Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1867)
- Date
- 1867-06-11
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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479 Bei kaum eingetretener Dämmerung wurden sämmtliche Läden hastig geschlossen und Alles zog sich in die Wohnungen zurück. Während bei früheren Illuminationen in den Straßen der Verkehr ein äußerst reger war, bot die Stadt heute den Anblick eines Zerrbildes dar, denn die hie und da spärlich beleuchteten Fenster glichen den fiebernden Augen eines krampfhaft bewegten Menschen, und sah man außer vereinzelten Passanten höchstens noch an allen Ecken Husaren zu Pferde Wache stehen und wieder Andere in den Straßen herumpatroullirend und zwar mit der geheimen Weisung, jede Zusammenrottung mit den Hufen der Pferde und den flachen Säbelklingen auseinanderzusprengen. Zur Befolgung dieser Ordre sollte ihnen ihm Laufe der Nacht auch häufig genug Gelegenheit geboten werden; dennin den dunkleren Winkeln der Stadt sowol, als auch hinter dem Municipal-Gebäude hatten sich inzwischen Haufen Gesindels mit Knitteln bewaffnet, eingefunden, und von der Aussicht auf Beute mehr noch, als von dem ihnen eingeprägten Haß gegen Juden aufgestachelt, hatten sie sich in mehrere Banden nach verschiedenen Richtungen hin vertheilt. Wehe den Knochen des armen Juden, der ihnen in den Weg kam; ein vernichtender Krieg ward in vielen Theilen der Stadt gegen — Fensterscheiben eröffnet. Höheres zu wagen, schien den nächtlichen Expeditionären wegen der ihnen hart auf den Fersen nachfolgenden Husaren-Patrouillen unräthlich, und so beschränkten sich dieselben nur auf ähnliche, wenn auch zahlreiche Excesse, wobei jedoch vielfach bemerkt ward, daß, wo immer auch die eine oder die andere der Banden sich befinden mochte, dieselben stets einen ununterbrochenen Verkehr mit dem Munizipal- Gebäude unterhielten, als erwarteten sie von dorther fernere Befehle oder ein Losungswort. Am späten Abend wurde eine Volksversammlung im Municipal-Gebäude zusammengerufen, um den dernier coup de main, wie sie sich vieldeutig genug selber ausdrücken, auszuführen. Noch in einer jeden der vorhergehenden Volksversammlungen daselbst waren Führer der Separaüsten-Partei sowol, als auch jene der konservativen oder Großbojaren-Partei erschienen, um die durch die obenerwähnten Agitatoren bewirkte Bewegung zu paralysiren und die Verwirrten zur Vernunft zu bringen. Vergebens kämpften dieselben in zündenden Reden gegen die kleine aber fest disciplinirte Clique der Professoren rc. und wollten der Versammlung begreiflich machen, daß die Agitation gegen die Juden nur ein Mittel sei, um die Moldau in Verwirrung zu bringen und sie von ihrem wohlbegründeten Verlangen nach Erfüllung der Convention, nach Durchführung der Personal-Union abzubringen. Männer, deren frühere Reden mit donnerndem Applaus in diesen Räumen ausgenommen wurden und die dadurch die größte Popularität gewonnen hatten, sahen sich bis zum heutigen Abend verhöhnt und insultirt, und jedes in diesem Sinne lautende Wort wurde, als von Juden bezahlt und inspirirt, zurückgewiesen. Heute jedoch gelang es ihren unermüdlichen und vereinten Anstrengungen, bei der Versammlung etwas mehr Gehör, den Werkzeugen der Regierung aber an Terrain abzugewinnen. Um neun Uhr Abends erschien auch daselbst ein Staatsanwalt (Jacob Sturdza) und forderte den Bürgermeister in öffentlicher Rede auf, die wider alles Recht und "Gesetz Verhafteten freizugeben, die Hinweggeschickten aber zurückbringen zu lassen. Anfangs verhöhnt und mit Insulten bedroht, wußte aber dieser Beamte durch seine feste Haltung der Menge zu imponiren und ward auch noch übrigens durch den inzwischen ebenfalls erschienenen Oberstaatsanwalt (procurageneral) Mano in seiner Forderung unterstützt, und dieses Auftreten öffentlicher Beamten im Vereine mit den Bemühungen der weiter oben erwähnten Parteiführer bewirkte, daß die Versammlung sowol, als auch die Agitatoren der Regierung immer kleinlauter wurden und immer mehr und mehr klein begaben.' In spätester Nachtstunde erst, und nachdem noch der Ober-Staatsanwalt erklärt hatte, die Einleitung einer strengen Untersuchung gegen alle Anstifter und Executoren der begangenen Ungesetzlichkesten veranlassen zu wollen, ging die Menge auseinander. Der übrige Theil der Nacht verlief ruhig und ohne größere Störungen, Doch wurden zahlreiche Verhaftungen aus den Straßen und in den Häusern vorgenommen, und finden solche auch heute noch, doch nicht mehr in so bedeutendem Maße als gestern und an den vorhergehenden Tagen, statt. Minister Bratiano ist von hier aus in Begleitung zweier stadtbekannter Agitatoren nach Bottuschan abgereist, und meldet man bereits von dorther die nämlichen Ungesetzlichkeiten und Excesse gegen Israeliten wie hier. Auch in Bakau fanden ähnliche Vorgänge statt.? U*