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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-06-25 · Heft 26 (25.6.1867) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 26 (25.6.1867)
Date
1867-06-25
Page
Seite 514 (sequence 6)
Language
German
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beseelenden Kraft baaren Mediocritäten, die nach Ihrem gesalbten Constantin lebten? Oder unterscheiden wir uns in der Handhabung und Anwendung des Rechts von unseren übrigen Landesgenossen? Sie selbst glauben dies nicht. Sie haben als Justizminister einen meiner Anverwandten dem Rechtswesen einverleibt, und ich bin sogar geneigt zu glauben, daß Sie es nochmals thun würden, wenn eine, ebenso wenig zu wünschende als zu erwartende, Umkehr der Dinge Sie wiederum auf den Ministersessel erheben sollte. Sie beklagen den Einfluß, den die Juden auf unser Volk und in unseren Rathssäleu ausüben! Was wollen Sie mit solch' hohlklingenden Phrasen sagen? Trüben wir die Moral? Nähren wir Untugenden? Befördern wir den Unglauben? Oder liegt die Schuld an uns, wenn die denkenden und erleuchteten Christen sich mehr und mehr von Catechisurus, Formeln und dem kirchlichen Dogma los machen? Ist uns die Schuld beizumessen, daß dem Niederländischen Christenthume nicht mehr mit den Auffassungen Ihrer Orthodoxie gedient scheint? Haben unsere Tagesblätter und unsere Rechtsgelehrten die moderne Theologie ins Leben gerufen, oder ihr die Kraft verliehen, um Sie und die Ihrigen aus dem Felde zu schlagen? Haben Israelitische Rechtsgelehrte theologische Streitfragen in die Form von Requisitorien und Plaidoyers gehüllt, urn die Nation zu entchristlichen? So sagen Sie mir's doch, Wohlgebvrener Herr! Welchen eigenthümlichen jüdischen Einfluß haben wir auf das Volk ausgeübt? Oder waren wir es vielleicht, die die Verfassung von 1848 entworfen, die liberalen Einrichtungen geschaffen, die Sie verabscheuen, aber nicht vernichten können? Könnten wir uns doch diese Verdienste zueignen! Aber nein! Sowohl die edlen neun Männer, als die Mitglieder der Revisions-Commission waren, freilich keine orthodoxe, aber nichts desto weniger alle brave Christen. Einfluß in unseren Rathssälen! In welchen? In den Gemeinderäthen und Provinzial-Saaten, in welchen letzteren nur ein Einziger der Unsrigen sitzt und deshalb wahrlich nicht gar zu viel vermag; und während der ganzen Zeit z. B. daß ich die Ehre habe, Mitglied ves Leydenschen Gemeinderathes zu sein, kam noch keine Frage vor, die mir — wäre ich beschränkt genug, danach zu streben — Gelegenheit hätte geben können, direkt oder indirekt christliche Grundsätze zu unterwühlen. Denken Sie an die General-Staaten? Aber um nicht von der kurzen Parlamentären Laufbahn meines Freundes Mr. van Ni er op zu sprechen, so war es Godefroi allein, der dort Sitzung hatte und wirklich Einfluß ausübte; und wahrlich, Sie sind wohl der Einzige, der dies beklagt. Alle übrigen Niederländer, welcher politischen Partei sie auch zugethan sein mögen, schätzen seinen Charakter, seine Talente, seinen Scharfblick hoch, und daß er, trotz des Widerstandes Vieler, zu Stande zu bringen wußte, was weder Ihnen noch Ihren Vorgängern gelungen war, möge für Manchen die Triebfeder zum Nacheifer sein. Dem Lande hat er Dienste bewiesen, die ebenso sehr über Ihre Kritik als mein Lob erhaben sind. Aber nun erst kömmt das Herzeleid: „Wir sind das Volk des Buchstaben, das so sehr am Staube klebt und so wenig Empfänglichkeit für die Dinge besitzt, die des Geistes sind." Hier möchte ich eine Frage Ihrer Beurtheilung unterwerfen. Wie konnten wir, von Ihrem Standpunke betrachtet, jemals einen verderblichen, einen großen Einfluß ausüben? Wenn wir keine Empfänglichkeit für die Dinge, die des Geistes sind, haben, was vermochten wir dann,? Durch welche Kräfte wirkten wir nach Außen? Durch numerische Mehrheit? Wir machen nur ein Fünfzigstel der Bevölkerung aus. Durch unseren beträchtlichen Grundbesitz? Wir haben weder Landjunker noch Adel. Oder wirken wir durch Centralvereine, durch Propaganda zur Verbreitung des Judenthums unter den Christen? Haben wir z. B. Gesellschaften, wie Unitas, Phylakicrion*) und was der Art mehr erfunden werden kann, um durch materielle Unterstützung unseren Glauben auftecht zu erhalten, unsere Richtung zu befestigen? Wenn wir also trotz einer numerischen Minorität, ohne außergewöhnliche physische Kräfte und Hülfsmittel, ungeachtet der Vorurtheile und der Antipathien Vieler, Einfluß ausgeübt hätten, sollte es dann nicht eben die beseelende Kraft des Geistes gewesen sein, durch welche allein dies zu erreichen war? „Wir sind ein Volk des Buchstaben!" Wie! Habe» wir, uns an den Buchstaben anklammernd, d. h. an des Geschriebene, an das Alte, an das Ueberlieferte, uns abgeschlossen und zurückgezogen vor dem Fortschritte der menschlichen Entwickelung? Laufen wir noch in Turban und Kaftan umher? Wissen Sie nicht, was meine Glaubensgenoffen thaten und thun für biblische Kritik? Kennen Sie nicht unser kräftiges Streben nach Verbefferung des Religionsunterrichts, die Bemühungen, die an- *) Pietistische Vereine.

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