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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-06-11 · Heft 24 (11.6.1867) · p. Seite 486

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 24 (11.6.1867)
Date
1867-06-11
Page
Seite 486 (sequence 18)
Language
German
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486 steht sich, daß Lessing nicht schwieg. In seiner „theatralischen Bibliothek" antwortete er. Er hatte unterdeß in Berlin zwei Juden kennen gelernt, die ihm die Antwort durch die Thatsache ihrer Existenz erleichterten: Dr. G urnperz und Mendelssohn (1754). Der Erstere war des Zweiten Lehrer und hatte Lessing mit dem 24 jährigen Mendelssohn bekannt gemacht. Lessing untersuchte in seiner Antwort zuerst, ob er in seinem Lustspiele „einen rechtschaffenen und edelen Juden wider die Wahrscheinlichkeit angenommen?" und zweitens „ob ein rechtschaffener und edler Jude an und für sich selbst etwas Unwahrscheinliches sei?" Das Erstere widerlegte er, da er seinen Juden unter Umständen gezeichnet habe, unter welchen er sich so bilden konnte, wie er ihn darstellte. Er fährt fort: „Besteht man aber darauf, daß Reichthum, bessere Erfahrung, und ein aufgeklärterer Verstand nur bei einem Juden keine Wirkung haben könnten: so muß ich sagen, daß dieses eben das Vorurtheil ist, welches ich durch mein Lustspiel zu schwächen gesucht habe; ein Vorurtheil, das nur aus Stolz oder Haß fließen kann, und die Juden nicht blos zu rohen Menschen macht, sondern sie in der That weit unter die Menschheit setzt. Ist dieses Vorurtheil bei meinen Glaubensgenossen unüberwindlich, so darf ich mir nicht schmeicheln, daß man mein Stück jemals mit Vergnügen sehen werde. Will ich sie denn aber bereden, einen jeden Juden für rechtschaffen und großmüthig zu halten, oder auch nur die meisten dafür gelten zu lassen? Ich sage es gerade heraus: noch alsdann, wenn mein Reisender ein Christ wäre, würde sein Charakter sehr selten sein, und wenn das Seltene blos das Unwahrscheinliche ausmacht, auch sehr unwahrscheinlich." Daß aber auch im wirklichen Leben sich solche Juden, wie er sie gezeichnet, ausbilden könnten, war das eigentliche Argument Lessing's, wozu, wie er sagte, man freilich die Juden näher kennen müsse, als aus dem liederlichen Gesindel, das auf den Jahrmärkten herumschweift. Er wollte den factischen Bemeis anbreten, und dazu führte er „einen aus dieser Nation selbst ein. Ich kenne ihn zu wohl, als daß ich ihm hier das Zeugniß eines eben so witzigen, als gelehrten und rechtschaffenen Mannes versagen könnte." Es war dies der damals noch unbekannte Mendelssohn, der seine sittliche Entrüstung über die Auslassungen Michaelis' in einem Briefe an Dr. Gumperz ausdrücken mußte, und der Letztere antwortete. Den Brief Mendelssohn's ließ Lessing mit abdrucken. Die Antwort Gumperz', den er „an guten Eigenschaften dem Erstern völlig gleich" erachtet, gab er nicht, weil „sie mit zu viel Hitze geschrieben und die Retorsionen gegen die Christen ein wenig zu lebhaft gebraucht seien." Lessing fügt hinzu: „Man kann es mir aber gewiß glauben, daß beide Correspondenten, auch ohne Reichthum Tugend und Gelehrsamkeit zu erlangen gewußt haben, und ich bin überzeugt, daß sie unter ihrem Volke mehr Nachfolger haben würden, wenn ihnen die Christen nur vergönnten, das Haupt ein wenig mehr zu erheben." Der Brief Mendelssohn's ist bekannt. Er ist eine klassische Widerlegung, eine ebenso feine wie nachdrückliche Abwehr, ebenso bescheiden wie offenmüthig. Nur der Mangel an Raum läßt uns das Verlangen unterdrücken, ihn hier wiederzugeben. Genug wir sehen hier uninittel-. bar an die erste Vertheidigung der Juden sich die erste Widerlegung ihrer Gegner knüpfen. Lessing sandte seine theatralische Bibliothek selbst am 16.Oct. 1754 an Michaelis, und beruft sich in seinem Briefe darauf, daß der Verfasser dieses Schreibens „wirklich ein Jude ist, ein Mensch von etlichen zwanzig Jahren, welcher ohne alle Anweisung in den Sprachen, in der Mathematik, in der Weltweisheit, in der Poesie eine große Stärke erlangt hat. Seine Redlichkeit und sein philosophischer Geist läßt auch mich ihn im Voraus als die Ehre seiner Nation, als einen zweiten Spinoza betrachten, dem zur völligen Gleichheit mit dem Ersten Nichts als seine Jrrthümer fehlen werden." Und damals waren Lessing und Mendelssohn noch nicht die intimen Freunde, die sie später wurden. iVgl. Moses Mendelssohn von Dr. Kayserling, S. 40.) Kurze Zeit darauf wäre dieses Zeugniß nicht mehr nöthig gewesen, denn gegen Ende des Jahres 1754 erschienen die „philosophischen Gespräche" Mendelssohn's, und von dieser Zeit an war er der Welt hinlänglich bekannt. Michaelis war also gänzlich widerlegt. Er hatte einen solchen Juden für ganz unwahrscheinlich erklärt, und vor ihm standen zwei Juden, die das Lessing'sche Bild Zug um Zug zeigten, und doch hatte Lesstng sie bei seiner Arbeit noch nicht gekannt. Als nun Lessing 80 Jahre später seinen Nathan den Weisen schrieb, konnte man ihm dann noch entgegnen, daß die Wahl eines Juden zu einer solchen Persönlichkeit in sich den Charakter der Unmöglichkeit oder nur der Unwahrscheinlichkeit trüge? Nein! denn Mendelssohn hatte seitdem 25 Jahre nicht blos geschrieben, sondern vor den Augen der Welt gelebt! Welche Beurtheiluug erfuhr nun damals Nathan der Weise von diesem Gesichtspunkte aus? Einfach durch die 1781 zu Berlin erschienene Schrift C. W. Dohm's „über die bürgerliche Verbesserung der Juden", in welcher epochemachenden Schrift die bürgerliche Gleichstellung der Juden gefordert wurde. So große Fortschritte hatte die Welt und die Ansicht von den Juden in den dreißig Jahren gemacht! Sicherlich am meisten durch Mendelssohn und seine Freunde, aber nicht allein durch dessen Schriften, vielleicht noch mehr durch seinen Charakter. Und darum fügen wir noch folgende Bemerkung hinzu. Für uns Juden sind bedeutende Charaktere ein Haupterforderniß, um die uns noch immer nicht ersparten Beschimpfungen und Verdächtigungen am kräftigsten zu widerlegen. Nehmen wir z. B. in unserer Zeit einen Charakter wie Johann Jacoby! Wir mögen seine politischen Ansichten theilen oder nicht; zahllose Gegner mögen seine politische Doktrin verwerfen. Aber als Charakter, als unantastbarer, sittlich edler und strenger Mensch, der seinen Meinungen Leben, Kraft und Vermögen opfert, unbestechlich und vor Drohungen uner-

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