Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1867)
- Date
- 1867-06-04
- Page
- Seite 467 (sequence 19)
- Language
- German
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467 deren Befähigung, für deren Erleuchtung, für deren Heranbildung er wieder nicht das Nöthige gethan hat. Achtung vor dem geistlichen Stande, ich achte meinen Stand in ihm; Achtung, Ehrfurcht vor dem geistlichen Staude; aber dann muß er vom Geiste gehoben und getragen werden. (Beifall.) Achtung vor der Seelsorge und dem Seelsorger, ich habe den Beruf aus eigenem Antriebe mir gewählt, ich habe ihm jede Kraft meiner Seele, ich habe ihm mein Leben geweiht, ich bin in seinem Dienste ergraut; aber dann müssen es auch die Seelen sein, für die wir die Sorge übernehmen, und es darf der Seelsorger nicht mit dem Büttel Hand in Hand gehen, und er darf nicht die Seelen der Polizei und der Staatsgewalt in die Hand spielen, i Beifall.) Ihre Gefängnisse, meine Herren, sind Lasterschulen, wer sie mit einem menschlichen Gefühle betritt — ich spreche aus Erfahrung, könnte Ihnen die erbaulichsten Geschichten erzählen — wer sie mit einem menschlichen Gefühle betritt, wen sein Herz hinzieht, um dem Unglücklichen und Seelenkranken Trost und Stärkung zu bringen, der verläßt sie mit bitterbösem Unmuth, entweder mit Ekel und Abscheu, oder mit Schauer und Grauen. Die Achtung vor dem Gesetze, die Achtung vor den Vertretern des Gesetzes, die Achtung vor den Handhabern des Gesetzes findet er da nicht; und bringt er sie mit, so laßt er sie zurück und nimmt sie nicht mit sich. Die Gesetze, die österreichischen Gesetze sind mild, sehr mild, ja zu mild; aber eben deßhalb sind sie der Deutung, der Auslegung, der Willkür hingegeben und anheimgegeben. Disciplinarstrafen, Stockschläge, Fasten sind da an der Tagesordnung, und Sie können es mir aufs Wort glauben, sie treffen nicht immer die Verderbten und Verderbtesten, wohl aber immer die Mißliebigen; und wissen Sie, wer die sind? Die noch irgend ein reges Gefühl in sich tragen, in denen noch das Ehrgefühl und das Rechtsgefühl einen Stützpunkt und Haltpunkt hat. (Bravo.) Scheinheiligkeit, Gleißnerei, Tücke und Verstocktheit sind in diesen Sphären immer straflos. Ich komme, meine Herren, zu den politischen Vergehen; da hat nun Ihre Commission selbst beantragt, daß die Todesstrafe abgestellt und abgeschafft sei. Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, wenigstens in dem Punkte der Menschlichkeit und nur der Stimme der Menschlichkeit Raum und ihr volle Geltung und Gehör zu geben. Wollen Sie das Leben Ihrer Kinder, Ihrer Angehörigen, Ihrer treuesten Freunde, wollen Sie das Leben der edelsten Männer des Jahrhunderts der Willkür hin- und preisgeben, so stimmen Sie auch in dem Punkt gegen den Paragraph. In Zeiten der Schwankung und Bewegung, wo Theorien um die Herrschaft der Welt kämpfen, wo ein Schlagwort ganze Völker in den Kampf treibt und führt, weil dieses Schlagwort ihre höchsten Güter, weil dieses Schlagwort ihre Zukunft, und was den Völkern mehr ist als die Zukunft, ihre Vergangenheit, ihre Erinnerungen in sich faßt, in einer solchen Zeit ist das ein höchst gefährliches Experiment. Wer wird gleich mit Schwert und Strang, mit Pulver und Blei die Leute von jedem Wahn und Aberwitz, von jedem Nationalitäts¬ und Freiheitsgelüste kuriren wollen? Wandelbar, meine Herren, ist die Gunst des Augenblickes und des Geschickes. Von dem Capitol, sagten schon die alten Römer, zum tar peitschen Felsen ist nur ein Schritt. Auf den Lorbeer folgt die Dornenkrone. Wandelbar wie Volksgunst, und Laune ist Fürsten- und Herren- und Herrschergunst und Laune. Politische Vergehen, Hochverrats), Majestätsverbrechen, Staatsverbrechen, ja das sind vage, das sind weitschichtige Begriffe, höchst lax und elastisch. Die nehmen Alles auf. Reizbar ist die Jugend, leicht entzündlich, und gestehen wir es uns offenherzig, es sind das wahrlich nicht die Schlechten und die Schlechtesten, die noch irgend für etwas Derartiges sich entzünden, und für irgend eine Idee sich enthusiasmiren. In einer so durch mnd durch materiellen und materialistischen Zeit sind es wahrlich nicht die schlechtesten Seelen', die noch irgend eines Enthusiasmus für Volk und Freiheit fähig sind, und Sie wollen diesen Enthusiasmus, sei es in seiner Verirrung, in seiner Ausschweifung, unter die Herrschaft des Schwertes stellen? Bedenken Sie, meine Herren, welche Gewalt Sie in die Hand eines Menschen legen, sei er, wer er wolle. Standrecht proelamiren, das ist ein Leichtes. Ein Wort, ein Federzug genügt, um es über Länder und Völker zu verhängen. Und alle Gesetze sind von der Stunde an suspendirt, und alle Organe und Gewalten sind von dem Augenblicke an gebrochen, und jedes Wort und jede Klage ist zurückgedrängt in die gepreßte und engverschlossene Brust; dann herrscht der Schrecken und nicht das Gesetz, dann herrscht die Gewalt und nicht das Recht. Was gestern eine Tugend war, ist heute ein Verbrechen, was geftern mit Jubel begrüßt ward, ist heute eine Anklage auf Tod und Leben. Meine Herren, wissen Sie, wer die Delatoren waren, wissen Sie, wie die Delatoren in Rom ihr Wesen trieben? Da sagte einer unserer Weisen, als man ihm vorhielt, wozu Gott die Schlange geschaffen, die zischt und sticht? „Wozu Gott in seiner Macht und Weisheit die Schlange geschaffen? Ich frage dich, wozu sind die Delatoren? die zischen in Rom, und ihr Zischen trifft und sticht in Syrien." Und Sie wollten irgend einem Menschen, und sei er, wer er wolle, die Gewalt geben, das Schwert zu schwingen über die Häupter derer, die ein verfängliches Wort gesprochen, im Rausche gesprochen, im jugendlichen Uebermuthe, in jugendlicher Unbesonnenheit gesprochen, und Sie, die patres oonseripti, Sie, die Väter des Volkes, Sie, die Gründer eines neuen Volks- und Staatslebens wollten dabei stehen und im Angesichte solcher Gräuel sagen. Hau zu!" (Beifall links.)- Widderholentlich wurde Mannheimer nachher noch von zahlreichen jüdischen und christlichen Wählern die Aussicht eröffnet, in den Wiener Gemeinderath gewählt zu werden, und beabsichtigte man ihn 18G0 in den niederösterreichischen Landtag zu wählen; doch verzichtete er