Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1867)
- Date
- 1867-05-21
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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mit Worten, welche de» gegen den Knaben Mortara geübten Zwang Mer bezeichnen, als er es wohl gewollt. Wenn nun derjenige, an welchen eigentlich die ganze Rede adressirt ist — wir meinen nicht Mortara — dem Papste die Sache zurückgeben wollte, so könnte er sagen: Führwahr, Du darfst nicht klagen, da, wie Du hier selbst aussprichst, Du das Beispiel des Glaubenszwanges gegeben hast. In Glaubenssachen kommt es garnicht darauf an, ob er gegen Einen oder gegen Tausende geübt wird, denn wenn er ihn nur gegen Einen übt, giebt er dadurch zu erkennen, daß ihm nur die Macht, nicht aber der Willen fehlt, ebenso gegen Taufende zu verfahren. Wer das Beispiel giebt, darf sich nicht beklagen, wenn man es befolgt. Auch darüber darfst Du nicht klagen, daß jetzt die Fürsten und Völker schweigen, da Du diesen selbst gezeigt hast, wie dergleichen Einreden Nichts helfen. Wozu sollen die Fürsten und Völker bei mir reden, da sie bei Dir Nichts ausgerichtet. Sie wissen durch Dich, daß ihr Reden vergeblich wäre, und so ersparen sie es sich lieber. So ungefähr könnte die Antwort lauten, und in der That, liegt sie so auf der Hand, daß der Papst sie sich wohl selbst geben könnte. Aus Holland. SkisM aus Holland, in.*) Der religiöse Standpunkt, wie er sich in der Praxis des Lebens offenbart. Der Cyklus dieser Skizzen möge mehreren concentrischen Kreisen gleichen, bei denen man von dem äußersten beginnt, so daß die Peripherie jedes folgenden enger wird. Wir sind zwar nun in Besitz der nöthigen Präliminarien zum Verständniß der gottesdienstlichen Verhältnisse der Niederländischen Juden gelangt; indessen, wir können nicht sofort in die Interna eintreten. Wir müssen vielmehr, gleichwie bei der Besichtigung eines weitläufigen *> Nachtrag zu Skizze II. Zu den erwähnten Provinzial-Physicis (geneeskunilige Inspeeteurs) gehört l)r. Ali Cohen, in dieser Eigenschaft für die Provinzen Overyssel und Drenthe. Bauwerks, allmählich uns zurecht zu finden suchen: erst die äußere Front beschauen, die Dimensionen bemessen, um den Styl in seinen allgemeinen Grundlinien zu erkennen; dann beim Eintritt die schaubegierigen Blicke zügeln, daß sie nicht unvorbereitet über die inneren, weiten Hallen hinschweifen, sondern dem Auge vergönnen, sich zuvor mit den Vestibülen vertraut zu machen. Sowie nun Vieles in der gegenwärtigen Skizze als natürliches Ergebniß der vorhergegangenen Mittheilungen erscheinen wird, wird sie zugleich die Ursachen für manches Folgende enthalten, und dasselbe Verhältniß soll in der ganzen Reihenfolge dieser Berichte festgehalten werden. Wir wollen, zur Vermeidung aller Mißverständnisse, ein für allemal hier bemerken, daß wir es bei den Berichten über Thatsachen und deren Beurtheilung stets mit der Regel und nicht mit der Ausnahme, mit der Gesammtheit und nicht mit einzelnen Erscheinungen zu thun haben. Es ist dies selbstverständlich: denn sagt man von einem Weingarten: seine Trauben sind süß, so ist nicht ausgeschlossen, daß sich hier und da auch sauere finden, und werden die Trauben eines Gartens sauer genannt, so können immer einige süße darin reifen. Der spezifisch religiöse Standpunkt des Menschen, d. h. die individuelle Auffassung seines Religionsbekenntnisses, kann sich in zwiefacher Weise äußern: einmal in dem Verhalten zu den durch äußerliche Handlungen auszuführenden Religionssatzungen und Vorschriften, und dann in dem Maaße der Achtung, Ehrerbietung und Begeisterung, die er für sein Glaubensbekenntniß hegt und thatsächlich bewährt. In Bezug hierauf sind vier Fälle möglich. Die gewissenhafte Ausführung der Satzungen kann sich gepaart zeigen mit der ehrfurchtsvollsten Begeisterung; die erstere kann vorhanden sein, und die letzere fehlen; dis letztere kann Gemüth und Herz erfüllen bei wenigen oder gar keinen Spuren der ersteren, und endlich kann weder von Jenem noch von Diesem etwas zu verspüren sein. Es ist nicht zu übersehen, daß die Gestaltung jedes einzelnen dieser möglichen Fälle durchaus abhängig von dein Grade der allgemeinen Bildung und Entwickelung des Menschen ist. Wo die gewissenhafte Ausübung der Satzung, des Cultuellen, des Ceremoniellen im Vereine mit der Begeisterung sich findet: da wird die letztere immer eine Frucht des selbstständigen Denkens und Erkennens sein, in Ermangelung dessen an die Stelle der Begeisterung der Fanatismus tritt; während die Uebung der ceremoniellen Form 21*