Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1867)
- Date
- 1867-07-02
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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fischen Ausdruck zu brauchen — keine „landlosen" Leute. Die Ausdehnung dieses Institutes auf die westlichen Theile des Reiches ist seit lange ein Lieblingsgedanke der russischen Demokratie, welche in dem Gemeindebesitze eine neue Formel der Civilisation, eine definitive Lösung der socialen Frage gefunden zu haben meint und die westeuropäische Form des persönlichen Eigenthums an Grund und Boden perhorrescirt." — Wir haben hier diese Mittheilung angeführt, weil sich daraus erkennen läßt, daß es doch große Länderstrecken giebt, in welchen die grundbesitzlichen Verhältnisse anders beschaffen sind, als im westlichen Europa. In Livland besitzt nur ein Sechstel der Bauernwirthe, in Kurland ein Neuntel Grund und Boden, die andern sind Pächter, und den Grundbesitzern und Pächtern gegenüber besteht die große Klasse der Knechte. Wenn aber nun nach den oben geschilderten russischen Verhältnissen wiederum das persönliche Eigenthumsrecht fehlt, woraus große Mißstände schon in der Bearbeitung Nothwendig fließen, so wird man unwillkührlich an die mosaische Gesetzgebung erinnert, welche zwischen beiden Systemen mitten inne steht und die Bortheile beider miteinander vereinigt. Hier war der gesammte Grund und Boden des Landes nach der Zahl der Familien in Loose getheilt, so daß eine gleichmäßige Vertheilung des Bodens unter dem gesanrmden Volke Statt gefunden. Jedes dieser Familiengrundstücke fiel, was auch mit ihm geschehen sei, im Jobeljahre, also dem fünfzigsten Jahre, stets wieder an die Familie zurück, so daß jeder Verkauf nur eine Verpachtung des Grundstücks auf die Jahre bis zum nächsten Jobel bedeutete. Auf diese Weise war eine verhältnißmäßige Vertheilung des Grund und Bodens gesichert, aber auch das Eigenthumsrecht und der bleibende Besitz desselben Grundstücks geschaffen, und es gab in höherem Sinne als in Rußland keine „landlosen" Leute, da die Leute das ihnen zugetheilte Land auch wirklich besaßen. Asien. Smyrna, im Juni. In Smyrna wurden die Glocken der auf Candia verwüsteten Kirchen zum Verkauf angeboten; die Juden kauften sie und sandten sie dem Erzbischof zur Verwendung bei dem Wiederaufbau der Kirchen. Die „Jndep. hell." von Athen veröffentlicht das Begleitschreiben, worin dem Erzbischof für die Toleranz, die er fortwährend predige, der Dank der Gemeinde ausgesprochen wird. Smyrna, im Juni. Der „Levant Herald“ bringt das Schreiben, mit welchem der Vorstand der israelitischen Gemeinde die Glocken dem griechische Erzbischof übersandte. Es lautete: „Sehr ehrwürdiger Vater. Sechs Glocken, welche einigen Ihrer in Kreta geplünderten Kirchen gehörten, sind auf den Straßen Smyrna's mit anderen Beutegegenständen aus den geplünderten Dörfern zum Verkauf ausgeboten worden. Bei diesem traurigen Anblick geziemte es den Herzen der Israeliten, jenen Herzen, welche noch über die Ruinen ihres Tempels seufzen und den Raub des Erbtheils Aarons beklagen, von. Kummer und Mitleid erfüllt zu werden. Die Israeliten — welche Jahrhunderte hindurch tausend Qualen und Verfolgungen mit Muth und Ergebung erduldet haben, und welche, als wahre Märtyrer des Glaubens an Einen Gott, noch jetzt kräftig die Ungerechtigkeit mancher Nationen und Regierungen ertragen — konnten nicht gleichgültig bleiben bei dem entheiligenden Mißbrauche von Glocken, welche sonst von den Kirchthürmen herab die Christen zum Gebet und zur Uebuug brüderlicher Liebe ermunterten. Die Israeliten, tief bewegt von dem Gedanken an ihre eigenen Leiden und von der Dankbarkeit gegen Sie, ^die Sie gegenseitig guten Willen einschärfen, haben diese Glocken gekauft und bieten sie jetzt durch uns Ihnen, sehr ehrwürdiger Vater an, und bitten Sie, sie für die ersten Kirchen, die in Kreta wieder aufgebaut werden, anzunehmen. Wir senden täglich unsere Gebete zum Himmel, daß die Betrübten getröstet werden, und daß Ihr Leben verlängert werde, damit Sie fortfahren, Ihre Gemeinden mit dem Geiste brüderlicher Liebe zu beseelen." Für die Gemeinde: Joseph P. Ventura de Vita. Abraham S. Levi. Vita Elita Artzi. Der Bischof erwiederte schriftlich, daß er die Gabe mit Vergnügen annehme, und daß er zugleich die israelitische Gemeinde beglückwünsche zu den edlen Gefühlen, die sie bei dieser Gelegenheit bezeugt hätte.