Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1867)
- Date
- 1867-05-28
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4B0 Daß aus den Mitteln dieser Reichen bedeutende Vortheile für die Allgemeinheit der Juden und für viele Einzelne erflöffen, und daß durch ihre Einwirkung die Lage der Juden verbessert und gehoben würde. Wenigstens enthält das allgemeine Borurtheil diese Voraussetzungen. Wir wollen nun auf frühere Zeiten nicht eingehen, sondern nur die Dinge betrachten, wie sie in der Gegenwart liegen. Wir haben es schon gesagt: Obiges ist nichts als Borurtheil, das bei unfern christlichen Mitbürgern darüber obwaltet. Zwei Dinge, die mit der Culturveränderung der Juden vielfach hervorgetreten, die Entfremdung gegen Judenthum und Juden und das geflissentliche Buhlen um Ehre und Stellung in der christlichen Welt, haben sich gerade, mit sehr geringer Ausnahme, bei den hohen Finanziers, bei den reichen Juden eingestellt. Bis auf die jüngste Zeit haben diese sich um das Judenthum garnicht gekümmert und für dasselbe garnichts gethan. Eine große Zahl derselben ist zum Christenthum übergegangen oder hat ihre Kinder taufen lassen. Von denen', welche Juden blieben, schämten sich die meisten ihrer Glaubensgenossen, und hielten sie, so weit sie es vermochten, von sich fern. Aus ihren Häusern entschwand längst auch der leiseste Anklang an das religiöse Gesetz, und die jüngere Generation wuchs so auf, daß sie kaum noch eine Ahnung vom Inhalte des Judenthums besaß. Sie vermieden es, diese Leute, als Juden zu erscheinen, und wo eine Gefahr für sie entstand, waren sie die Letzten, die sich dafür interessirten. Erst in der jüngsten Zeit trat hierin einige Aenderung ein, sei es, daß, da im Allgemeinen der religiöse Geist wieder stärker erwachte, dies auch bei einigen Wenigen von der Finanzgröße stattfand, sei es, daß das Beispiel einiger Männer andere dazu brachte. Wir haben hier zunächst außer dem früheren Israel Jacobson, Sir Moses Montefiore und Salomon Heine zu nennen, und diesen schlossen sich die Rothschilds, wenigstens der Pariser und der Londoner Zweig dieser Familie an. Wir erkennen dankbar, daß mehrere Glieder dieser hochgestellten Familie sich im schönsten und edelsten Sinne für ihre Religion interessiren, und in Paris und London persönlich für die Institute der dortigen Gemeinden wirken, so wie auch in Jerusalem einige segensreiche Anstalten gegründet haben. Hiermit sind wir aber auch fertig. Für die Verbesserung der politischen und socialen Verhältnisse der Juden haben die Finanziers und Reichen durchaus nichts gethan, und Männer wie Rießer und Crömieux haben dafür mehr gewirkt, als alle Finanziers und Reichen zusammen ge- > zi nommen. Ebenso wenig haben sie auch nur den I t geringsten Antheil an der Cultur und Bildung der Ju-1 s den. Dies Alles ist eine Wirkung des Geistes, und le- » z diglich Männer aus dem Volke, meist aus dem Stande I f der Armuth und Zeitlebens mit Sorgen und Entbehrung » s kämpfend, waren die Träger und Förderer derselben. Wenn > r wir die Anstalten in Seesen und Wolfenbüttel und in I s jüngster Zeit die Jonas Fränkel'sche Stiftung in Bres- » j lau ausnehmen, haben wir kein Institut zu erwähnen, > 0 das irgend eine einflußreiche Stellung einnehme und I c seinen Ursprung oder nur seinen eigentlichen Bestand > s einem der Finanziers und Reichen zu verdanken hätte. I t So ist es reines Borurtheil, wenn man annimmt', daß I s die großen Mittel jener Finanziers dem Judenthume und I t den Juden zu Statten kämen. Hier und da ein Ver- I mächtniß, hier und da eine reiche Spende zum Bau einer I $ Synagoge, sonst Nichts, und denken wir uns diese Ga- » l ben hinweg, so würden die jüdischen Gemeinden kaum > s etwas Besonderes entbehren. Aber selbst wenn es an- > * ders wäre, wenn die Mehrzahl der Reichen, wie es nicht I \ der Fall ist, einen thatkräftigen Sinn für das Juden- W < thmn hätten und übten, weiß der Einsichtige, daß über- » { Haupt der auf eine kleine Anzahl beschränkte Reichthum I i nur einen höchst geringen Theil der Geldmittel zu I 1 bieten vermag, welche die große Masse mit ihren kleinen » > Steuern aufzubringen hat und aufbringt. Die jüdischen > i Gemeinden tragen schwer an den Kosten des Cultus, I; des Schulwesens und ihrer Wohlthätigkeitsanstalten, und > ' wenn selbst an einigen wenigen Orten die größeren Bei- I träge einiger Reichen von Nutzen sind, so machen diese > i doch nur einen geringen Theil gegen die Beiträge der > , Bemittelten und Unbemittelten aus. > Dagegen lassen sich die Augen nicht vor dem Nach- > theil verschließen, welcher den Juden im Allgemeinen aus > der Existenz dieser hohen Finanziers unter ihnen hervor- > geht. Zunächst erwecken sie, woran sie freilich schuldlos W sind, Neid und Mißgunst, welche nach der einmal vor- > handenen Neigung auf alle Juden übertragen werden. W Weil einige Juden sehr reich sind, glaubt man, alle > Juden seien reich, und so offenbar in vielen Gegenden W die Armuth der Juden ist, so hilft dies Nichts, sie müs- » sen allesammt Antheil an jenem Füllhorn Fortunens I haben. Die Stellung der hohen Finanzwelt ist in den > Augen der Völker keine günstige; als Gläubiger der > Staaten, als Theilnehmer an großen, dem Wechsel sehr » unterworfenen Unternehmungen und an jenen schwindelt- >