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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-21 · Heft 21 (21.5.1867) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 21 (21.5.1867)
Date
1867-05-21
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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418 die Religion sehen, die nur an der Schale nagen und den Kern nicht ahnen und nicht wollen, die das Judenthum hermetisch gegen den belebenden Odem der Bildung abschließen, es wie eine Mumie verpacken und conserviren möchten: die sogenannten Frommen oder Orthodoxe», bilden die überwiegend große Mehrzahl. Sie stehen da als die dicht geschloffene Phalanx, die zu durchbrechen theils der Wille theils die Kraft nicht genügend vorhanden ist. Dieses reiche Contingent wird gestellt aus den Reihen der früher lSk.II) besprochenen, ungebildeten Klassen unter dem Vortrab Begüterter, denen ein äußerer Firniß von Bildung anhastet. Diese Vorkämpfer, ihr Gefolge wie Achilles seine Myrmidonen beschauend, entfalten in der religiösen Lebenspraxis gewiffe Chassidim- Manieren, die sich in überaus lang gedehntem Gebete, im Händewaschen nach der Mahlzeit (Majim acharonim), in der Sabbatsvorbereitung während des ganzen Rüsttages und Aehnlichem äußern. Zum Theil sind es Trlmudkundige; zum Theil aber auch auf diesem Felde Halbwisser oder Unwissende, denen dieser Chaffid-Habitus eine salbungsvolle Blasirtheit aufdrückt, in Folge welcher sie widerliche Figuren machen. Hat ja schon die Mischna die Wahrheit ausgesprochen: „Der Am ha-arez kann kein Chaffid sein." Ihr zahlreicher Anhang wird in seiner gottesdienstlichen Haltung von verschiedenen Motiven geleitet. Außer der Gewohnheit und der ehrlichen, verstandlosen Werkheiligkeit liegt das Motiv zuweilen in dem Triebe der Selbsterhaltung, d. h. in der Abhängigkeit von den reichen Chorführern. Da werden die religiösen Uebungen nicht selten Mittel des irdischen Bestehens, und manche Glieder dieser Kette mögen sich wohl, bei einem geschäftigen Begegnen in ihrem heiligen Berufe, mit l einem bedeutsamen, vielsagenden Lächeln begrüßen, gleichwie weiland ein Augur den andern auf Roma's Straßen. Auch die Heuchelei in ihren vielfachen Nüancen und andere Bestimmungsgründe durchschleichen wohl diese dicht gedrängten Massen. — Da dies ganze Treiben geist- und prinziplos ist, überhaupt wenig Cultur in sich schließt, so kann es nicht befremden, daß bisweilen Wichtiges im religiösen Leben hintenangesetzt, Mystik und Aberglauben krampfhaft umfaßt werden. Während man! bei aller Frömmigkeit z. B. der Anziehungskraft eines in I mitten der Sabbathsruhe zulächelnden Gewinnes keines- I weges immer widerstehen kann; während man es auch Ilnit den Beziehungen zum Nebenmenschen nicht gerade Isehr genau nimmt: greift man doch wohl emsig nach Ieiner Käme«, als dem Heilmittel für Kranke •— und dergleichen ist, wenn man es sucht, noch zu haben —; macht man wohl doch noch eine Gewiffensfrage daraus, ob der Mann eine Frau wähle, die den Namen seiner Mutter trägt; ob man einen Backofen einreißen dürfe, der im Hause im Wege steht. Also selbst R. Juda Chaffid'tz Testament wird auf diesem Terrain studirt, und da sage Einer noch, diese Leute legen sich nicht auf jüdische Literaturgeschichte! — Diese Richtung — wenn man sich anders dieses Namens dafür bedienen darf — ist vorzüglich in Amsterdam, auch im Haag vertreten, und zwar in dem Maaße, daß Aehnliches in den Provinzen fast dagegen verschwindet. Schwach ist die Schaar derer, die bei einem ganzen oder theilweisen Abstreifen der cultuellen und ceremoniellen Uebungen wirkliche Ehrerbietung und wo es nöthig ist, warme Begeisterung für das Judenthum sich bewahrt haben. Sie sind zu suchen ebenfalls in der früher genannten Klaffe der gebildeten, praktischen Männer; hin unv wieder fühlt sich auch noch ein Mann der Wissenschaft veranlaßt, für die Ehre des Judenthums eine Lanze zu brechen. Das sich Lossagen endlich von den spezifischen Satzungen, im innigen Bunde mit theilnahmloser Kälte und einem gänzlichen Entfremden vom Judenthume auch dem Geiste nach, ist auf allen Bildungsstufen anzutreffen; am häufigsten aber unter den Hochgebildeten und den Tonangebenden. Das sind die Repräsentanten des Nihilismus im Niederländischen Judenthume, der sich etwa auf dem Standpunkte der David Friedländer'sche» Schule und der vornehmen „Berliner Thees" bewegt. Nur mit dem Unterschiede, daß diese Letzteren mit Absicht und Bewußtsein, also doch noch ein Ziel verfolgend, handelten, der holländische Nihilismus aber ein Produkt des Jndifferentismus ist. Woher aber dieser maaßlvse Jndifferentismus bei hochgebildeten Israeliten? Er ist eine Emanation der Unbekanntschast mit dem Wesen, dem Kern, dem Geiste, der Vergangenheit des Judenthums; mit dessen Aufgabe für die Zukunft, mit dessen Bedürfniffen für die Gegenwart. Es ist nicht zu leugnen, daß in dieser Region manches dem Judenthume entfremdete Herz ihm auch dauernd abgewandt bleibt, in Folge der Eindrücke, die man beiin Hinblick aus die oben besprochenen starken Reihen empfängt. Von dort her, sieht man, offenbart sich das Judenthum in seiner entgeisteten und zugleich vernach-

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