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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-14 · Heft 20 (14.5.1867) · p. Seite 394

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 20 (14.5.1867)
Date
1867-05-14
Page
Seite 394 (sequence 6)
Language
German
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394 der Berf., gleich so vielen Anderen begeht. Er findet es ausfällig, daß die Ehe zwischen Neffe und Tante verboten ist, nichk aber auch die Ehe zwischen Oheim und Nichte. Er sagt da: „Man sollte glauben, da die zwei Tochter zeugte. Insbesondere war es bei den Magiern nach Sextus*) und Strabo**) gebräuchlich mit der leiblichen Mutter sich zu verbinden. Aber auch bei den alten Griechen, dem gepriesenen Volke des Alterthums, war es mit der Sittlichkeit nicht viel besser bestellt. Bon Alcibiades war es bekannt, daß er Umgang mit seiner Mutter, seiner Tochter und seiner Schwester gehabt hat. dl ad) den atheniensischen Gesetzen war es erlaubt, seine leibliche Schwester zu heirathen, dagegen war die Ehe mit der Schwester von mütterlicher Seite untersagt. Dem letzteren Verbote lag aber nicht etwa eine ethische Rücksicht zu Grunde, sondern man wollte verhindern, daß Jemand sowohl das Vermögen seines Vaters und zugleich jenes des Mannes seiner Mutter erbe.***) Das von den Gräkomanen fast angebetete Volk des Alterthums konnte sich weder in seinen Sitten noch in seinem Glauben über die sinnliche i'uft erheben. Die ganze Götterlehre athmet nur Sinnlichkeit, die oft zur gemeinsten, ja ekelhaften wird, l G a n y m e d e s und sein Verhältnis; zu Z e u s, der Raub der Europa durch den „Stier" Zeus, die Eifersucht seiner Frau Gemahlin, die Verstümmelung des Uranos durch seinen Sohn Chronos, der seinerseits seine Kinder verschlingt. Kampf des Zeus gegen seinen Vater re.). Die Götter und Göttinnen begehen Ehebruch und treiben Blutschande, sind der Rach- und Eifersucht ergeben, begehen Vater- und Kindermord und sind überhaupt sehr oft ungerecht und grausam in ihren Handlungen. Wie kann aber ein Volk eine hohe Stufe in seinem sittlichen Leben erreichen, wenn es sich seine Götter mit den gemeinsten menschlichen Leidenschaften und Lastern behaftet denkt? In der That finden wir selbst in den schönsten Poesien der Griechen jenes erhabene ethische Gefühl nicht im entferntesten ausgedrückt, das uns in den biblischen Dichtungen begegnet, und welches das Wesen der dichterischen Begeisterung im jüdischen Alterthnm bildete. Wie das Gesetz beabsichtigte das ganze Leben zu einem Ringen und Streben nach sittlicher Vollkommenheit zu machen („seid heilig, denn heilig bin auch ich, der Ewiges)», so ergötzten sich die Dichter an der Natur, die sie aber nicht selbst vergötterten, sondern auf das lebendige, unendliche Wesen be- *) III. Cap. 24 **) Lib. XV. C. 3. ***) B oudi tt (Annak'S dTIvgiene publique II. Serie, Tom. IS, S. 73), der die gemein-sinnliche Anschauungsweise tadelt, in welcher die alten (Griechen die Ehe betrachteten, macht hiezu folgende Bemerkung: „Yoilsi coinment on peusait et coinment on pvatiquait dans cette Grecc taut vantee et qu’un nous eite eucure ainourd’hui comme tvpe de la plus graiule civilisation.“ t) Levit. XIX. 2. Verwandtschaft in beiden Fällen eine durchaus ähnliche ist, daß auch die Nachtheile in sanitatischer Hinsicht — und diese allein sind es ja, welche den großen Gesetzgeber bei diesen Verboten leiteten — bei beiderlei Heirathen auf gleicher Stufe stehen." Wir geben nun gern zu, daß hier wie bei den Speise-, Reinigungs- und anderen Gesetzen gesundheitliche Rücksichten ernstester und weisester Art vorhanden waren, aber wir protestiren gegen dieses „allein"; vielmehr liegen dem Gesetze tiefe, physisch-ethische Motive nicht minder zu Grunde, wie wir in unserem Bibelwerke zu allen diesen Gesetzen entwickelt haben. Der Berf. braucht nur einen Blick auf die von ihm selbst angeführte Liste der verbotenen Grade zu zogen*). Ein geistreicher französischer Dichter und Historiker drückt sich über diesen Punkt in trefflicher Weise aus. (L u m a r l i n e 0 e u v r e s. Bruxelles l S39. Yoyage eu Orient p. 520)**). Die alten Griechen hatten unstreitig einige sehr geschickte Bildhauer und Baumeister unter sich, welche zahlreiche Statuen verfertigten und Tempel erbauten, wovon die Ruinen noch zu sehen sind, während Bruchstücke und ganze Statuen in den verschiedenen Museen Europas zerstreut sind. Ob aber diese ausgehauenen Marmvrblöcke, die gewöhnlich nur einem sehr kleinen Kreise von Kunstfreunden zu Gesichte kommen, viel zur moralischen und geistigen Erhebung der europäischen Nationen beigetragen, dürste doch zu bezweifeln sein. Dasselbe gilt selbst von den allerdings werthvollen griechischen Handschriften, die uns mit den Dichtern, Historikern und Philosophen jener Nation bekannt machten. Mich dünkt aber, daß jenes Volk sich das größte Verdienst um die Menschheit erworben, das dieselbe aus dern, jede geistige und moralische Entwickelung hemmenden Götzendienst gerissen und sie mit den erhabenen Ideen des Monotheismus bekannt machte. Freilich war die heidnische Welt jener Zeit nicht im Staude, die Lehre in ihrer Reinheit aufzunehmen und empfing sie dieselbe aus dritter Hand mit Zusätzen, durch welche sie der alten heidnischen Vorstellungsweise ähnlicher wurde. Dennoch hörten bei den alten Germanen nach Annahme des Christenthums die Menschenopfer auf und waren die früher gebräuchlichen Heirathen zwischen Bruder und Schwester***) verpönt." — *) A. v. Humboldt (Kosmos II.) nennt den 104. Psalm einen ganzen Kosmos. **) Si Ton remonte u l’dpoque reeulee oü de tels chants (les psaumes) retentissaient sur la terre, si Ton pense qu’alois la poesie lyrique des nations les plus cultivees ne chantaient que le vin, l’amour, le sang et les victoires des Muses et des coursiers dans les jeux d’Elide,on est saisi d’un profund etonnement.Lisez de l’Horace et du Pindare apres uu Psaume, pour moi je ne le peux plus. ***) H eineccius, Elem, jur. Germ. §. 199, citirt voll Boudin, 1. c. p. 73.

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