Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1867)
- Date
- 1867-06-11
- Page
- Seite 475 (sequence 7)
- Language
- German
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475 Noch besteht hier z. B. jene veraltete Unsitte des Mitzwoth-Verkaufs, noch steigt nicht in den Klängen der Muttersprache des Höchsten Ruhm empor; ein unvollkommener Chorgesang ist das Einzige, was den geistiger Anregung Bedürftigen zur Andacht einladet. Hoffen wir, daß die Zeit auch diese Uebelstände beseitigen wird. Neustadt, a-Haardt 19. Mai. «Eingesandt). Ueber die hier stattgefundene Synagogenweihe berichtet das hiesige Wochenblatt folgendermaßen. •— Neustadt, 19. Mai. Wir hatten gestern und vorgestern eine seltene Feier in unserer Stadt — die Einweihung des neuen israelitischen Gotteshauses. Im maurisch-romanischen Styl ragt das hübsche Haus mit seinen Minarets ähnlichen Thürmchen aus herrlicher Umgebung hervor, gelungen in allen seinen baulichen Einrichtungen, ein monumentales Gebäude, das unserer Stadt zur Zierde, seinen Gründern und Erbauern zur Ehre gereicht. Auch das Innere ist sehr hübsch und doch in keiner Weise überladen, ganz eines Gotteshauses würdig. Die Feierlichkeiten begannen Freitag gegen 5 Uhr, da von den 6 ältesten Männern der israelitischen Gemeinde die Thora-Rollen «d. h. die auf Pergament geschriebenen fünf Bücher Mosis» in die neue Synagoge getragen, von den beiden Rabbinern Dr. Salvendi und Dr. Grünebaum am Eingang empfangen und in der heiligen Lade niedergelegt wurden, unter Chorgesang, von der wohlgelungenen Orgel begleitet. Daran schloß sich der Gottesdienst in einer durchaus würdigen und erhebenden Weise. Mit den Gliedern der Cultgemeinde und zahlreichen auswärtigen Glaubensgenossen hatten sich die Herren Beamten und die Glieder unserer Stadtverwaltung, sowie viele hiesige Bürger eingefunden. Vor Allen müssen wir dem Cantor, Herrn Stern, ein ganz unbedingtes Lob zollen für den würdigen, klangvollen, äußerst ansprechenden Vortrag der Soli, Gesänge und Recitative; man darf der israelitischen Gemeinde zu einem solchen Leiter ihres Gottesdiestes gratuliren. Nicht minder verdienen die Chöre unsere lobendste Anerkennung; es haben besonders das „Lecha dodi“, das Hosianna und Halleluja «am Sabbath-Vormittag) einen großen Eindruck gemacht und von dem ernsten Streben und den guten Stimmen der Sänger und Sängerinnen das beste Zeugniß abgelegt. Das Orgelspiel des Herrn Hamma geschah mit einem Geschmack und einer Präcision, die, wenn man die Schwierigkeiten des hebräischen Textes in Erwägung zieht, nur einem wirklichen Künstler, wie Herr Hamnla es unwidersprechlich ist, in dieser vollendeten Weise gelingen konnten. Ueber die Weiherede des Bezirksrabbiners Herrn Dr. Salvendi lassen Sie uns mit wenigen Worten hinwegeilen. Wir sind die Letzten, die es versuchen möchten, irgend einer religiösen Ansicht ihre Berechtigung und also dem Herrn Rabbiner das Recht zu bestreiten, eine Philippika gegen alle und jede Aenderung der herkömmlichen Gebräuche, Gebete und gottesdienstlichen Ordnung der Juden «die doch bekanntlich in den düsteren Zeiten des Mittelalters so manche Auswüchse getrieben) zu halten. Aber ob diese Zeit und dieser Ort und diese Versammlung der rechte Platz gewesen sind, um eine Inständige Rede mit Protestationen gegen jede Veränderung des Herkömmlichen zu füllen und als Kern der Predigt die Pflicht zu betonen, daß die ganze Gemeinde nicht blos allsabbathlich, sondern täglich, und, haben wir den Redner recht verstanden, täglich mehrmals den öffentlichen Gottesdienst in der Synagoge zu besuchen habe, ob, sagen wir, dies die geeignete Gelegenheit war, möchten wir fast bezweifeln. Zum Glück war die Feier am Sabbath-Morgen, zu der sich eine noch größere Masse Theilnehmender inzwischen eingesunden hatte, eine völlig ungetrübte. Ihr Glanzpunkt war die Weiherede des Bezirksrabbiners Dr. Grünebaum, und wahrlich seine Worte werden lange und nachhaltig im Herzen und im Geiste der zahlreichen Zuhörer leben! Das waren Worte, wie unsere Zeit und unsere Pfalz sie bedarf — Worte, die aus dem Herzen kamen und zu den Herzen drangen: Worte begeisterter Vaterlandsliebe — o es thut dem Juden wohl, vom Vaterland, das er eben erst gewonnen hat, zu hören und zu sprechen! — Worte inniger Menschenliebe, die sich weit über die engen Grenzen des Confessionellen emporschwingt; Worte tiefer, wahrer, inniger Religiosität, die dem Gegebenen, der Geschichte, der Vergangenheit ihr hohes Recht zugesteht, das Alte zu schützen und zu erhalten sucht, und nur gegen das Veraltete, gegen Werkheiligkeit und abgestorbenes Cermonienwesen den Kampf erhebt. Wir sahen beim Schluffe des Gottesdienstes Männer aller Confessionen, aller Stände und Alter um den wackern Kämpfer für Recht und Vernunft sich schaaren, ihm ihren Dank und ihre Glückwünsche darbringend, und eben vernehmen wir, daß noch am Nach-