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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-14 · Heft 20 (14.5.1867) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 20 (14.5.1867)
Date
1867-05-14
Page
Seite 390 (sequence 2)
Language
German
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390 brauche haben die jetzigen Menschen eine noch weit größere Fertigkeit erlangt, als in der Verwendung des Dampfes und der Electricität. - Sie verstehen es, die täuschendste Sophistik gefällig, einleuchtend, überredend, ja erhaben zu machen. Sobald man also in die Erörterung der Einzelheiten und der augenblicklichen Verhältnisse sich einläßt, wird man von einem der geschickten Parteiführer in's Schlepptau genommen, und selbst wider Willen in eines der feindlichen Lager gezogen. Gerade darum, sagen wir, sehnt man sich nach einem allgemeineren Gesichtspunkte, nach der allgemeinen Perspective. Welche ist aber diese? Die Antwort ist leicht: die allgemeine Herrschaft des Rechtes, aber durch sich selbst, nicht durch die Macht, die Gewalt. So lange die Macht in der Menschheit besteht, hat sie immer ein Recht zu haben geglaubt oder vorgegeben. Wer den Degen zieht, wer das Geschütz löst, behauptet immer, es für ein Recht zu thun, und sogar wer siegt, beansprucht noch ein Recht mehr', das Recht der Eroberung. Jeder Streitende ist aber Partei, keine Partei hat ein Urtheil über das wirkliche Recht. Führt also eine Partei ihre Sache durch ihre Macht aus, so hat sie von vornherein willkürlich über das Recht verfügt, d. h. ein Scheinrecht aufgestellt. Es bedarf also keiner großen Anstrengung der Logik, um einzusehen, daß, so lange zwischen den Völkern der Krieg besteht und man das Recht mit der Schärfe des Schwertes behaupten will, es überhaupt noch kein Recht unter den Nationen giebt. Die Herrschaft des Rechtes unter den Menschen ist also etwas ganz anderes, sie ist der Friede, die friedliche Ausgleichung aller Streitigkeiten. So wenig in einem Staate gesetzliche Ordnung herrscht, so bald der Einzelne wider den Anderen sein vermeintliches Recht mit seiner persönlichen Macht ausficht, und es nicht der Entscheidung der Gesammtheit, d. i. des Staates überlassen ist: so wenig kommt das Recht zur Herrschaft unter den Völkern, so lange es von dem einen gegen das andere durch die Gewalt, d. h. den Krieg erstritten, und nicht durch die Entscheidung seitens der gesannnten Völkerfamilie gelöst wird. Vor Jahrtausenden stellten die Propheten Israels diese allgemeine Perspective auf, und machten sie durch die herrlichsten Gleichnisse allen Menschen zugänglich und verständlich. Ebenso lange aber wurde darüber gelacht und gespottet und gefragt: ob denn noch immer nicht der Wolf mit dem Lamm weide, und der Säugling all der Höhle der Natter spiele? Und noch heute giebt es genug Menschen, die also spotten und fragen. Der Augenschein spricht für sie. Wir haben im letzten Dezennium Kriege genug verlebt; es scheint sich einer immer aus dem andern zu entpuppen. Es ist, wie wenn der alte Fluch sich immer wieder bewähren solle: aus Blut sprießt Blut hervor, und wer im Sturm säet, erndtet im Sturme. Und doch ist es anders. Wer die Erscheinungen des letzten Jahrhunderts aufmerksam durchmustert, der sieht bald ein, daß in der großen Krise der Menschheit, in welcher wir uns offenbar befinden, das Obwalten eines Prinzipes oder Elementes durchaus noch nicht das Nichtvorhandensein, die Nichtexistenz seines Gegensatzes oder eines anderen Prinzips und Elementes erweist, oder nur daß dieses entgegengesetzte oder andere macht- und erfolglos sei. Vielmehr existirt das eine noch lange, oft Jahrhunderte hindurch in seiner geschichtlich erlangten Wucht fort, und nimmt fast die ganze Oberfläche der menschlichen Gesellschaft noch ein, während das entgegengesetzte schon lange in der Tiefe seine Wurzeln ausgebreitet hat, sich allmälig emporhebt und bereits in Wort und Streben zu Tage gekommen ist. Besonders lnuß dies in den großen, nur aus völliger Umgestaltung zur Obherrschaft kommenden Prinzipien der Fall sein, bei den riesenhaften Bildungsstufen, welche das Menschengeschlecht nach und nach zu ersteigen hat. Da haben nicht Jahrhunderte, kaum Jahrtausende eine Bedeutung, und es ist schon genug, wenn die Anzeichen sich mehren, daß auch hier eine Erfüllung, wenn auch sehr langsam, vor sich geht. Wer sich krank und leidend fühlt, der fragt wohl hundertmal in der Nacht, ob es noch nicht Tag werde, und unwillig weist er den Trost der ersten Strahlen der Dämmerung zurück, weil er erst von dem vollen Licht des Tages eine Aenderung seiner Leiden erwartet. Wer wird aber nun behaupten wollen, daß im Schooße der civilisirten Völker, tief im eigentlichen Pulsschlage derselben nicht das Verlangen nach dauerndem Frieden, nach friedlicher Lösung und Ausgleichung jeder internationalen Streitfrage wach und lebhaft geworden und immer mehr wird? Wer wird leugnen, daß die Anschauung, der Krieg sei ein verwerfliches, verderbliches und widervernünftiges' Mittel, ein barbarischer Prozeß, welcher das Völkerleben zerstört, immer mehr Platz gewinnt in den Geistern? Und wer sieht nicht ein, daß die materiellen und geistigen Verhältnisse immer mehr eine Gestalt annehmen, daß sie eine unermeßliche Solidarität aller Nationen und Staaten bewirken? Die Industrie verbindet die Interessen aller Volksklassen aufs Engste; sie hebt hierin sogar den Unterschied zwischen

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