Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1867)
- Date
- 1867-05-14
- Page
- Seite 391 (sequence 3)
- Language
- German
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391 den besitzenden und besitzlosen Volksklasien auf; ja bei einer durchgreifenden Stockung jener, haben diejenigen am meisten zu verlieren, welche, wie man zu sagen pflegt, „nichts zu verlieren haben," denn sie verlieren die Arbeit, das ist den täglichen Erwerb, das Stück Brod für sich und ihre Familien. Aber ebenso hebt sie die Trennung der Interessen zwischen den verschiedenen Völkern auf. In einem Kriege kann es kommen, daß der siegende Staat mehr verliert als der besiegte; denn wenn es ein industrie- und kapitalienreiches Volk mit einem entgegengesetzt gearteten Volke zu thun hat, gehen jenem während des Krieges Industrie und Kapitalien zu Grunde, und zehren seine Kräfte viel mehr auf, als die vorübergehenden Schrecken und Nöthen des Krieges dem andern absorbiren. In früheren Zeiten war man zufrieden, wenn nur „die Völker weit hinten in der Türkei" sich schlagen. Jetzt leiden die entferntesten Nationen, wenn in noch so großer Ferne civilisirte Völker gewaltthätig auf einander stoßen. Die Erschütterungen des nordamerikanifchen Bürgerkrieges bebten in gewaltigen Schwingungen durch alle europäischen Länder bis zum Ml und zum Indus hin; Europa erlitt ungeheuren Schaden, und z. B. in England hungerten Tausende von Arbeitern in den Fabrikdistrikten , schon weil es an Baumwolle für die Fabrikation fehlte. Ja, man kann sagen, daß alle Völker unter den Kriegen, sei es nur Zweier gegen einander, leiden. Dies beweist sich auch dadurch, daß bei jeder entstehenden Kriegsdrohung ganz Europa sich bemüht, den Frieden aufrecht zu erhalten, daß, wenn er unvermeidlich geworden, man nur an seine „Lokalisirung" d. i. Beschränkung und auf die möglich schnellste Beendigung desselben denkt. Die Kriege sind entweder Territorial- und Macht- - kriege, Religionskriege, Nationalkriege oder, nach der jüngsten Erfindung, „Kriege um eine Idee." Prüfen wir dieselben einen Augenblick. Es kann, von der Nationalität abgesehen, dem Bürger nur darauf ankommen, einem liberalen Staate, wo die Rechtspflege gesichert, die gesetzlichen Freiheiten, wie Gewissensfreiheit, Gewerbefreiheit, Handelsfreiheit, persönliche Freiheit u. s. w. verbürgt sind, und Wissenschaft, Kunst und Unterrichtswesen in Blüthe stehen, anzugehören. Man hat in neuester Zeit die Vortheile hervorgehoben, welche die Angehörigkeit eines großen Staates mit sich bringe. Die Größe allein aber macht es nicht aus, sondern die Entwickelung desselben, und man sieht durchaus nicht ein, warum es vortheilhafter und vorzüglicher sei, ein Franzose als ein Schweizer, ein Russe als ein Belgier zu sein. Ja, je weiter'die liberale Entfaltung der Staaten und je enger und beziehungsreicher die Verbindungen der Völker werden, desto gleichartiger kommen die Erfolge Aller Allen zu Gute, desto freier können sie von Allen benutzt werden. Wir hegen nicht die Meinung, daß die sg. Universalmonarchien in früherer Zeit nicht mit außerordentlichem Nutzen für das Menschengeschlecht verbunden gewesen; denn durch sie wurde die engere Verbindung vieler, sonst gesonderter Völker angebahnt; und wenn v. Sybel*) darthut, daß sie immer den Keim der Zerstörung in sich selbst tragen mußten, so nimmt dies ihrer Wirksamkeit den Werth nicht. Aber dieser Beruf besteht nur da, wo eben halbcivilisirte Völker, die sonst wie Glasstücke auseinander sprängen, durch die äußere Gewalt zur höheren Verbindung in geistigem und materiellein Austausch vorbereitet werden müssen. Außerhalb dieses Momentes liegen daher Territorialkriege nur innerhalb dynastischer Interessen, und die Völker haben deshalb für solche Kriege keines, gegen sie alles mögliche Interesse. Die Nationen gleichen dabei den Lämmern, um derentwillen die Löwen sich bekämpfen, wer sie verschlingen soll und sie unterdeß zerfleischen und zerreißen. Der Krieg um die Machtstellung kann ein nothwendiger sein, wenn der ehrgeizige Nachbar die Stellung und das Verhältniß des anderen bedroht. Dann ist er aber nur ein Vertheidigungskrieg, ebenso wie um ein angegriffenes Territorium. Aber von Verteidigungskriegen sprechen wir überhaupt nicht, denn diesen, wenn sie es wirklich sind, wird Niemand das Recht und die Pflicht absprechen, sondern von den Angriffskriegen. In diesen liegt aber selbst für den Sieger die Gefahr, in dem erworbenen Zuwachs seiner Macht und seiner Territorien eine bleibende Schwäche zu haben, die ihm immer neue Kämpfe, und öfter in unbewachten Augenblicken zuzieht. Worin liegt also hier die Vernunft? Noch weniger wird man diese in unserer Zeit dem Religionskriege zuschreiben. Anderen mit dem Schwerte in der Hand eine Glaubensmeinung aufzuzwingen, zu glauben, hiermit Gott und der Religion einen Dienst geleistet zu haben, ist barbarisch — wir gehen darüber hinweg. Und Nationalkriege? Wo es gälte, einer, zu selbst- *) v. Sybel, die deutsche Nation und das deutsche Kaiserreich. Düsseldorf 1862. 20*