Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1867)
- Date
- 1867-07-02
- Page
- Seite 545 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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A l l g e m r i n e Zeitung -es Indcnthums. Fenillkton-Keilage zu Ar. 27. Leipzig, den 2. Juli 1867. Vergleichende Studien über den Talmud. Von Rabb. Oppenheim in Gr. Becskerek. I. Noah und Dionzsos. Mit emsigem Fleiße wurden in neuerer Zeit die zerstreuten Blüthen auf den anmuthigen Gefilden der Sage und der Legende aus allen möglichen Zonen zusammengetragen und zu einem lieblichen, bunten Strauße verbunden. Die vergleichenden Studien, die mit so vieler Borliebe betrieben werden, zogen nicht nur die Sprachen, sondern auch das ganze Gebiet der Sage in ihr Bereich, um dem einigen ursprünglichen Geiste, der sich in all diesen dichterischen Gebilden und Schöpfungen des Volkes kundgiebt, desto besser nachspüren zu können. Schon die ersten Untersuchungen zeigten zur Genüge die nahe Verwandtschaft, welche zwischen den Sagen und Mythologien der verschiedensten Völker herrscht, die oft weit augenfälliger ist, als z. B. die Verwandtschaft der Stämme der indogermanischen Sprachen unter einander. Äm „Jüdischen Vvlksblatte" 1866, Nr. 16, 17 u. 18, haben wir einige Proben unter obiger Ueberschrift witgetheilt. Bei der Wichtigkeit dieses Gegenstandes bedarf es wohl nicht erst der Entschuldigung, wenn wir abermals einige interessante Beispiele, die wir von Zeit zu Zeit fortzusetzen gedenken, dem geehrten Leser vorführen, die wahrlich reichen Stoff zu einer tief eingehenden Betrachtung und Untersuchung bieten. Der gelehrte Conful v. Hahn, dem die Literatur der morgenländischen Völker und namentlich die vergleichenden Studien so vieles zu verdanken haben, führt in seiner höchst interessanten „Sammlung griechischer Märchen" folgende höchst sinnige Legende an, die mit einer bekannten, vielfach übersetzten Stelle im Midrasch fast ganz übereinstimmt; so daß es schwer ist zu entscheiden, wem nun die Priorität der Erfindung zuerkannt werden soll. — In der sinnreichen Legende, die die Geschichte des ersten Weinstockes behandelt, spielt der alte Weingott Dionysos die Hauptrolle, nur wird er hier, wie dies in der neugriechischen Volkspoesie meist der Fall ist, in den „heiligen Dionysos" metamorphosirt. *) Die alte griechische Parabel, die Jahrhunderte im Munde des Volkes fortlebte, wurde in eine christliche Legende umgewandelt, doch ist, außer der Verwandelnng des Vaters Bacchus in einen Heiligen, der Geist und der Charakter des alten Mythos ziemlich treu beibehalten worden. „Als Dionysos noch klein war, machte er eine Reise durch Hellas, um nach Naxia — nach Naxos, dem alten Hauptsitz des Dionysoscultus— zu gelangen. Da aber der Weg sehr lang war, ermattete er und setzte sich auf einen Stein, um auszuruhen. Als er nun so da saß und vor sich niederschaute, sah er zu seinen Füßen ein Pflänzchen ans dem Boden sprießen, welches er so schön fand, daß er sogleich den Entschluß faßte, es mitzunehmen und zu pflanzen. Er hob daß Pflänzchen aus und trug es mit sich fort; da aber die Sonne eben sehr heiß schien, fürchtete er, daß es verdorren werde, bevor er nach Naxia komme. Da fand er ein Bogelbein und steckte das Pflänzchen in dasselbe und ging weiter. Allein in seiner gesegneten Hand wuchs das Pflänzchen so rasch, daß es bald unten und oben aus dem Knochen herausragte. Da fürchtete er wieder, daß es verdorren werde, und dachte auf Abhilfe. Da fand er ein Löwenbein, das war dicker als das Vogelbein, und er steckte das Vogelbein mit dem Pflänzchen in das Löwenbein. Aber bald wuchs das Pflänzchen auch aus dem Löwenbein. Da fand er ein Eselsbein, das war noch dicker als das Löwenbein. Und er steckte das Pflänzchen mit dem Vogelbein und dem Löwenbein in das Eselsbein; und er kam auf Naxia an. Als er nun das Pflänzchen pflanzen wollte, fand er, daß sich die Wurzeln um das Vogelbein und das Löwenbein und um das Eselsbein geschlungen hatten. Da er es also nicht herausnehmen konnte, ohne die Wurzeln zu beschädigen, so pflanzte er es ein, wie es war, und schnell wuchs die Pflanze empor und trug zu seiner Freude die schönsten Trauben, aus welchen er sogleich den ersten Wein bereitete und den Menschen zu trinken gab. Aber welch ein Wunder sah er nun! Als die Menschen davon 'tranken, sangen sie Anfangs wie die Vögelchen; und wenn sie mehr davon tranken, wurden sie stark wie die *) Siehe den lehrreichen Artikel: „Die neugriechische Volks- Poesie und das klassische Alterthnm" von E. Carathöodory in „Hilberg's Internationaler Revue", Hft. 2 u. 3.