Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1867)
- Date
- 1867-06-11
- Page
- Seite 487 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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487 schrocken, gereicht er uns zur größten Ehre und zur Widerlegung unserer Feinde. Correspondenz. Magdeburg, 26. Mai 1867. Ein Fest. Gestatten Sie mir, dem folgenden Berichte die Form einer Correspondenz zu geben, um ihn ausführlicher machen zu können und Einzelheiten hineinzuweben, wie es die strengere Gestalt einer Zeitungsnachricht nicht zuläßt. Und doch bietet mein Gegenstand des Erfreulichen und Erhebenden so Manches, wenn er zeigt, wie in unserer Zeit, die man so oft irrthümlicher Weise der Zersetzung, der Gleichgiltigkeit und Gefühlskalte, der bloßen Neigung für das Materielle zeiht, gerade die entgegengesetzten Richtungen zuin Vorschein kommen und sich Verhältnisse entwickeln, wie sie edler und schöner zu keiner Zeit bestanden. Es ist immerhin nützlich, sich dies zum Bewußtsein zu bringen, da sich anderweitig die Mittheilungen über unliebsame Vorgänge doch genug vordrängen und häufen, und so den Charakter einer Zeit entstellt auf die Nachwelt bringen. Ueber fünf Jahre sind es jetzt her, daß der Redacteur dieser Zeitung, Rabbiner vr. Ludwig Philippson, sein fast dreißig Jahre geführtes Amt bei der hiesigen Gemeinde wegen seines Augenleidens und seiner Kränklichkeit niederlegen mußte, und seinen Wohnsitz nach Bonn verlegte. Seitdem hatte er unsere Stadt nicht wieder besucht. In diesen Tagen gab ihm ein Familienfest, die silberne Hochzeit des durch mehrfache publicistische Arbeiten und Vorträge in gewerblichen Vereinen rühmlich bekannten Kaufmanns und Fabrikanten Julius Philippson, seines jüngeren Bruders, Veranlassung, nach der alten theuren Heimath wieder einmal zurückzukehren. Als dies vor Wochen bekannt geworden, richtete der Vorstand der Gemeinde ein sehr herzliches Begrüßungsschreiben an vr. PH., und ersuchte ihn, bei seiner erwarteten Anwesenheit von der gewohnten, geweihten Stätte zur Gemeinde zu sprechen, und es verstand sich von selbst, daß vr. PH. mit Vergnügen eine Predigt zusagte. Nachdem derselbe in M. angelangt, erschienen die Mitglieder des Vorstandes persönlich bei ihm, um ihn herzlich willkommen zu heißen, und von diesem Augenblicke an drängten sich die Besuche der Gemeindemitglieder, von denen die Einen die Altersgenossen des Or. PH., mit denen er die schönsten Jahre seines Lebens, gute und schlimme Tage, Freud und Leid durchlebt hatte, die Anderen seine Schüler und Schülerinnen und zum Theil die Kinder dieser, ebenfalls von ihm unterrichtet, waren. Wie viel hatte sich in diesem verhältnißmäßig nicht langen Zeiträume verändert; wie viele waren unterdeß heimgegangen von älteren und jüngeren Lieben; wie mancher Wechsel des Geschickes war eingetreten, sei es zum Leid, sei es zur Gunst. Manche Thräne wurde hier vergoffen, Men aber schuf es eine Befriedigung, sich wiederzusehen und in die Tage der Vergangenheit zurückzuversetzen. Das gedachte Familienfest selbst, zu welchem sich Verwandte und Freunde aus der Nähe und Ferne zahlreich versammelt hatten, ging in einfacher und freudigster Weise vor sich, und es zeigte sich durch eine außerordentliche Theilnahme auch hier, wie ein redliches, humanes und bescheidenes Wirken immer seine Würdigung und Anerkennung findet. Selbst Vereine, wie der große Handwerkermeister-Vercin in Magdeburg, der Gewerbeverein in Aschersleben u. s. w. brachten dem Jubelpaare ihre Theilnahme durch Adressen und sehr kostbare Geschenke zum Ausdruck. Am 25. d. M., 's fand die Predigt des vr. Ph. statt. Die große, sehr geräumige Synagoge war bis auf den letzten Platz von Zuhörern aus allen Confessionen und Ständen dicht gefüllt. Ehemalige Schüler und Schülerinnen des Redners hatten die Kanzel in Blumengewinde gehüllt und den Weg zu ihr mit Blumen bestreut, und auf dem Pulte lag ein frischer, duftender Lorbeerkranz. Nach den ersten Worten des Redners zeigte es sich, daß ihm die alte Kraft des Wortes und der Klang des Organs noch treu geblieben, und wo der Boden so gut vorbereitet war, wo Erinnerung, frühere liebgewordene Gewöhnung und warme Anhänglichkeit die Herzen und Geister geöffnet hatten, da konnte ein mächtiger Eindruck nicht ansbleiben. Der Redner knüpfte nach der durch die Umstände dargebotenen Einleitung an die Sidra, nämlich an das Gesetz des Jobeljahres an und besprach den Kampf und die Lösung zwischen Gesetz und Freiheit. Wir hoffen, die Predigt recht bald auch dem größeren Publikum zugänglich gemacht zu sehen. Die Erbauung und Befriedigung, welche die Predigt hervorrief, that sich in vielen Liebeszeichen Einzelner kund. Vorher aber hatte sich schon ein Festcomits gebildet, welches dem Gaste und seiner Familie seitens der Gemeinde auf den Abend des folgenden Tages ein Festmahl darbot. In dem schönen Saale eines der geschloffenen städtischen Vereine nahmen an drei langen Tafeln über 156 Personen, Herren und Damen, Platz. Die geschmackvollste Ausschmückung erfreute das Auge des Eintretenden, der sich jedoch noch höher angeregt fühlen mußte durch die freudig gehobene Stimmung, die bei allen Anwesenden herrschte. Es war in der That für den stillen Beobachter eine außergewöhnliche Erscheinung, wahrzunehmen, wie sich, als der Gefeierte zur Begrüßung die Runde durch den Saal machte, Jung und Alt um ihn drängten, und durch Worte und Blicke die innige Liebe und Verehrung, die sie ihrem alten Lehrer zollten, kundthaten. Diese sprachen sich denn auch in zahlreichen Reden und Toasten während des Mahles aus, und selten wohl fanden sich so viel Geist und Gemüth bei einem derartigen Festmale zusammen, um die Stunden desselben wie im Fluge vorüberzuführen und die Stimmung in immer gleicher Höhe zu halten. Unter den Vielen, die sprachen — da ich sie Alle nicht zu nennen vermag —