Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1867)
- Date
- 1867-05-21
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
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410 Man sieht, nicht wir haben die Welt an jenen unglückseligen Vorgang erinnert, sondern der Papst; nicht wir erneuern die Controverse über diesen Fall, in welchem die Lichter und die Schatten unseres Jahrhunderts sich mischen — denn er zeigte so recht, welche Finsterniß in unsrer Zeit noch möglich ist und noch große Herrschaft übt, aber er erwies auch, wie Völker und Fürsten sich gegen jeden Gewaltakt und zwar gegen jede Autorität erheben — sondern der Papst erneuert sie. Nun, wir nehmen sie auf und zwar einfach, weil die Angelegenheit keine Frage mehr enthält: sie wurde abgeurtheilt durch die ganze civilisirte Welt, aber entschieden durch die Gewalt. Entschieden? Die Gewalt entscheidet Nichts, sie schiebt die Lösung nur hinaus, bald längere, bald kürzere Zeit. Die Gewalt ist mächtig gegen den Geist; dafür ist der Geist zäher als die Gewalt und tritt immer wieder an das Sterbelager der Gewalt. Wir brauchen nicht daran zu erinnern, daß der Mortarafall ein großer Wendepunkt in den Geschicken der päpstlichen Gewalt war. Seitdem ist sie schnell herabgeglitten, und schon zwei Jahre später war der Ort und die ganze Provinz, wo selbst jener Knabe den Armen seiner Eltern mit Gewalt entrissen ward, der päpstlichen Herrschaft selbst enteisten. Die Völker und Fürsten, deren Wort bei dem Papste Nichts vermocht hatte, sahen ruhig zu. Wir sind jedem Rachegefühl, jeder Schadenfreunde im innersten Herzen Feind! Aber wir können doch nicht unser Auge verschließen vor den offenkundigen Wegen, welche die göttliche Vergeltung in den Geschicken der Völker und Fürsten wandelt. Diese Rede des Papstes ist für den Schreiber dieser Zeilen eine persönliche Ant> wort. Als im August 1858 die Klagen der italienischen Juden zu uns gelangten, namentlich ein Rundschreiben der Gemeinde von Turin über die gewaltsame Entführung des damals fünfjährigen Knaben Mortara aus dem Schoß seiner Familie, aus den Armen seiner, später darüber wahnsinnig gewordenen Mutter, wofür man keinen anderen Rechtfertigungsgrund anzuführen hatte, als daß eine fünfzehnjährige Dienstmagd vvrgab, sie habe den Knabeu, als er zwei Jahre alt in eine tödtliche Krankheit verfallen gewesen, getauft — richteten wir im Aufträge und mit der Namensunterschrift von 43 deutschen und preußichen Rabbinen an den Papst für Kinderraub zu Glaubenszwecken können bei den englischen Gerichten die Verurtheilung der Mistethäter nicht verhindern. Pius IX. eine Adresie in französischer Sprache, worin wir um Abstellung dieser Gewaltthaten baten, und uns unter Anderem auf die Dekrete mehrerer wahrhaft religiöser Päpste beriefen, welche jede Zwangstaufe von Juden für null und nichtig erklärten; wir sandten eine Abschrift mit einem Begleitschreiben an den Cardinal Antonelli.*) Wir erhielten — keine Antwort. Jetzt, nach noch nicht neun Jahren, erhalten wir eine Antwort, es sind die obigen Worte des Papstes. Damals erhoben wir einen Nothschrei — jetzt erhebt der Papst einen Nothschrei. Für uns galt es nur ein Kind — für den Papst, wie er selbst sagt, hunderttausende. Wir hatten uns nur über den Papst zu beklagen, denn die Völker und Fürsten traten für uns ein — der Papst hat sich nicht über uns zu beklagen, denn wir haben ihm wirklich Nichts gethan — aber über die Völker und Fürsten klagt er, weil sie schweigen. Das ist eine Antwort; als eine Antwort haben wir es anzusehen, zwar nicht persönlich vom Papste an uns gerichtet, aber durch den Mund des göttlichen Geschickes, das ist des göttlichen Gerichtes, und dieser Mund tönt wie „die große Drommete," die durch das Weltall klingt und den Erdball erschüttert: „Still vor Ihm, alle Welt!" (Hab. 2, 20.) Doch wir müsten diese Rede des Papstes noch etwas näher betrachten. Daß auf alle jene Vorstellungen, die damals bei dem römischen Stuhl einliefen, und die der Papst als einen Kriegszug und Heerbann der Völker und Fürsten gegen ihn bezeichnet, Rom nichts weiter antwortete, als daß die Taufe, die an einem zweijährigen Knaben von ihrer fünfzehnjährigen, gegen ihre Dienstherrschaft verrätherischen Magd ausgeführt worden, doch eine rechtsgültige und unaufhebbare sei, könnten wir allenfalls begreifen; daß aber jetzt der Papst von einem solchen Akt vor Gott, der Welt und sich selbst sagt, daß b s „eine Erleuchtung des Knaben durch die Gnade Gottes zum Glauben gewesen sei," das begreife wer wolle, ohne an dem Charakter des Kirchenfürsten irre zu werden. Wir glauben übrigens überhaupt nicht, daß diese Rede eine sehr geschickte Auslastung gewesen. Denn wenn der Papst selbst den Mortarafall mit dem zahlreichen Uebertritt polnischer Katholiken zur griechischen Kirche zusammenstellt, so hat er damit zugleich sein eigenes Vorgehen charakterisiert, und thut dies ausdrücklich *) S. Jahrg. 22 (1858.) dieser Zeitung Nr. 4l. S. 558.