Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1867)
- Date
- 1867-07-02
- Page
- Seite 546 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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546 Löwen; wenn sie aber noch mehr davon tranken, wurden sie .... wie die Esel." Dieses sinnigen Märchens hat sich die jüdische Volspoesie ebenfalls bemächtigt und es nach der ihr eigenthümlichen Art und Weise behandelt. In der Darstellung und Ausfassung dieser aus einer Quelle stammenden Sage tritt uns die Verschiedenheit der Charaktere der beiden Völker: der Griechen und Juden, oder besser gesagt, der Jndogermanen und Semiten, in eclatanter Weise entgegen. Doch hierüber möge der Leser selbst urtheilen, da sich die feinen Nuancen besser Heraussühlen, als beschreiben lassen. — Wir lassen den Midrasch Tanchuma 1 B. M. 9, 19 und Jalkut z. St., nach der ziemlich treuen und poetischen Uebersetzung des vr. Krafft, „Jüdische Sagen und Dichtungen", S. 17 folgen. *) „Als Noah Pflanzte seine Reben, Da stellte sich Satan daneben Und sprach: „Was ist hier Dein Bemühen?" Ich will, spricht jener, Reben ziehen. „Und kennst Du ihre Eigenschaft?" O ja! gar köstlich ist ihr Saft; Er ist es, der den Wein uns beut, So jedes Menschen Herz erfreut. „So komm, wir wollen uns verbinden, Des Weinbergs Pflanzung zu begründen!" Und Noah drauf versetzt: Wohlan! — Was hat der Satan nun gethan? Er hat ein Lamm herbeigetragen Und unterm Weinstock es erschlagen; Bringt einen Löwen dann herbei Und thut desgleichen auch dem Leu. Sodann würgt er ein Schwein als Spende Und einen Affen noch am Ende. Der Thiere Blut floß in die Erde, Wo es die Pflanze schnell verzehrte. Was mag davon der Sinn nun sein? Bevor**) der Mensch genießt den Wein, Ist er dem Lamme gleich unschuldig Und wie das Mutterschaf geduldig. Trinkt er mit Maß, er wird ein Held, Ein Löw', und scheut nichts in der Welt. Wer aber über Maß getrunken, Der gleicht dem Schwein, in Koth versunken. *1 Vergl. Dukes, Rabbinische Mumenlese S. 192. Derselbe bemerkt dabei, daß diese Parabel sich mit einer kleinen Modification in den Gesta romanorum No. 159 der deutschen Uebersetzung von Grässe befindet. Wir haben also drei verschiedene Auffassungen dieser Sage, die drei verschiedenen Zeiten und Völkern angehören! **) Im Jalkut heißt es nicht bevor, sondern: Beim ersten Glase gleicht der Mensch dem Lamme. .nn bevor r>:s nbms Hin ms dis nmo diniss Man sieht also auch daran«, daß die Version des Jalkut viel richtiger ist als die des Tanchuma. Und wer ganz voll ist, gleicht dem Affen Und wird zum Schäkerer und Laffen, Der Unflath nur und Possen spricht, Und was er thut, das weiß er nicht." Schon in den beiden handelnden Personen: Satan und Dionysos, der Gott des Weines, giebt sich die eigentliche Anschauungsweise der beiden Völker kund. Aber auch die gewählten Symbole geben uns die charakteristischen Merkmale vortrefflich an. Der Grieche wählte den Vogel als Symbol der Freude und des Sanges, weil ihm Wonne und Lust die höchsten Ideale des Lebens sind. Der Jude dagegen das Schaf, als das Bild der Unschuld, der Aufrichtigkeit und der frommen Hingebung; denn Unschuld und Frömmigkeit sind ihm die theuersten Güter auf Erden. Der Wein, mäßig genossen, stimmt nicht nur zur Freude, sondern auch zur Gutmüthigkeit und Sanftheit, zur Treue und Aufrichtigkeit. In vino veritas, sagt ein bekanntes lateinisches Sprichwort, daS auch im Talmud, Erubin 65, vorkömmt! Zieht der Wein ein, so zieht das Geheimniß aus. — Das Prototyp der Thorheit und Dummheit ist dem Griechen der Esel. Die Juden, wie alle morgenländischen Völker, verabscheuen das Schwein, als das Bild der Unreinheit und Unfläthigkeit. Der Midrasch Tanchuma läßt aber noch ein viertes Thier, den Affen, folgen und zwar als Symbol der Nachäffung und Thorheil. Allein, wie es scheint, ist dies nur eine spätere Bearbeitung dieser Sage, was die unrichtige Reihenfolge der Thiere auch schon darthut. Denn der Natur der Sache gemäß sollte auf den Löwen der Affe folgen, und dann erst das Schwein, um den letzten Grad des Rausches anzuzeigen. Nach einer andern Version, die uns der Jalkut, nach Midrasch Abkir, erhalten, sind wirklich nur, wie in der griechischen Legende, drei Repräsentanten, und zwar die drei Symbole der Sanftmuth und der Unschuld, des Muthes und der Stärke, der Unreinheit und Abscheulichkeit, nämlich:' das Schaf, der Löwe und das Schwein angeführt — und wir glauben deshalb dieser Darstellung als der ursprünglichen und originellern den Vorzug einräumen zu müssen. — Sinniger ist die Angabe in der jüdischen Sage, als in der griechischen, daß der Weinstock von dem Blute der Thiere genährt und großgezogen wurde. Den Wein nennt die Schrift „Traubenblut"; in dem Traubenblut ist denn auch das sanfte Blut des Schafes, das hitzige * und muthige des Löwen, wie das unreine des Schweines beigemischt und vermengt. l Folgt II.) Ein Brief Mendelssohn's, die erste gedruckte Schrift desselben. „Herr Redacteur! Sie haben im Feuilleton Nr. 24 sich auf einen Brief Mendelssohn's bezogen, welchen er gegen die anmaßende Recension des gelehrten Michaelis