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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-28 · Heft 22 (28.5.1867) · p. Seite 436

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 22 (28.5.1867)
Date
1867-05-28
Page
Seite 436 (sequence 8)
Language
German
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r ' . §! 436 mein verdichtet und das geistige Leben der Nation verkünrnert. Das orthodoxe Christenthum der byzantinischen Periode bewahrte die Gesellschaft und den Staat nicht vor dem Untergang. Das ganze Reich verfiel einem langsamen Absterben. - * Die christlichen Römer hatten also statt her Bekenntnißfreiheit den Bekenntnißzwang zum Ges.ch der Welt gemacht, zu ihrem Verderben." — ./ Buntschli zeigt nun, wie diese Ausschließlichkeit und die Verfolgungssucht sich durch die Gesetze der Conzilien im Lateran und unter Innozenz III. bis zu der Ausrottung der Ketzer und dem unbedingtesten Glaubenszwang entwickelte. Er schildert mit beredten Worten die Folgen. Er sagt dann: „Indessen beginnt doch in dem fünfzehnten Jahrhundert wieder der Kampf gegen die kirchliche Allgewalt. Es war die Zeit jener geistigen Wiedergeburt, der Renaissance, welche das Abendland der erneuerten Bekanntschaft mit der antiken Literatur der alten Hellenen und Römer verdankre. Die Geisteswerke dieser heidnischen Nationen wurden wieder mit Eifer gelesen und es traten nun ganz andere Gedanken uud Bilder vor die Seele der Gebildeten, als sie zuvor in den Klosterschulen kennen gelernt hatten. Eine andere Weltansicht eröffnete sich dem erstaunten Blick. Die Philosophie, die Geschichte, die Kunst der Alten hatten der Nachwelt reichste, lange verborgene oder mißachtete Schätze hinterlaffen, und diese Schätze wurden nun zugänglich. Ein frischer, jugendlicher Geist, voll menschlicher Erkenntniß und Schönheit, der Geist des elassischen Alterthums wehte damals durch Italien und über die Alpen her." So weit folgten wir dem Faden des Vortrages, und kehren nun zu dessen Beginne zurück. Er will den Ursprung dieses fanatischen Geistes erklären und thut dies auf folgende Weise. Es ist schlimm, daß er hier den Ausspruch thut: „Die Liebe zur Wahrheit und der Eifer für die Wahrheit ist der ideale Grund, aus dem beide Richtungen entsprungen sind. Sowohl die der Bekenntnißfreiheit, als die des Bekenutnißzwangs." Wer die Geschichte kennt, weiß doch wohl, daß die Herrschsucht, und der Trieb, die eigene Meinung allgemein geltend zu machen, nicht weil sie die unangreifbare Wahrheit, sondern weil sie die eigene persönliche Meinung ist, einen sehr großen Theil an derartigen Bestrebungen hat, und daß sehr oft gerade das Gefühl der Schwäche der eigenen Lehre zum Hasse gegen Andersdenkende treibt. Aber Bluntschli sagt auch: „In den christlichen Kostern und Schulen, anfangs im Orient, später im Occident, entsprang aus dem alt-jüdischen Religionseifer der neugläubige Fanatismus, und aus der eiteln und heftigen Rechthaberei der hellenischen Philosophen die Verdammungssucht der christlichen Dogmatiker." Gegen diesen Ausspruch müssen wir uns verwahren. Er scheint uns in allen Theilen der geschichtlichen Wahrheit zu entbehren, und beweist abermals, daß die vorurtheilslosesten europäischen Geschichtsschreiber von gewissen europäischen Vorurtheilen sich nicht frei machen können. Zuerst soll der „Orient" das Ursprungsland der fanatischen Ausschließlichkeit und Verfolgungssucht gewesen sein. Was man in Europa als einen Fehler, als einen Jrrgang erkennt, legt man immer dem Orient bei. Wenn der im Orient entsprungene Islam die Ungläubigen mit Schwert und Ausrottung bekämpfte, so haben wir dagegen in demselben Oriente an dem, in friedlichster Weise vollbrachten Siege des Buddhismus über das Brahmauenthum das ^seltene Beispiel religiöser Duldsamkeit. (S. Duncker, Geschichte des Alterthums Bd. II S. 207.) Erst mit dem politischen Siege des Christenthums trat jene Ausschließlichkeit auf, und dieser Sieg fand nur im Occident statt. Augustinus, welchen Bluntschli selbst als den Urheber der Lehre: „dem herrschenden Jrrthum gegenüber ist die Bekenntnißfreiheit, der herrschenden Wahrheit gegenüber ist der Bekenntnißzwang gerecht" anführt (S. 8.), war zu Tagaste in Numidien, also in Afrika (354) geboren, lehrte in Mailand und Rom (384) und war Bischof in Hippo im untern Italien, hatte also Nichts mit dem Oriente zu thun. Dann sollen die hellenischen Philosophen jene Verdammungssucht hervorgerufen haben. Es ist sehr hart, die Schulstreitigkeiten der zahlreichen hellenischen Philosopheme zur Mutter einer solchen riesigen Erscheinung zu machen, und die spanische Inquisition auf die friedlichen Zänkereien von Sophisten und Rhetoren zu pfropfen. Dann fürwahr müßte auch unsre Zeit der fruchtbare Boden für Glaubenszwang sein, denn an Streitigkeiten der Schulen fehlt es auf keinem Gebiete der Wissenschaften. Das wäre, selbst wenn man einen Zusammenhang auffinden könnte, wie wenn man die kleine Quelle zu Donaueschingen für die furchtbaren und verwüstenden Ueberschwemmungen in der Gegend von Wien, in Ungarn und Rumänien verantwortlich machen wollte. Wir glauben, daß die Ursachen dieser Verheerungen wo anders nachgewiesen werden müssen. Bluntschli selbst führt die im 15. Jahrhundert erwachende Toleranz auf die hellenischen

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