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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-21 · Heft 21 (21.5.1867) · p. Seite 414

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 21 (21.5.1867)
Date
1867-05-21
Page
Seite 414 (sequence 6)
Language
German
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lässigten Form; zeigt fick das Kriterium der Religion in der Unversöhnlichkeit mit den Verhältnissen des Lebens, in Intoleranz und Fanatismus; spreizen sich Unwissenheit und Geistesarmuth als die Träger und Beschirmer von Israels Erbe. Solche Wahrnehmungen müssen auf die denkenden Geister und die gebildeten Herzen abstoßend wirken. Die Gelegenheit, das Judenthum von seinen lichtvollen Seiten kennen zu lernen, hatte oder suchte man niemals; es fehlt an der nöthigen Vertrautheit mit dem Geiste der.Lehre, und die Sehnsucht und die Energie, diese Vertrautheit zu gewinnen, kehrt nicht ein. Was ist nun die natürliche Folge eines solchen Zustandes? Die dem gottesdienstlichen Leben und Wirken fern Stehenden sehen in den „Frommen" die rudis indigestaque mol es, den gordischen Knäuel, für dessen chemische Analyse der Apparat noch erfunden werden soll. Indessen besteht doch noch ein Faden, der sich, wenn auch nicht von dem Tempel der Religion, doch von dessen Vorhöfen nach diesen fernstehenden Gliedern hin fortspinnt. Es ist dies die administrative Seite der religiösen Angelegenheiten. Die eben geschilderten Indifferenten tragen nicht nur zur Beschaffung der Geldbedürfniffe für das Gemeindewesen bei; sondern sie betheiligen sich auch, fast überall, an den Geschäften der Verwaltung. Gewöhnlich bilden diese Mitglieder in den Verwaltungskörperschaften, wegen ihrer Sachkenntniß und höheren Befähigung, die Seele, den Regulator des ganzen Organismus. Solche Aemter werden, abgesehen von dem religiösen Momente, mit Recht für etwas Ehrendes gehalten, wegen der gleichen Anerkennung mit den entsprechenden Angelegenheiten anderer Confessionen von Seiten der Staatsregierung. Auch ist die Beziehung zur Regierung an und für sich oft geeignet, ein solches Gemeindeamt als nicht unwillkommen zu betrachten — der Holländer ist ja von der Natur mit praktischem Sinne ausgestattet worden —; denn bis vor fünf Jahren, wo die Trennung von Kirche und Staat faktisch noch nicht in dem Maaße wie heute verwirklicht war, bedurften die Gemeindevorstände der Hauptgemeinde der direkten Bestätigung des Ministern. Wer mit den Verhältnissen hier zu Lande nicht vertraut ist, und beim Durchlesen obiger Schilderungen nach der Analogie der Angelegenheiten in anderen Ländern, religiöse Parteikämpfe vermuthen wollte: würde sehr irren. Parteikämpfe können nur da eintreten, wo gegenüberstehende Ansichten gleichzeitig mit Energie bestrebt sind, sich in dem Gemeindeleben Geltung zu verschaffen. Das ist aber in Holland nicht der Fall; hauptsächlich nicht wegen des erwähnten Jndifferentismus. Darum „is het gemakkelijker, als de zaken blijven in statu quo“ (ist es bequemer, wenn die Sachen bleiben wie sie sind). Hier dürfen wir wieder einen charakteristischen Zug nicht übergehen, der bei einem Theile der Hochgebildeten, in ihrem Leben und Denken ganz außerhalb des Judenthums Stehenden, wie überall auch in Holland sich zeigt. Wir meinen die Eigenthümlichkeit dieser Herren, bei aller Gleichgültigkeit gegen das Judenthum, das Stabile, gegen Entwickelung und Fortschritt sich Sträubende immer noch mehr zu stützen (in der Administration rc.), als das Verständige, auf den Geist der Religion Gerichtete. So wie diese Erscheinung selbst, sind auch ihre Ursachen gleich denen in anderen Ländern. Entweder will man durch solches Gebühren den „Frommen" einen Beweis geben, daß man doch noch „ein Herz für das Judenthum hat"; für das Judenthum, das man selbstredend nur der Schale nach kennt; oder man besitzt die Schwachheit, in solcher Haltung eine Absolution gegen die anklagende Stimme des Gewissens zu finden, die zu Zeiten vorwurfsvoll die gränzenlose Indolenz in gottesdienstlichen Dingen tadelt; oder man schaut bei solchem Verfechten des Bestehenden — dem man selbst längst den Rücken zugewandt — eine Hochmuth sprudelnde Nachsicht gegen einen überwundenen Standpunkt, auf welchem man diejenigen nur stützend erhalten müsse, die man ja doch nicht zu sich erheben kann; oder endlich — und das ist des Pudels eigentlichster Kern — man conservirt gern das Alte, Geistlose, den kostbaren Inhalt des Judenthums Verbergende und Verdrängende, weil man fürchtet, bei ernster Handhabung und klarem Blicke, bei einem Sichten, Säubern und Läutern, in einem Streben nach dem Wesen der Religion, sich selber dem Judenthumc gegenüber von seinem Innern in den Anklagestand versetzt zu sehen, und zwar wegen Leichtsinnes, Prinziplosigkeit und Pflichtvergessenheit. Anläufe zu Veränderungen, die von Unzufriedenheit mit dem Bestehenden zeugen, sind zwar schon genommen worden; aber diese Strebekraft erlahmte mitten im Laufe, weil weder mit ernster Begeisterung noch mit materieller Opferwilligkeit begonnen worden ist. Beides besteht bei den Conservativen, Orthodoxen, die bona fide für ihre Sache einstehen, immer noch in einem höheren Grade als bei den „Modernen," Onverschilligen (Indifferenten — So ist die am Ende des vorigen Jahrhunderts zu Amsterdam gegründete Gemeinde Adath Jeschurun nach

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