Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1867)
- Date
- 1867-07-02
- Page
- Seite 548 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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548 finden, frohlocken? Man gebe ihnen diesen zu, wird es denn deswegen aufhören, wahrscheinlich zu sein, daß ein Jude einem Christen, der in räuberische Hände gefallen ist, das Leben gerettet haben sollte? Oder, wenn er es gethan, muß er sich nothwendig das edle Vergnügen, seine Pflicht in einer so wichtigen Sache beobachtet zu haben, mit niederträchtigen Belohnungen versalzen lassen? Gewiß nicht! Zumal, wenn er in solchen Umständen ist, in welche der Jude im Schauspiele gesetzt .worden." „Wie aber soll dies unglaublich sein, daß unter einem Volke von solchen Grundsätzen und Erziehung, ein so edles und erhabenes Gemüth sich gleichsam selbst bilden sollte? Welche Beleidigung! So ist alle unsere Sittlichkeit dahin! So regt sich in uns kein Trieb mehr für die Tugend! So ist die dlatnx stiefmütterlich gegen uns gewesen, als sie die edelste Gabe unter den Menschen ausgetheilt, die natürliche Liebe zum Guten! Wie weit bist Du, gütiger Vater, über solche Grausamkeit erhaben!" „Wer Sie näher kennt, theuerster Freund, und Ihre Talente zu schätzen weiß, dem kann es an keinem Exempel fehlen, wie leicht sich glückliche Geister, ohne Vorbild und Erziehung, empor schwingen, ihre unschätzbaren Gaben ausarbeiten, Geist und Herz bessern, und sich in den Rang der größten Männer erheben können. Ich gebe einem jeden zu bedenken, ob Sie, großmüthiger Freund, nicht die Rolle des Juden im Schauspiel übernommen hätten, wenn sie auf ihrer gelehrten Reise in seine Umstände gesetzt worden wären. Ja, ich würde unsere Nation erniedrigen, wenn ich fortfahren wollte, einzelne Exempel von edeln Gemüthern anzuführen. Nur das Ihrige konnte ich nicht übergehen, weil es so sehr in die Augen leuchtet, und weil ich es allzuoft bewundere." „Ueberhaupt sind gewisse menschliche Tugenden den Juden gemeiner, als den meisten Christen. Man bedenke den gewaltigen Abscheu, den sie vor einer Mordthat haben. Kein einziges Exempel wird man anführen können, daß ein Jude (ich nehme die Diebe von Profession aus) einen Menschen ermordet haben sollte. Wie leicht wird es aber nicht manchem, sonst redlichen Christen, seinem Nebenmenschen für ein bloßes Schimpfwort das Leben zu rauben? Man sagt, es sei Niederträchtigkeit bei den Juden. Wohl! wenn Niederträchtigkeit Menschenblut verschont, so ist sie eine Tugend." „Wie mitleidig sind sie nicht gegen alle Menschen, wie milde gegen die Armen beider Nationen! Und wie hart verdient das Verfahren der meisten Christen gegen ihre Armen genannt zu werden! Es ist wahr, sie treiben diese beiden Tugenden fast zu weit. Ihr Mitleid ist allzu empfindlich, und hindert beinah die Gerechtigkeit, und ihre Mildigkeit ist beinahe Verschwendung. Allein, wenn doch Alle, die ausschweifen, auf der guten Seite ausschweiften." „Ich könnte noch Vieles von ihrem Fleiße, von ihrer bewunderungswürdigen Mäßigkeit, von ihrer Heiligkeit in den Ehen hinzusetzen. Doch schon ihre gesellschaftlichen Tugenden sind hinreichend genug, die Göttingischen Anzeigen-zu widerlegen; und ich bedauere den, der eine allgemeine Verurtheiluug ohne Schauern lesen kann. Ich bin rc." Correspondenz. Kreuznach, 17. Mai 1867. Diverses. Anläßlich der Frankfurter Geschichte in Nr. 20 des Feuilletons kann ich es mir nicht versagen, Ihnen eine darauf bezügliche Anekdote mitzutheilen, die ich vor langen Jahren in Frankfurt selbst gehört habe. Als näiiilich der Fürst Primas den Magistrat aufforderte, den Juden die Promenaden freizugeben, machte derselbe den Einwand, daß es nicht ginge, weil sie zu eng wären. „So macht sie weiter," lautete die Antwort. Ich benutze diese Gelegenheit, um einen Gegenstand aus Nr. 2 desselben Blattes zur Sprache zu bringen. Sie scheinen darin zu glauben, daß das Wort Sch ubbiack nur unter den Juden gebräuchlich ist. Dagegen kann ich Ihnen versichern, daß es in meiner Vaterstadt Cleve fast nur von Christen gebraucht wird. Dasselbe ist nämlich ursprünglich holländisch, heißt schobbejak, und bedeutet: schäbiger Kerl. Konrad Schwenck sühn es in seinem deutschen Wörterbuche auch auf, und verweist dabei auf das schweizerische sobobbiaek und das holländische schobbejak. A. Pineas, Privatlehrer. Kuriosum. Die Arch. isr. lassen sich jüngst gegen den bei den französischen Gerichtshöfen herrschenden Mißbrauch ans, wenn ein Jude in einem Processe figurirt, namentlich aus Seiten der Anklage dies immer hervorzuheben. Sie erzählen dabei folgende Anekdote: Eine häßliche Sitte, welche wir bedauern, herrschte ehemals ohne Widerspruch in Brüssel. Wenn ein Israelit in einem Proceß intervenirte, sei es als Ankläger, sei es als Verthcidiger, so verfehlte der Huissier nicht zu sagen, „der und der, ein Jude." Als unser Freund, Herr Oulif, Advocat, an der Barre von Brüssel zum ersten Male auftrat, fing er, da er diese entwürdigende Sitte eingewurzelt fand, folgendermaßen an: „Ich stelle mich vor als der und der, ein Jude, gegen den und den, ein Katholik." Man stelle sich die allgemeine Erregung vor; aber seit diesem Tage hörte man nicht wieder officiell das Wort „Jude" in dem Kreis des Gerichtshofes von Brüssel. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur IIr. H. Lotze.