Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1867)
- Date
- 1867-06-18
- Page
- Seite 495 (sequence 7)
- Language
- German
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495 vor der christlichen Moral und ihren Tugendlehren im Sinne des Urchristenthums — denn nur dies kann die Bedeutung sein von: Christenthum vhne Dogma und specifisch christlichen Lehrsatz — kann und darf das Judenthum nicht auf das Recht verzichten, das ihm als dem Quell gebührt, dessen Ausströmung die christliche Moral ist. Dies ist weder eine eitle Anmaßung noch ein leerer Streit; es ist ein Punkt von höchster Wichtigkeit, bei dessen Aufgabe unberechenbare Nachtheile dem Judenthume und seinen Bekennern erwachsen müssen. Das Judenthum ist die Lehrerin des Christenthums in Tugend und Sittlichkeit; ist die Mutter desselben, und die Mutter kann von der Tochter nicht erzogen werden. Darum ist nicht jeder gute Israelit ein tugendhafter Christ; sondern jeder guter Christ ein tugendhafter Israelit. „Das unterschreiben wir in vollster Ruhe." Das Judenthum ist nicht ein Strahl des Christenthums; das Christenthum ist — in seiner ursprünglichen Gestalt — ein Strahl des Judenthums. Sollte es nöthig sein, das hier mit dem Rüstzeuge der Bibel und des späteren jüdischen Schriftthums zu beweisen, das zu beweisen, was ja schon so oft bewiesen worden? Wir halten deshalb diesen Beweis für überflüssig; wollen jedoch ein Wort anführen, nicht weil es Neues enthält, sondern weil es von einem Manne ausgesprochen wurde, der ebenfalls unserer Zeit und dem Judenthume angehört, der ebenfalls einen Achtung gebietenden Namen als Jurist hat, der zufällig ebenfalls ein Ex-Minister ist. Wir meinen ein Wort Orömieux's: „La voilä cette loi qui sera un jour la loi de l’univers. Toutes les religions r<§v£lees Font prise, en eilet, de ce petit peuple, cach£ dans un pli de l’Asie. L a Bible est partout; sa morale devient la morale de tous les peuples, qui se civilisent. La rcligionjuiveestla mere des religionsqui repandentla civilisation.“ (Bulletin de l’allianee Israßlite universelle, Juiliet 1864, pag. 21.) Und warum behauptete Herr Godefroi in seiner Auffassung der „ehristelijke deugden“ nicht diesen echt israelitischen Standpunkt? Könnte wohl auch nur einen Augenblick sein ernster Wille, das Wohl seiner Glaubensgenossen zu befördern, in Zweifel gezogen werden? Keinesweges! Des Mannes Charakter, die allgemeine Hochachtung, die er als eine wohlverdiente genießt, ist eine sichere Bürgschaft für diesen Willen. Er hat in den allgemeinen Berathungen des Schulgesetzes die Bereitwilligkeit ausgesprochen, für seine Glaubensgenossen zu streiten ss. ob.) und seine Worte enthalten Wahrheit. Aber Hern Godefroi — wir bedauern, es aussprechen — hat in diesem seinem Willen gezeigt, daß er das Judenthum nicht kennt, nicht dessen Wesen und reine Lehre über Tugend und Sittlichkeit; nicht dessen Kern und Geist, nicht dessen Vergangenheit und welthistorische Sendung, nicht dessen Verhältniß zum Christenthume. Würde Herr Godefroi von All' dem durchdrungen gewesen sein, so hätte er gewiß über das Schulgesetz zwar so gestimmt, wie er gethan; aber zugleich feierlichst Protest dagegen eingelegt, daß das Christenthum die einzige, älteste, reinste Norm für die Erziehung des Menschen zur Tugend wäre. Er hätte unter diesem Proteste die ehristelijke deugden im Gesetze durchgehen lassen, weil das Gesetz selbst, schädliche Folgerungen daraus zu ziehen, verhütet hat, und weil er lieber den, zwar nach seiner Ueberzeugung unrichtiger: aber doch unschädlich gemachten Ausdruck durchgehen lassen als die nicht confessionelle Schule auf's Spiel setzen wollte. Welchen Eindruck hätte ein solcher Protest auf die zweite Kammer machen müsse::, der unter einer Beleuchtung des inneren Wesens des Judenthums geschehen wäre, wie es ein Godefroi zu thun vermocht hätte, wenn dieses Wesen ihm bekannt gewesen wäre. Welche Achtung wäre hierbei, vielleicht Groen van Prinsterer*) selbst, für das Judenthum eingeslößt worden. Welch' hohen Besitzes hätte das Niederländische Israel sich zu erfreuen, wenn ein Godefroi, außer seinen Talenten, seinem seltenen Charakter, seinem Einflüsse, auch das Judenthum in der angedeuteten Weise kennen würde! Ja, nur aus der wahren Kenntniß des Judenthums kann die Begeisterung und die Streitkraft für dasselbe erzeugt werden. Quod erat demonstrandum! Diesen Satz, heute negativ bewiesen, wollen wir nächstens auf positivem Wege durch Tathsachen zu bestätigen suchen.**) *) Das Haupt der Partei vom „christlichen Staat." **) In der Diskussion über das Staats-Budget und zwar bei der Abtheilung „Elementarunterricht" in der Sitzung der zweiten Kammer vom 11. März d. I. kam auch das Schulgesetz von 1857 zur Sprache. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich Godefroi über „ehristelijke deugden“ in derselben Weise wie 1857, an seine damals eutwickelten Gründe erinnernd. Wir bedauern, auch in dieser Diskussion nicht von Godefroi vernommen zu haben, was wir nach Obigem wünschen mußten.