Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1867)
- Date
- 1867-06-18
- Page
- Seite 499 (sequence 11)
- Language
- German
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499 sondern der Kaiser Napoleon hat in der Sache einen eigenhändigen Brief an den Fürsten von Rumänien gerichtet. „Ich lenke die Aufmerksamkeit Ihrer Hoheit," heißt es, wie die „Französische Correspondenz" erfährt, in dem Briefe wörtlich, „auf die massenweise Verbannung von Israeliten, zu welcher Ihre Regierung schreiten zu sollen glaubte." Diese Schritte haben Erfolg gehabt. Fürst Carl hat sofort Befehl gegeben, die Verfolgungen einzustellen, welche eine so allgemeine Mißbilligung gefunden haben, und die unglücklichen Israeliten, die ihr Heil außerhalb der Grenzen der Donaufürstenthümer gesucht hatten, nach ihren Wohnsitzen zurückzuberufen. Gewiß ist es die größte Demüthigung für eine Nation, wenn sie selbst ihre inneren Zustände nach dem Willen und den Kundgebungen anderer Mächte ordnen muß; aber die allergrößte Demüthigung, wenn ihre Regierung hierzu durch die widersinnigsten und ungerechtesten Maßnahmen die Veranlassung giebt. Hätte unsere Regierung doch auch nur das geringste Motiv zu solchem unerhörten Verfahren gehabt — wenn nicht eben um die Gunst des. Pöbels zu buhlen und die Verfassung zu beseitigen. Denn selbst in volkswirthschaftlicher Beziehung war dieser Streich ein durchaus schädlicher. Den Rumänen noch das kleine industrielle Ferment des jüdischen Verkehrs zu nehmen, würde in den Donaufürstenthümern alle kommerzielle Thätigkeit lahm legen, und einen beträchtlichen Theil der Bevölkerung plötzlich aus allen Beziehungen zu reißen und aus dem Lande zu werfen, schädigt die Interessen nicht blos der Juden, sondern in demselben Grade die der christlichen Bevölkerung. Daher gelang der Regierung auch nicht einmal das erste jener beiden Motive. Denn außer einem Bruchtheil des niedersten Gesindels war die Bewohnerschaft Jassy's auf Seiten der Juden und gegen die Regierung: sonst würden noch viel schrecklichere Scenen, eine noch viel traurigere Katastrophe unausbleiblich gewesen sein. Aber gerade die Volksführer durchschauten den geheimen Plan des Ministers am ehesten und hielten das Volk von der Betheiligung an der Polizeiwirthschaft, die der Minister angeordnet, zurück. Es versteht sich, daß die Rechtsunsicherheit und die Rechtsverwirrung in Rumänien durch diesen Akt nur vergrößert worden ist; die Regierung des Fürsten Carl hat sich selbst einen schwer zu heilenden Schlag beigebracht; denn sie machte der Welt wieder einmal klar, daß was an Ruhe und Ordnung in unserem Lande noch zu erhoffen ist, nicht von unserer Regierung, sondern von den Großmächten zu erwarten steht. Unsere Blicke sind daher immer über unsere Regierung hinweg auf die Großmächte gerichtet; und das ist gewiß keine angenehme Lage in einem Staate. Die „Presse" läßt sich vom 28. Mai schreiben: „Die Maßregel der Regierung, welche in der Moldau zu einer der schrecklichsten Judenhetzen ausartete, sollte eigentlich keinen anderen Zweck haben, als die Moldau von dem paßlosen Gesindel zu reinigen, welches sich aus Rußland und Galizien dahin geflüchtet hat, um sich entweder der Assentirung oder der Bestrafung für Verbrechen. und Vergehen zu entziehen. Diese an sich' gute Maßregel wurde aber dazu mißbraucht, daß man anstatt des paßlosen Gesindels die Israeliten einfing, mochten sie mit Pässen versehen sein oder nicht, nach Oesterreich, Rußland oder den Fürftenthümern zuständig sein; sie wurden eingefangen, mißhandelt und nach der Grenze transportirt. Doch zeigte sich die österreichische Grenzbehörde nicht geneigt, den der rumänischen Regierung überflüssig scheinenden Reichthum an Israeliten derselben abzunehmen, sondern verweigerte vielmehr die Annahme des Judentransports welcher an der russischen Grenze dasselbe Schicksal erfuhr. Somit hat man die in Frage stehenden Unglücklichen jetzt nach der türkischen Grenze transportirt, und es ist noch nicht entschieden, ob der Zuwachs oder vielmehr Zuschub von Israeliten den Türken willkommener sein wird als den Russen oder Oesterreichern. Im Interesse der Menschlichkeit aber sollte man wünschen, daß Rußland und Oesterreich sich nicht damit begnügen, auf die erwähnte passive Weise gegen daS barbarische dem Jahrhundert hohnsprechende Verfahren der „liberalen" Regierung eines „dem Fortschritte aus so eigenthümliche Weise huldigenden" Staates zu protestiren." Man kann hieraus das traurige Schicksal der Ausgewiesenen ersehen. Allein das ist nicht richtig, daß die Regierung allein das paßlose Gesindel im Auge gehabt habe, denn wozu hätte sie sonst die gewerblichen Beschränkungen, welche einen großen Theil der Juden erwerblos machen, und der christlichen Bevölkerung nicht weniger schaden würden, vorangehen lassen? — Als die Deputation bei dem Fürsten war, legte sie ihm auch diese Frage vor, ob die jüdische Gemeinde von Bukarest es wagen dürfe, ihren nunmehr restau- 25*