Date
1867-07-16
Page
Seite 575 (sequence 7)
Language
German
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die Haltung der Amsterdamer Gemeinde in den vorerwähnten Verhältnissen beurtheilt. Seine mitleidsvolle Seele empfindet tiefen Schmerz, daß man diese Haltung seit jener Zeit so sehr und allgemein getadelt hat, und er will deshalb das Gesetz der Liebe erfüllen und den Anwalt der Verlassenen spielen. Er findet es nämlich sehr natürlich, daß die Mehrheit der genannten Gemeinde die vollkommene Gleichstellung nicht wünschte, da sie zu sehr ihre selbständige Nationalität liebte und nicht einer Christennation (Christennatie) einverleibt werden wollte. „Die Leute fühlten, daß Israel nur Israel in dem gelobten Lande wäre, und nach dem heiligen Jerusalem blieb ihr Auge gerichtet." Der Mann geräth bei diesem Gedanken in solche Begeisterung, daß er einen Theil von Al naharoth Babel (Ps. 137) in sünffüßigen, gereimten jambischen Versen zu singen beginnt. Er versichert jedoch, daß er keinesweges die Absicht hat, das Vergangene zurück zu wünschen und die gegenwärtigen Verhältnisse umzustoßen. Und der fromme Mann hat sehr Recht; und das unablässige Ringen um dieselbe von der anderen, erzeugte die Gemeinde Adath Jeschurun, und ihre Begründer waren demnach nicht geleitet von Leidenschaften gegen den Gemeindevorstand zu Amsterdam, sondern von der klaren Einsicht, daß Alles davon abhänge, wie die Juden selber sich zu den ihnen gebotenen „Rechten des Menschen und Bürgers" verhielten. Sie wurden gezwungen sich von der Gesammtheit zu trennen, wollten sie nicht die sociale Zukunft der Juden aufs Spiel setzen, und in diesem Streben wirkten sie für die holländischen Juden sehr wohlthätig — Bald nach der Rückkehr der Deputirten von Paris erstatteten sie dem Könige Ludw. Nap. in einer Audienz über die Thätigkeit des Sanhedrin Bericht, am 3. Mai 1807, Bijdrafien etc. Nr. 49 S. 460. — Auch sind zwei Briefe bemerkenswerth, der eine von I. Capadoce, Parnaß der portug. Gemeinde zu Amsterdam, an Albrecht Furtado, Präsident der ersten Vers. jüd. Notabeln, worin die Betheiligung der genannten Gemeinde am Sanhedrin abgelehnt wird. Der andere: eine Antwort Furtado's an Capadoce, ib. Nr. 35 S. 318 ff. — Man vergl. noch über die Gemeinde Ad. Jesch. Paulus van Hem er dt >>Leetuur bij het ontbijt en de Theetafel“ (Amsterdam 1807) VIII S. 12; „Ich kenne einige Mitglieder dieser Gemeinde, die dem Christenthum zur Zierde gereichen würden, wenn der Zufall sie von Christeneltern hätte abstammen lassen, die aber nun, da sie von jüdischen Eltern erzeugt worden sind, von den Christen im Allgemeinen in einer gewissen Entfernung gehalten werden, nachtheilig für Beide und noch nachtheiliger für die Gesellschaft wirken." denn diese Absicht würde ihm doch nichts nützen, sondern nur ein frommer Wunsch bleiben können*). Die Regierung des Königs Ludwig Napoleon**) blieb für das jüdische Gemeindewesen nicht ohne wohl- '*) Koenen 364 — 366. Bon dem vorurteilsfreien Wesen, das Br. H. Sommerhausen (Frankl's Monatsschrift Jahrg. II S. 122) an Koenen rühmt, können wir wenig wahrnehmen. **) Die wohlwollende Gesinnung des Königs Ludwig Napoleon gegen die Juden geht uns aus manchem Berichte in den „Documents historiques et rßflexions sur le gouvern einen t de la Hollande, par Louis Bonaparte Ex-roi de Hollande“ (Paris 1820) hervor. Dsts Borurtheil drückte noch hart auf die Juden, und factisch waren die freisinnigen Prinzipien und Beschlüsse der zweiten Nationalversammlung bezüglich der Juden durchaus noch keine Wahrheit geworden. Ludwig Napoleon wollte von den Juden alle erniedrigenden und sie aus der Gesellschaft zurückdrängenden Gesetze abwälzen, was während seiner kurzen Regierung ihm nicht, so wie er es wünschte, gelang. Aus Folgendem ist zu ersehen, welche Zurücksetzungen und Beschränkungen Ludw. Nap. ins Auge faßte, die er theils abstellte, theils abzustellen bemüht war: Documents etc. I, S. 192: Les pauvres juifs, moitie riches, moiliß fort pauvres, g&nissaient sous l’oprression et s’abrutissaieut de plus en plus. II y avait peu de temps qu’on leur avait permis de s’£ta~ bür ä Utrecht et dans d’autres villes; auparavant ils 6taient consignßs aux faubourgs. (In Utrecht herrscht noch heutigen Tages bornirte Antipathie gegen die Juden, conservirt durch die daselbst stark vertretene protestantischpietistische Richtung, die aber in neuerer Zeit durch die Vorkämpfer der modernen Theologie eines Bessern belehrt wird.) Les catholiques n’£laient admis a aucun emploi honorablc et les juifs ü aucun, quel qu’il füt. Ceux-ci formaient une nation ä part.“ Ferner das. S. 193: ,,Les juifs, et neme les autres communautös chr6tiennes (außer den Reforwirten) 6taient consid6r6s comme des soci6l6s ßtrangeres qu’il fallait supporter ä cot6 de soi, seulement parce qu’elles payaient les charges et 6latent utiles k la prospßrite du commerce et de rin— dustrie nationale.“ — Das. und folg. S.: ,,La Bourgeoisie arm6e £tait interdite aux Juifs; depuis peu on leur avait permis l’enlnüe dans l’annse de terre, par suite du peu de considdration qu’on avait pour celle-ci. Les foires et marches, notamment ä Utrecht et Rotterdam, avaient Heu le jour de leur sabbat, ce qui leur nuisait beaucoup; mais comme cela eut d£range l’ordre elabli chez les ehretiens, ils n’avaient jamais pu obtenir que le jour du marche fut changA. Leurs enfants n’6taient point admis aux Cooles.“ Die durch den König Ludw. Nap. abgeschafften Sabbathsmärkte wurden in Utrecht nicht lange nachher wieder eingeführt und bestehen heute noch.

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