Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-21 · Heft 21 (21.5.1867) · p. Seite 412

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 21 (21.5.1867)
Date
1867-05-21
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226603--24972-3260453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

412 entweder ebenfalls ein Ergebniß der individuellen Ueberzeugung sein kann, oder auch der Erziehung und Gewohnheit, der Pietät gegen andere Personen, und der Ueberzeugung mindestens nicht widerstrebend. Wo die gottesdienstlichen Formen allein, und sei es auch in aller Strenge, beobachtet werden, die Ehrerbietung und die religiöse Begeisterung aber fehlen; da liegt die Ursache dieses Mangels entweder in der fehlenden Erkenntniß des Geistes der Religion, welche Erkenntniß nur bei einem gewissen Grade allgemeiner Bildung des Verstandes und des Herzens denkbar ist; oder wir haben es mit einer systematischen Heuchelei zu thun, die sich bekanntlich mit Verstandesbildung wohl vertragen kann. Ist der Mensch von Achtung vor seinem Glaubensbekenntnisse erfüllt, und äußert er diese, wo es ihm nöthig scheint, in warmer Begeisterung, streift aber die spezifischen Satzungen und Formen theilweise oder ganz ab: dann hat er eine selbstständige, nach seinen Begriffen gestaltete Ueberzeugung, als die Frucht eigenen Denkens und Forschens gewonnen. Natürlich wird auf diesem Wege eine allgemeine geistige Entwickelung vorausgesetzt. Gehört endlich der Mensch nur dem Namen nach seinem Glaubensbekenntnisse an, so daß er sich weder an der Ausübung der spezifisch gottesdienstlichen Handlungen betheiligt, noch religiöse Begeisterung fühlt und offenbart: so können die Ursachen dieses indifferenten Verhaltens mannigfache sein. Es kann eine Folge maaßlosen Leichtsinnes und sittlicher Schwachheit sein, die von sinnlichen Trieben bewältigt und erdrückt wird; wobei jedoch Bekanntschaft mit der Religionslehre und geistige Bildung nicht ausgeschlofien zu werden brauchen. Ein solcher Jndifferentismus kann aber auch — und dies ist sehr häufig der Fall — mit einer von diesen sittlichen Schwächen freien Natur, ja sogar mit hoher Bildung Hand in Hand gehen, indessen seinen Grund in der Unwissenheit haben, d. h. in der fehlenden Bekanntschaft mit dem Wesen und dem Geiste der Religion. Diese Schattirungen des gottesdienstlichen Lebens finden sich, wie überall, auch in Holland, und kömmt es nur darauf an, von welchem Umfange jede derselben sich zeigt. Es giebt in Holland noch eine Anzahl solcher, die bei der gewiffenhaften Beobachtung der Religionsvorschriften ernstlich bestrebt sind, das Judenthum nach seinem Geiste zu erkennen, wozu es auch an der nöthigen Bildung nicht fehlt. Diese Bestrebungen werden besonders durch einen Theil des gebildeten Kaufmannsstandes vertreten; von Männern, die wohl «insehev, woran eö dem holländischen Judenthume gebricht, und die auch gern die vorhandenen Uebel heilen möchten. Aber ihre Zahl ist im Verhältniß zur Gesammtheit zu schwach, und können sie es auch nicht zu ihrem Berufe machen, das Volk aus seiner Niedrigkeit zu erheben. Sie machen es sich zur Pflicht, ihren Kindern die Religion zum klaren Bewußtsein zu bringe» und das Judenthum durch zeitgemäßen Religionsunterricht für die Jugend zugänglich zu machen, so weit die Gelegenheit hierzu ihnen gegeben ist. Wie weit diese Gelegenheit vorhanden ist, werden wir an einem andern Orte sehen. Diese verständig Denkenden finden sich über alle Gemeinden zerstreut; verhältnißmäßig leider in sehr geringer Zahl da, wo fast die Hälfte der Niederländischen Juden sich dicht zusammen geschaart hat: in Amsterdam. In anderer Umgebung und bei geringeren Hindernissen würde aus diesem gebildeten Theile, aus diesen Herzen, die noch warm für das Judenthum schlagen und es gern mit dem Geiste und den Ansprüchen der Zeit vermählen möchten, viel Gutes zum Frommen der Gesammtheit ausströmen. Es findet sich nämlich bei den Angehörigen dieser Richtung noch ein sehr schätzenswerthes Hilfsmittel zum sicheren Ausbau religiöser Ideen, das in Deutschland höchst selten bei Männern ähnlichen Leben sberufes anzutreffen ist. Wir meinen eine gewisse Vertrautheit mit der heiligen Schrift, ein nicht Fremdsein auf talmudischem Gebiete. Abgesehen davon, daß man nicht selten der Fertigkeit begegnet, sehr correct den synagogalen Vortrag des Wochenabschnittes aus der Gesetzrolle zu vernehmen, kann man in Gesprächen über biblische Stoffe Bekanntschaft mit der Sache voraussctzen. Bei einem Original-Citate aus dem Peutatench, den ersten Propheten und anderen heiligen Büchern, wird man nicht nur ohne die hinzugefügte Uebersetzung verstanden; sondern beim Beginn eines Schriftwortes hört man von den an dem Gespräche Betheiligten den Vers, ja größere, zusammenhängende Stellen sofort ergänzen. Bietet sich di« Gelegenheit dazu, so nimmt man die Vertrautheit mit Raschi und andern Commentatoren wahr. Wird die Unterhaltung auf den Talmud hingeleitet, so findet man, daß er in diesem Kreise kein Buch mit sieben Siegeln ist. — Zeigen sich auch diese Kenntnisse gewöhnlich als ilisjccta membra, fehlt diesem Wissen auch der zusammenhaltende, historische Faden, das wissenschaftliche Bindemittel: so bleibt es immer ein starkes Fundament, einen sicheren Bau aufzusühren. Diejenigen, die in der geistlosen, todten Form allein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.