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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-07 · Heft 19 (7.5.1867) · p. Seite 387

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 19 (7.5.1867)
Date
1867-05-07
Page
Seite 387 (sequence 19)
Language
German
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387 sich beugen und heben — es dauert nicht lange, und die Sonne siegt wieder und umglänzt und verklärt den Erdball, daß er uns dem Paradiese zu gleichen scheint. Doch es wäre thöricht und schade um die Mühe, Euch, theure Leser und Leserinnen, die Herrlichkeiten des Lenzes zu schildern, die Euch ein Blick über Flur und Wiese, über Wald und Höhe mehr offenbart und in das Herz senkt, als alle Worte es vermögen!... Es ist die träumerischeste Zeit des Jahres. . Denn mit den Knospen, die sich an Baum und Strauch hervordrängen, kommen auch die Knospen der Hoffnung, meist unbewußter, in unserer Seele hervor und schwellen und springen auf und lassen die farbigen und duftigen Blüthen an's Licht treten. Dieser Blüthen sind unzählige, und doch werden nur wenige zu Früchten, und gar zu reifen, saftvollen Früchten. So ist es die Traumzeit der Natur und die Traumzeit des Menschenjahres. Da ist es sonderbar, aber gewiß von tiefem Sinne, wenn gerade in diese Zeit die Religion Israels die Aufforderung hineinruft: „Ihr sollt zählen vom Tage nach der Feier (d. i. vom zweiten Peßachtage an), sieben vollständige Wochen sollen es sein; bis zum Tage nach der siebenten Woche sollt ihr fünfzig Tage zählen," an diesem Tage feiert das Schabuothfest (3. Mos. 23, 15. 16.). Mag man nun dieses Zählen mit anderen Erklärern zanz allgemein als Rechnen verstehen oder mit der Tradition (Menach. 65, 2. ff.) als ein Zählen Tag für Tag in bestimmter Formel, die Synagoge hält sich an diesen Brauch (Orach Chaj. § 489) und zählt Abend für Abend diese Tage einen nach dem andern, bis das Pfingstfest lPenlekoste, d. i. der 50. Tag) gekommen ist. Wie? Soll dies ein Gegengewicht gegen jenen träumerischen Zug in Natur und Mensch zur selbigen Zeit fein? Soll es die zu weitem Fluge geneigte Phantasie an unsichtbaren Fäden festhalten und ihrem Aufschwünge Maß und Ziel verleihen? Wir behaupten dies nicht; wissen wir doch, daß der heilige Gesetzgeber viel bestimmtere, realere Motive hatte. Dies macht aber Nichts aus, wenn die Wirkung eine solche ist. Wir gedenken jenes Ausspruches desselben Moses in seinem Psalm — denn er war auch ein erhabener Sänger, wie die unsterblichen Gesänge am rochen Meere und vor feinem Tode erweisen — in dem Psalm, der seine Stelle als neunzigster gefunden, und dessen Überschrift „Gebet von Moses, dem Manne Gottes" lautet, jenes Ausspruches im zwölften Verse: „Zu zählen unsere Tage, so lehre uns, daß wir ein weises Herz erlangen." In der That hat das mosaische Gesetz dafür gesorgt, daß „wir unsere Tage zählen." Wir haben die Tage zu zählen, denn „sechs Tage arbeite und verrichte all' dein Werk, der siebente sei Ruhetag dem Ewigen deinem Gotte;" wir haben die Monde zu zählen, denn der erste Tag jedes Monats soll ein Halbfest sein, und der siebente Monat ein Festmonat; wir sollen die Jahre zählen, denn jedes siebente Jahr sei ein Brach- und Erlaßjahr und das fünfzigste das Jahr der Freiheit. Wenn wir uns all' dies hinwegdenken, wenn wir dann an die Ungebundenheit des Lebens, an die Neigung des Menschen denken, „in den Tag hineinzuleben", seine Zukunft als einen unbemessenen ungezählten Raum vor sich zu betrachten, den er, ohne des früher oder später kommenden Endes bewußt zu sein, durchschreiten mag: so will es uns bedünken, als ob das Gesetz, abgesehen von allen seinen Zwecken bei jeder der gedachten Bestimmungen, dieses große Zeitnetz gewoben, um den Menschen an Maß und Ordnung zu gewöhnen, ihm Besonnenheit in die Seele zu senken, damit er „ein weises Herz erlange." Wir sehen uns in der Schöpfung Gottes um. Fürwahr, da ist Alles an die Zeit, Raum und Maß gebunden. Du schüttelst das Haupt: ist nicht in der Natur Alles unzählig, unendlich? Allerdings für uns, für den Menschen, für die beschränkten und bedingten Sinne des Menschen, und darum auch für dessen Vorstellung. In der Wirklichkeit aber nicht! Der Prophet lehrt es dich schon; er fragt: „Wer maß mit feiner Handhöhle die Wasser aber, ermaß die Himmel mit der Spanne, schätzt' in dem Drittel den Staub der Erde ab, und wog in der Waage Berge, Hügel in der Waagschaale?" (Jesaias 40, 12.). Ja, der Mensch kann dies nicht, aber Gott that es; für uns ist die Zahl der Wassertropfen im Ocean unendlich, aber so ungeheuer sie ist, so ist sie doch eine Zahl, wechselnd nach den Ausdünstungen des Meeres und nach den Ergüssen der Ströme in das Meer, aber zuletzt weder wachsend noch abnehmend, denn was ihr zeitweise genommen ist, kehrt wieder dahin zurück. Für den Menschen ist selbst eine große Zahl schon so gut wie unendlich, denn er verliert den Maßstab für sie, und die Zahl wird ihm ein Name ohne Wesen, weil ohne Vorstellung. Was hilft es uns, wenn wir erfahren, daß das Licht in jeder Zeitsecunde 42,000 Meilen läuft und es Sterne giebt, deren Licht doch 2000 Jahre bedarf, um zu unserm Auge zu gelangen, so groß ist ihre Entfernung? Für uns ist die resultirende Zahl bedeutungslos, unendlich, ein Zehntel, ein Hundertstel, ja ein Milliontel derselben würde uns dieselbe Vorstellung der Größe machen — aber die Zahl ist doch da, diese für uns unendliche Ferne hat doch eine bestimmte Zahl. Was hilft es uns, wenn wir erfahren, daß ein Cubikzoll von Galionella ferruginea eine Billion 750,000 Mill. Individuen enthält und nun eine ganze Kreideschicht aus den Resten dieser thierischen Körper besteht? Für uns ist dies eine leere Bezeichnung — aber die Zahl ist doch da, sie sind zählbar selbst für uns, also in ihrer Zahl vom Schöpfer bestimmt. Es ist daher für uns eine große Lehre, wenn die h. Schrift in der Schöpfungsgeschichte die Schöpfung der Wesen an eine Zahl von Tagen knüpft. Alle Gesetze in der Natur sind an bestimmte Zahlen gebunden, und bestehen gerade in dieser Zahl. Das Gesetz der Schwere ist nichts Anderes als ein Zahlenverhältniß der Elemente zu einander und ihrer Bewegung im Raume. Licht, Wärme, Schall sind die Zahl von Schwingungen. Aber auch selbst im organischen Leben; das Werden der thierischen Organismen ist in allen Arten

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