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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-28 · Heft 22 (28.5.1867) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 22 (28.5.1867)
Date
1867-05-28
Page
Seite 438 (sequence 10)
Language
German
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438 Im Reichstag hatten die Abgeordneten Laster, Reichenheim und v. Rothschild für, Ree gegen die Verfassung gestimmt. Im preußischen Abgeordnetenhausc stimmten Laster und Reichenheim für, Jacobh und Kosch gegen die Verfassung; die beiden Letzteren griffen sie entschieden an, Laster verthcidigte sie. Wir heben diese Umstände hier hervor, um ersichtlich zu machen, daß!die Juden keinen besonderen politischen Parteistandpunkt cinnchmen, idaß sie vielmehr nach ihren individuellen Ansichten sehr verschiedenen Parteien angehören. Das Judenthum hat in seiner Theorie sehr entschiedene allgemeine politische und sociale Grundsätze, wie in diesen Blättern schon so oft gezeigt worden, und daß die Juden im Allgemeinen zur liberalen Partei gravitiren, mag zum Theil in diesen Prinzipien des Judenthums liegen, kommt aber sicherlich aus der Stellung, welche man ihnen gegeben, und worin man sie immer noch festhält. Das Beispiel Reichenheims und Lasters zeigt, daß die Juden selbst von entschieden liberalen Gesinnungen wohl geneigt sind, sich der gemäßigten Partei anzuschließen, und selbst der Entschiedenheit von Jacobh und Kosch können nicht revolutionäre Motive untergeschoben werden, sondern lediglich die Conscquenz und die logische Strenge, welche im Geiste dieser Männer mit festem Charakter sich vereinigt und von den thatsächlichen Zuständen sich nicht alteriren läßt. Wir wissen, daß dies Alles den Gegnern der Juden nur unwillkommen ist und sie nicht bewegt, von ihrem Schimpfen auf die Juden als demokratische Wühler abzulassen. Aber für solche schreiben wir auch nicht; die, Gott sei Dank! immer mehr anwachsende Masse derer, bei welchen eine richtige und sachliche Darstellung das Vorurtheil zu beseitigen vermag, diese ist es, die wir im Auge haben und in welcher alle diese Vorgänge ein gesundes Ur-- theil erwirken. Frankfurt a. M., im Mai. (Privatmitth.) Cs ist bereits in mancherlei Fällen in Ihrem Blatte zu einer gar gewöhnlichen Phrase geworden, auf die Unparteilichkeit desselben Anspruch zu machen. Demungeachtet kommt man immer wieder in die Lage, daraus zu recurriren, wenn es gilt, die Sache höher zu stellen als die Person, und die letztere, wenn auch in glimpflicher Weise, nicht zu schonen, wenn die erstere in Frage kommt. Herr vr. Stein will eine dreibändige Schrift herausgebcn, „die Schrift des Lebens" betitelt, wozu^er Subscriptionen sammelt. Hiergegen kann gewiß Niemand etwas haben, und obschon durch seine Veröffentlichungen in den letzten Jahren das Ansehen Stein's als Schriftsteller sich nicht sehr gehoben hat, so kann vielleicht die Schrift immerhin recht viel Gutes bringen. Er will darin die Glaubenslehren, die Formen und Ceremonien und das Sittengesetz des Judenthums darstellen. Dies ist gewiß nichts Neues, aber muß eben immer wieder von Neuem durchgearbeitet werden. Herr vr. Stein hat aber hierzu einen Prospekt veröffentlicht, den ich nicht ohne Bemerkungen lassen darf. Er erklärt darin das Judenthum uud die Judenheit gegenwärtig für tobt, oder doch in einen todesähnlichen Schlaf versunken. Ich halte es des Judenthums und der Judenheit für unwürdig, diese Anschuldigung des Herrn Stein mir vielen Worten widerlegen zu wollen. Herr Stein har ganz Recht mit dem Schlaf, nur irrt er sich in der Persönlichkeit des Schläfers. Er selbst hat geschlafen oder geträumt, der Entschluß, auch ein Buch zu schreiben, hat ihn aus dem Traume und Schlummer geweckt und nun hält er sich für den einzig Wachen, während die ganze Welt schlafe. Während in der gestimmten Judenheit ein reges Leben, ein reges Schaffen, ja sogar Kämpfe aller Art stattfinden, während überall werkthätig gearbeitet wird, und der Gemeingeist überall sich Bahn bricht, wagt es dieser Mann, zu sagen: wir seien Alle tobt oder schliefen. Er treibt aber die lächerliche Anmaßung noch weiter. Drei Mal in diesem Prospektus spricht er von der „Retterhand," die er ausstrecke, natürlich in dieser seiner Schrift, um das dem Todcsschlafe verfallene Jndenthum und die in den Abgrund stürzende Judenheit zu retten! Welch großartige Ansicht muß Herr Stein von der Geschichte Israels und von dem Walten der göttlichen Vorsehung in ihr, welche tiefsinnige Begriffe von dem Leben einer welthistorischen Erscheinung, wie das Judenthum ist, haben, wenn er glaubt, daß diese auf seinen Entschluß, ein Buch zu schreiben, und aus dieses Buch selbst warten mußte, um gerettet zu werden, oder rettungslos unterzugehen. Wie? Wenn Herr Stein diesen Entschluß nicht gefaßt hätte, oder keine Muße fände, es zu schreiben, oder wenn er es geschrieben, keine Subskribenten erhielte, oder wenn solcher eine Zahl gesammelt würde, die meisten von ihnen das Buch nicht läsen? Was dann? Ade, Judenthum, ade, Judenheit, Ihr seid verloren, Herr Stein hält euch wenigstens dafür. — Doch ernstlich, meiner Meinung nach giebt es nichts

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