Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1867)
- Date
- 1867-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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3i. Jahrgang. Allgemeine _2" Zeitung des Zudenthmns Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Di*. Ludwig Philippfon in Bonn. Leipzig, den 14. Mai 1867. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Dienstags, in 2 bis 2i/a Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2Thlr. Vierteljährig l Thlr. Inserate werden mit IV2 Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Aue Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an; der Haupt-Expedition für beide Letztere hat sich das Köuigl. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau hier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Der Moment aus der allgemeinen Perspective. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Breslau. Oesterreichischer Kaiserstaat: Wien, Prag, Pest, Aus dem Tokayergebirge, Proßnitz, Lundenburg. Großb r i t a n i e n: London. Rußland: Petersburg. Feuilleton-Beilage: Ein Beitrag zur Geschichte der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt am Main. — Correspondenz. — Kuriosa. Leitende Artikel. Bonn, 5. Mai. Der Moment <m$ der allgemeinen Perspective. Die Kriegsaussichten, die sich so bedrohlich den europäischen Völkern eröffnet hatten, dürfen nicht nach dem gewöhnlichen Gleichniß Wetterwolken genannt werden, die am Himmel hinaufgestiegen und glücklicher Weise wieder im Verschwinden begriffen seien. Von fernen Wetterwolken wird kein Baum getroffen, kein Halm benetzt. Aber schon diese Aussichten auf einen kriegerischen Zusammenstoß haben des Unheils viel, ja ein unberechenbares Maß angerichtet. Der Besitzstand aller civilisirten Völker besteht gegenwärtig zum größten. Theile in der Industrie; der Bodenbesitz ist vor dieser an seinem relativen Werthe zurückgewichen. So gewaltig aber diese industrielle Production und ihr Verkehr auch ist, so gleicht sie doch einer freischwebenden Nadel, die bei dem ersten Anstoß von ihrer Bahn abweicht. Da die Wirkungen des vorigen Jahres mit seiner Panik und seiner Krise noch das Blut in den Adern der Industrie stocken, nur träge sich bewegen lassen, so war sie um so empfindlicher, und das erste Anzeichen neuer Kriegsgefahren wurde sofort zmn,. Sturmzeichen, vor welchem sie alle ihre Segel einzog und ihr Steuer festband. Es hängt dies auch noch mit einem andern Umstande zusanunen. Alle Industrie beruht zuletzt auf den: Consum. Dieser sucht seine Befriedigung im Detailhandel, letzterer im Großhandel und in der Fabrik. Es ist aber nicht zu verkennen, daß gegenwärtig der größte Theil des Consums und zwar in allen Bolksschichten auf dem Luxus beruht, d. h. auf dem Ueberflüssigen, oder doch Entbehrlichen. So wie aber der Krieg droht, beschränkt sich Jedermann auf das Nothwendige, das Unentbehrliche. Dies empfindet sofort der Detailhandel, unb damit stockt auch der Großhandel und die Fabrik. Es waren also nicht blos ferne Wetterwolken, sondern solche, die bereits ihre verderblichen Schläge, wenn auch nicht mit der Mächtigkeit des vorigen Jahres niederfallen ließen. Solche Vorkommnisse macken gerade 31t allgemeinen Betrachtnngen geneigt. Die Erwägung des Streites in seinen einzelnen Momenten, in seiner: Objekten, Ursachen und Rechtsgründen führt mitten in die Parteileidenschaft, in die unliebsame Bewegung hinein, ans welcher man sich eben hiuaussehnt, deren Verwerflichkeit man fühlt, ohne immer zu wissen, warum? Nichts ist in unserer Zeit entwickelter als das Wort. In seinem Ge-