Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-06-25 · Heft 26 (25.6.1867) · p. Seite 515

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 26 (25.6.1867)
Date
1867-06-25
Page
Seite 515 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226608--25084-3260570
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

515 gewandt werden, sowohl zur Reform unseres Gottesdienstes, als zum Hinwegraumen der Nebel und Gebrechen, welche die letzten Spuren der liebevollen Behandlung sind, die wir Jahrhunderte lang erduldet haben? „Unsere Seele klebt am Staube!" Bezeichnet dies, daß wir streben unsere materielle Wohlfahrt zu befördern? Aber sind unsere christlichen Landesgenossen dagegen kalt und gleichgültig? Treiben diese Handel, üben diese ihr Gewerbe aus, bebauen diese ihre Ländereien, allein in SUMMSIN Dei gloriam, oder schütten diese all ihren Gewinn, ihre Renten und Einkünfte in die Kirchen¬ oder Armenkaffe? „Wir haben keine Empfänglichkeit für Dinge, die des Geistes sind!" Verstehen Sie darunter, daß wir nicht in den höheren Sphären eines nebelhaften Mysticismns verweilen? Wir nehmen uns diesen Vorwurf nicht an. Wir gönnen Ihnen dort den Ehrenplatz. Oder meinen Sie, daß wir das Abstrakte nicht fassen können und allein das Sinnliche uns anzieht? Aber wie ist es denn möglich, daß wir, um nicht mehr zu sagen, auf jedem Gebiete der Wissenschaft glanzvoll mit Ihnen wetteifern? Wie kömmt cs z. B., daß in verschiedenen Theilen Deutschlands so viel Mühe angewandt wird, um einen jüdischen Professor zurückzudrängen, allein aus Furcht, daß so Viele rechtmäßigen Anspruch auf diese Auszeichnung machen würden? Wie kömmt es, daß vor nicht langer Zeit an der Hochschule zu Berlin ein Drittel des lehrenden Personals aus Kindern Israels bestand, die zwar größtentheils zum Christenthum übergegangen sind oder waren, aber deren Anlagen sich vor dieser Zeit gebildet und entwickelt hatten? Und haben wir, die am Staube kleben, vielleicht kein Gefühl für das Schöne, keinen Sinn für Kunst? Ist unser Maler Israels*- bloß ein Pinselpfuscher und Farbenklecker, wenn er seine herrlichen Kunstwerke schafft? waren ein Meyerbeer, ein Halevy, ein Mendelssohn-Bartholdy, bloße Mnsiknotenfchreiber, als sie ihre melodieusen Symphonien und Oratorien componirten, von denen Ihre Kirchen wiederhallen? oder war die unvergleichbare Rachel, als sie die Hörer an ihre Lippen fesselte, und tausende Zuschauer durch ihre beseelte Kunst elektrisirte, eine fromme Christin? Doch wozu noch mehr, um Ihre nebelhafte Phrase zu enthüllen? Ich will Ihnen lieber sagen, wer nach meinem Urtheile ein Volk des Buchstaben ist. Nicht die Juden, sondern Sie und Ihre Geistesverwandten. Sie, die Sie im Christenthume sehen, nicht die erhabene Idee, nicht einen Entwickelungsmoment in der Geschichte der Menschheit, nicht seinen allgemeinen, seinen kosmopolitischen Charakter; nicht ein System von Vorschriften der Liebe, die, weil sie Alle und Alles umfassen, diesen Ehrfurcht gebietenden Einfluß auf die Gesellschaft ausgeübt haben, sondern die Sie im Christenthume nur Ihren Christus sehen.*) Wissen Sie, wer keine Empfänglichkeit für die Dinge, die des Geistes sind, hat? Das sind Sie und Ihre Geistesverwandten, die, Sklaven des Buchstaben, der todt ist, glauben, daß mit einer Wundergeschichte oder einer Legende die Idee der Christenheit stehen oder fallen müsse. Sie, der nicht begreifen kann, wie Jemand, wenn er nicht im Besitze der Gnade durch Ihren Glauben ist — lebte er auch allen Vorschriften Ihres Heiland nach — weise, glücklich und selig werden könne. - Sie, der, wie einer unserer Rabbinen einem anderen Schwärmer bemerkte: vous n’avez du Christianisme que le Christ. Nicht wir, sondern Sie sind der Knecht der Buchstaben. Nicht Sie, sondern wir unterscheiden zeitliche Formen und ewiges Wesen: den Kern und die Schale. Nicht wir sind es also, die das gesellschaftliche und staatliche Leben verderben; sondern Sie und die Ihrigen, die uns zurückdrängen möchten in die undurchdringliche Finsterniß des Mittelalters, wo Juristen, beseelt mit einem Geiste gleich dem Ihrigen, uns zwar keine erlangten Rechte nehmen wollten oder konnten; aber doch als eine Rechtswahrheit verkünden durften: In Judaeos aequilas non ost ohservanda. Doch glücklicherweise sind diese Zeiten vorüber. Die Revolution hat mit Ihren Prinzipien für immer gebrochen, und so lange Sie die Gedanken nicht an Fesseln legen und ihre Aeußerung nicht verhindern können, werden Sie das verlorne Terrain nicht wieder erobern. Gar zu gut begreift man, und für den, der es nicht wußte, hat der ungläubige Opzoomer**) noch unlängst dem Volke verkündet, welch' ein Segen für die Niederlande sein würde: Die Orthodoxie am Staatsruder. Leyden, 13. Juni 1863. I. E. Goudsmit. *, Da die holländische Preßfreiheit nicht die aller Länder ist, so lassen wir hier eine sehr charakteristische Stelle aus. Redaktion. **) Empirischer Philosoph zu Utrecht. *) Bergl. Sk. II.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.