Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1867)
- Date
- 1867-05-14
- Page
- Seite 407 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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407 Obwohl die öffentliche Gesundheitspflege hier — wie überhaupt in der ganzen Türkei — noch im primitivsten Zustande schlummert; wiewohl hier fast in allen Ecken, ja in Mitten der Hauptstraßen, die bereits halb verwesten Cadaver verschiedener Thiere, das Auge und die Nase des Menschen beleidigen, wiewohl hier die ungesundesten Nahrungsmittel ganz ungeahndet feilgeboten werden, so kann ich all' die genannten Uebelstände doch nicht als alleinige Ursache der hier in so großer Anzahl herrschenden Fieber annehmen. — Ja es ist sogar auffallend , daß gerade die Stadt Jerusalem, die doch an Pflanzen und Vegetationen überhaupt so arm ist, demnach nicht als Malariagegend betrachtet werden kann — dennoch vom Fieber in so großer Quantität heimgesucht wird. — Wo nun das Fieber erzeugende Agens früher suchen? Ich warf nun zunächst mein Augenmerk auf das in den Cisternen aufbewahrte Wasser. Ich untersuchte das Trinkwasser von circa 40 verschiedenen Cisternen unter meinem 400mal vergrößernden Nösslfchen Mikroskope, und meine Ahnungen täuschten mich auch nicht, denn jeder Wassertropfen fast aller Cisternen wimmelte theils von runden einzelnen, theils von rosenkranzförmigen aneinandergereihten, theils von fadenförmigen Pilzen, theils von verschiedenförmigen Infusorien; ich glaube somit meiner unmaßgeblichen Meinung nach: das mit den organischen Substanzen so reich geschwängerte Wasser unter andern: als das wichtigste ätiologische Moment der hier endemisch herrschenden Fieber annehmen zu können. Dieses berücksichtigend, ließ ich von nun an nicht nur den Kranken im Hospitale kein Cisternenwafler mehr trinken, sondern rieth auch allen anderen in der Ambulance sich meldenden Fieberkranken, womöglich sich des Genusses von Cisternenwafler zu enthalten. — Freilich konnte nur ein solcher Kranker diesem Rache Nachkommen, der entweder selbst das Wasser von der P/2 Stunden weit außerhalb der Stadt vorhandenen Quelle schöpfte, oder es von den Fellachen, die es feilbieten, zu kaufen im Stande war. Obwohl Sir M. Montefiore bereits vor einigen Jahren mit ungeheueren Kosten eine Wasserleitung errichten ließ, die die Einwohner der Stadt mit einem frischen gesunden Quellwasser versorgen sollte, so entbehren sie dennoch bereits seit einem Jahre dieser Wohlthat, indem die Leitungsröhren an irgend einer Stelle zerstört, demzufolge auch das Wasser zu fließen aufgehört hat. Die türkische Indolenz erinnert sich jedoch nicht im geringsten diesem Uebel abzuhelfen. Meine Ansicht scheint sich auch insofern bestätigen zu wollen, indem sowohl in der Ambulance als auch unter den zur Aufnahme sich meldenden Kranken, die Fieberskala bereits um etwas abzunehmen beginnt. Ich glaube auch die Ursache der hier so häufig vorkommenden Augenentzündungen —außer der Unreinlichkeit — in den hier allgemein gebräuchlichen Feuerbecken annehmen zu können, da im Winter auch hier in Jerusalem meistens eine ziemlich empfindliche Kälte herrscht, die ohnehin nassen Wohnungen aber nicht mittelst Oefeu, sondern größlentheils mit Hilfe eines in der Mitte des Zimmers stehenden — einen ungeheueren Rauch und Dunst verbreitenden — Kohlenbeckens erwärmt werden, wodurch nun am allerehesten Die Augen afficirt werden. Wegen oft bedeutenden Wassermangels ist natürlich auch die Anzahl von Bädern eine relativ äußerst geringe, demzufolge auch die Hautkultur sehr vernachlässigt, daher die häufige Anzahl von Hautkrankheiten. Höchst fühlbar ist auch der Mangel eines Waisenhauses und einer Versorgungsanstalt für bejahrte gebrechliche Leute. Die Diagnose „Marasmus" Mtersschwäche) könnte aus den Annalen des Krankenhauses für immer vermißt werden, wenn ein Gebäude errichtet werden könnte, wo arme alte gebrechliche familienlose Leute untergebracht werden könnten, da sie sehr oft halbverhungert vor dem Thore des Hospitals um Aufnahme bittend Zusammenstürzen, und schon damit sie nicht aus Jnanition zu Grunde gehen, aus Barmherzigkeit ins Hospital ausgenommen werden müssen. Die hervorragendsten und allerhäufigsten Krankheitsformen, die ich in der Ambulance zu beobachten Gelegenheit habe, sind meistens: Fieber, Augenkrankheiten und Hautkrankheiten. Administration. Die Summe, welche zur Bestreitung der Erbauungskosten des Hospitals — die Versorgung des Chefarztes, die Medicamente und den dreimonatlichen Gehalt des Personales mit einbegriffen — verausgabt wurde, beträgt, laut des alle drei Monate nach Paris an den hochwürdigen Protector zu übersendenden detaillirten Ausweises: Vom 9. December 1866 bis 1. Januar 1867 1485 Francs 92 Cent. Vom 1. Jan. bis 1. Febr. 1129 Francs 7 Cent. Vom!. Febr. bis l.März 1362 Francs 16 Cent. Zusammen 3077 Francs 15 Cent. Handwerksschnle. Die gegenwärtig unter Protection des Herrn Baron Franketti stehende Handwerksschule wurde vom Herrn vr. Albert Cohn im Jahre 1857 gegründet. Die Anzahl der in der Handwerksschule aufzunehmenden Jünglinge beträgt gegenwärtig leider nur 25, die nach Vollendung einer dreijährigen Lehrzeit wieder anderen 25 Platz machen. Die Knaben wählen sich selbst das zu erlernende Handwerk und den Meister. Ein jeder Knabe erhält nach seiner Aufnahme 15 Piaster monatliche Unterstützung und allabendlich einige Stunden Religionsunterricht. Anfangs December 1866 waren in der Handwerksschule 23 Kinder eingetragen und zwar dem Handwerke nach: 1 Apothekerlehrling, 6 Goldarbeiter,