Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1867)
- Date
- 1867-07-02
- Page
- Seite 547 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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547 über Lessing's „Juden" geschrieben, worin jener behauptet hatte, daß ein edler und. hochherziger Jude nicht geradezu unmöglich, aber doch ganz unwahrscheinlich sei, und daß diese Ueberzeugung für jenes Drama Lessing's unempfänglich mache. Man muß auf die Entgegnung M's. gespannt sein. Es stehen aber nicht Jedermann die gesammelten Werke M's. oder L'S. zu Gebote, oder er kann dieses vereinzelte Schreiben nicht leicht aufstnden. Es ergeht daher das Gesuch an Sie, diesen Brief M's. abdrucken zu lassen, um den interessanten Artikel „Einige Rückblicke" zu vervollständigen. Ich bin u. s. w." Wir kommen diesem Gesuche gern nach, da Mancher aus dem Briefe M's. noch etwas lernen kann, und um so mehr, da dieser Brief die erste Schrift M's., die im Druck erschien, die dritte Vertheidigunsschrift der Juden in nicht hebräischer Sprache ist. Die erste von Josephus gegen Apivn, die zweite von Menasse ben Israel, „Rettung der Juden" (1656 >. Welche reiche Literatur sich an diesen Brief M's. seitdem knüpfte, und noch heute nicht abgeschlossen ist, weiß Jedermann. Der Brief lautet: Mein Herr! „Ich überschicke Ihnen hier das 70. Stück der Göttingischen gelehrten Anzeigen. Lesen Sie den Artikel von Berlin. Die Herren Anzeiger recensiren den vierten Theil der Lessing'schen Schriften, die wir so oft mit Vergnügen gelesen haben. Was glauben Sie wohl, daß sie an dem Lustspiele, die Juden, aussetzen? Den Hauptcharakter, welcher, wie sie sich ausdrücken, viel zu edel und viel zu großmüthig ist. Das Vergnügen, sagen sie, das wir über die Schönheit eines solchen Charakters empsinden, wird durch dessen Unwahrscheinlichkeit unterbrochen, und endlich bleibt in unserer Seele nichts, als der bloße Wunsch für sein Dasein übrig. Diese Gedanken machten mich schamroth. Ich bin nicht im Stande, alles auszudrücken, was sie mich haben empfinden lassen. Welche Erniedrigung unserer bedrängten Nation! Welche übertriebene Verachtung! Das gemeine Volk der Christen hat uns von jeher als den Auswurf der Natur, als Geschwüre der menschlichen Gesellschaft angesehen. Allein von gelehrten Leuten erwartete ich jederzeit eine billigere Beurtheilung; von diesen vermuthete ich die uneingeschränkte Billigkeit, deren Mangel uns insgemein vorgeworfen zu werden Pflegt. Wie sehr habe ich mich geirrt , als ich einem jeden christlichen Schriftsteller soviel Aufrichtigkeit zutraute, als er von Andern fordert!" „In Wahrheit! mit welcher Stirne kann ein Mensch, der noch ein Gefühl der Redlichkeit in sich hat, einer ganzen Nation die Wahrscheinlichkeit absprechen, einen einzigen ehrlichen Mann aufweisen zu können? Einer Nation, aus welcher, wie sich der Verfasser der Juden ausdrückt, alle Propheten und die größesten Könige aufstanden? Ist sein grausamer Richterspruch gegründet? Welche Schande für das menschliche Geschlecht! Ungegründet? Welche Schande für ihn!" „Ist es nicht genug, daß wir den bittersten Haß der Christen auf so manche grausame Art empfinden müssen: sollen auch diese Ungerechtigkeiten wider uns durch Verleumdungen gerechtfertigt werden?" „Man fahre fort, uns zu unterdrücken, man lasse uns beständig mitten unter freien und glückseligen Bürgern eingeschränkt leben; ja man setze uns ferner dem Spotte und der Verachtung aller Welt aus: nur die Tugend, den einzigen Trost bedrängter Seelen, die einzige Zuflucht der Verlassenen, suche man uns nicht gänzlich abzusprechen." „Jedoch man spreche sie uns ab; was gewinnen die Herren Recensenten dabei? Ihre Kritik bleibt dennoch unverantwortlich. Eigentlich soll der Charakter des reisenden Juden sich schäme mich, wenn ich ihn von dieser Seite betrachte) das Wunderbare, das Unerwartete in der Komödie sein. Soll nun der Charakter eines hochmüthigen Bürgers, der sich zum türkischen Fürsten machen läßt, so unwahrscheinlich nicht sein, als eines Juden, der großmüthig ist? Laßt einen Menschen, dem von der Verachtung der jüdischen Nation nichts bekannt ist, der Aufführung dieses Stücks beiwohnen, er wird gewiß während des ganzen Stücks vor Langerweile gähnen, obgleich es für uns sehr viele Schönheiten hat. Der Anfang wird ihn auf die traurige Betrachtung leiten, wie weit der Nationalhaß getrieben werden könne, und über das Ende wird er lachen müssen. Die guten Leute, wird er bei sich denken, haben doch endlich die große Entdeckung gemacht, daß Juden auch Menschen sind. So menschlich denkt ein Gemüth, das von Borurtheilen gereinigt ist." „Nicht, daß ich durch diese Betrachtung dem Lessingschen Schauspiele seinen Werth entziehen wollte; keineswegs. Man weiß, daß sich der Dichter überhaupt, und insbesondere wenn er für die Schaubühne arbeitet, nurnach der unter dem Volke herrschenden Meinung zu richten hat. Nach dieser aber muß der unvermuthete Charakter des Juden eine sehr rührende Wirkung auf die Zuschauer thun. Und in soweit ist ihm die ganze jüdische Nation viele Verbindlichkeit schuldig, daß er sich Mühe giebt, die Welt von einer Wahrheit zu überzeugen, die für sie von großer Wichtigkeit sein muß." „Sollte diese Recenston, diese grausame Seelenverdammung, nicht aus der Feder eines Theologen geflossen sein? Diese Leute denken der christlichen Religion einen großen Vorschub zu thun, wenn sie alle Menschen, die keine Christen sind, für Meuchelmörder und Straßenräuber erklären. Ich bin weit entfernt, von der christlichen Religion so schimpflich zu denken; das wäre unstreitig der stärkste Beweis wider ihre Wahrhaftigkeit, wenn man, sie festzustellen, alle Menschlichkeit aus den Augen setzen müßte." „Was können uns unsere strengen Benrtheiler, die nicht selten ihre Urtheile mit Blute versiegeln, Erhebliches vorrücken? Laufen nicht alle ihre Borwürfe auf den unersättlichen Geiz hinaus, den sie vielleicht durch ihre eigene Schuld, bei dem gemeinen jüdischen Haufen zu