Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1867)
- Date
- 1867-06-11
- Page
- Seite 485 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zudent-nms. FeMeton-Leitage jit Ar. 24. Leipzig, den 11. Juni 1867. Einige Rückblicke. Bekanntlich ist die bürgerliche Gleichstellung der Juden in der Mehrzahl der europäischen Staaten das Errungniß einer noch jungen Zeit, kaum 19 oder 18 Jahre alt, aus den Jahren 1848 und 1849, kaum 10 Jahre älter ist sie in England, 36 Jahre ist sie jetzt in Belgien alt, in Frankreich zählt sie bereits 75 Jahre, in Nordamerika bereits 82 Jahre, und hier ist sie am frühesten geboren. Frägt man nun nach dem ersten Anstoß zu den Vorbereitungen in den Geistern, welche ihr vorangeheu mußten, so ist dieser in Deutschland zu suchen, denn hier erschienen die ersten Schriften, welche wenigstens eine Verbesserung der Lage der Juden forderten, und dies auf dem Grunde des unveräußerlichen Menschenrechts, das also hier in den Geistern früher lebte, als es von den nordamerikanischen und französischen Politikern formulirt ward. Fragen wir also nach diesem ersten Moment, so finden wir es gerade! 60 Jahre älter, als die Gleichberechtigung in die deutschen Verfassungen ausgenommen ward; es besteht in dem Schauspiel „die Juden", welches der zwanzigjährige Lessing in Leipzig verfaßte und auf die Bühne brachte. Er schrieb es 1749, noch ehe er Mendelssohn kannte, also ein ihm ganz eigenthümliches Erzeugniß. Schon früher hatte es Gellert gewagt, in seiner „schwedischen Gräfin" eine Geschichte von einem „ehrlichen Juden" zu erzählen. Dies war nicht viel. Aber Lessing wagte es, einen Juden auf die Bühne zu bringen, einen gebildeten, liebenswürdigen und hochsinnigen Juden — das war viel, für die meisten und selbst hochgebildeten Zeitgenossen allzuviel. Dreißig Jahre später, 1779, schrieb derselbe Lessing „Nathan den Weisen." Für Lessing war dieser Schritt von „den Juden" bis zum „Nathan" kein großer: das erste Drama enthält völlig die Keime des zweiten. Die Welt aber hatte unterdeß große Fortschritte gemacht, und dies erweist sich am klarsten aus der Art, wie beide Dichtungen zu tt;rev Zeit ausgenommen wurden. „Die Juden" erschienen im vierten Theile der ersten Ausgabe der Schriften Lessing's (1753— 1755). Der berühmte Michaelis gab eine Beurtheilung in den „Göttinger gelehrten Anzeigen", und die„Jenaische gelehrte Zeitung" stimmte dieser Beurtheilung bei. Was sagte Michaelis? „Der Endzweck dieses Lustspiels ist eine sehr ernsthafte Sittenlehre: nämlich die Thorheit und Unbilligkeit des Hasses und der Verachtung zu zeigen, womit wir den Juden meistentheils begegnen." Darin hatte er Recht. Daß dies Lessing's Absicht war, geht nicht blos aus dem Inhalte hervor, sondern auch daraus, daß er sein Stück nicht etwa „ein Jude", oder „der Jude", sondern „die Juden" betitelte, womit er offenbar andeuten wollte, daß er nicht blos eine besondere und merkwürdige Ausnahme zeichnen wollte, sondern, daß die gezeichneten Tugenden unter den Juden ebenso heimisch seien wie unter Anderen. Da fährt nun Michaelis fort: „Bei Lesung dieses ist uns stets das Vergnügen, so wir reichlich empfunden haben, durch etwas unterbrochen worden, das wir entweder zur Hebung des Zweifels, oder zur künftigen Verbesserung der Erdichtungen dieser Art bekannt machen wollen. Der unbekannte Reisende ist in allen Stücken so vollkommen gut, so edelmüthig, so besorgt, ob er auch etwa seinem Nächsten Unrecht thun und ihn durch unbegründeten Verdacht beleidigen möchte, gebildet, daß es zwar nicht unmöglich, aber doch allzu unwahrscheinlich ist, daß unter einem Volke von den Grundsätzen, Lebensart und Erziehung, das wirklich die üble Begegnung der Christen auch zu sehr mit Feindschaft, oder wenigstens mit Kaltstnnigkeit gegen die Christen erfüllen muß, ein solches edles Gemüth sich gleichsam selbst bilden könne. Diese Unwahrscheinlichkeit stört unser Vergnügen desto mehr, je mehr wir dem edeln und schönen Bilde Wahrheit und Dasein wünschten. Aber auch die mittelmäßige Tugend und Redlichkeit findet sich unter diesem Volke so selten, daß die wenigen Beispiele davon den Haß gegen dasselbe nicht so sehr mindern, als man wünschen möchte. Bei den Grundsätzen der Sittenlehre, welche zum wenigsten der größte Theil derselben angenommen hat, ist auch eine allgemeine Redlichkeit kaum möglich, sonderlich da fast das ganze Volk von der Handlung leben muß, die mehr Gelegenheit und Versuchung zum Betrüge giebt als andere Lebensarten." Dies war also die damalige Ansicht der gebildeten und gelehrten Welt. Es wäre, wenn nicht geradezu unmöglich, doch völlig unwahrscheinlich, daß ein edelherziger und liebenswürdiger Jude existire, und darum sei bei allen sonstigen Talenten das Drama Lessings verfehlt. Es ver-