Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1867)
- Date
- 1867-05-07
- Page
- Seite 388 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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388 - und Spezies an ein bestimmtes Zeitmaß geknüpft, selbst die Geburt männlicher und weiblicher Individuen der Menschengartung hat, wie die Statistik erweist, ein bestimmtes Zahlenverhältniß zu einander, das bei einer gewissen Menge und zu einer bestimmten Zeit sich immer wiederholt. Sv herrscht in der Schöpfung Gottes die genaueste Oekonvmie, Alles ist gezählt, gemessen, wenn auch für uns in unendlichen Zahlen und in unendlichen Maßen. Der Menschengeist aber schwebt zwischen der Endlichkeit und der Unendlichkeit; er weiß die Unendlichkeit, aber begreift sie nicht, und die Endlichkeit wird ihm zur Unendlichkeit, sobald ihm der sinnliche Maßstab für die Zahl zu mangeln beginnt. Und dieselbe Erscheinung gewahren wir in der sittlichen Welt des Menschen. In seinem Bewußtsein wie in seiner Sehnsucht liegt das Unendliche, das Göttliche; und doch will er und kann er nur wollen das Endliche, das Bestimmte, das Konkrete; seine Gedanken haben ihre Grenzen und ihr Ziel, seine Gefühle erschöpfen sick, seine Phantasie schafft ihm begrenzte Gestalten; sein Verlangen kehrt immer wieder zu den ganz besonderen Dingen zurück. Die Geschichte zeigt uns, daß sehr häufig jene Wahrnehmung von Zahl und Maß, wie sie in der ganzen Natur herrschend sind, ohne daß wir uns den Grund auch nur einer einzigen Zahl, warum diese und keine andere? angeben können, zur Zahlenmystik führte, indem scharfsinnige und phantasiereiche Geister den geheimnißvollen Sinn der Zahlen, der einzelnen und ihrer Verhältnisse zu einander aufzusuchen sich müheten. Man erinnere sich des Pythagoras und seiner Schule. Die jüdische Kabbala ist zum Theil darauf gebaut. Auch erleuchtete Geister huldigten ihr, wie Aben Esra, der ein besonderes Buch darüber verfaßt hat. Daß den in der heiligen Schrift immer wiederkehrenden Zahlen z. B. an der Stiftshütte, ebenso wie den Farben und Gestalten eine symbolische Bedeutung einwohnt, ist nicht zu verkennen. Nur das welcheist schwer zu ermitteln; es giebt sogar eine heidnische Religion, welche das Maß als das Wesen der Gottheit verehrt, weil es das die schädlichen Gewaltthaten beherrschende und sie mit den wohlthätigen in Gleichgewicht bringende sei. Es ist dies die Religion des Fohi, welche China und Japan bekennen. Soweit uns dies auch von unserm Ausgangspunkte entfernt hat, behielten wir ihn doch immer in Sicht. Der Mensch ist ein freies, sich selbstbestimmendes Geschöpf. Sein Geist ist ebenfalls gewissen Gesetzen unterworfen, aber innerhalb und vermittelst derselben nimmt er seinen freien Gang. Er kann sich der Leidenschaft gefangen geben, aber sie auch beherrschen. Die Zahl seiner Tage liegt unbestimmt vor ihm; selbst seine Lebensstationen haben kein festgesetztes Maß; Mancher ist schon greisenhaft in der Jugend, der andere jugendlich frisch im Mer. Gerade darum .sollen wir unsere Tage zählen lernen, „um weisen Herzens zu werden." Wir betätigen unsere Freiheit am meisten und höchsten, wenn wir ihr mit Bewußtsein Maß und Schranken setzen. Zählen wir mit Bewußtsein unsere Tage, so werden wir am ehesten unsere Flüchtigkeit inne und das für uns unabsehbare Gebiet der Lebenszeit bekommt Maß, Abschnitte und Gestalt. Wir werden daran erinnert, daß der verlorene Tag ein Verlust ist, und wissen, daß auf diesen Tag ein anderer folgt, der mit Thränen oder mit Befriedigung Rechenschaft fordert von seinem Vorgänger. Ich führe dieses nicht weiter ans, mein Leser. Du vermagst es sehr gut selbst zu thun. Wir sollen unsere Tage zählen lernen, und dazu ist das träumerische Stück Zeit zwischen Peßach und Schabuoth eine gute Schule. Knriosa ans Amerika. Amerikanische Blätter enthalten folgendes Beispiel von R e l i g i v n s m e n g e r e i. „Am verflossenen Samstage kündigte die Congregation der dortigen christlichen Unitarier in Hopkins-Hall an, daß sie in Ermangelung eines eigenen Pastors den Oberrabbiner der Synagogen von Broadway und Sixthstreet, Herr Dr. Max Lilienthal, ersucht habe, auf der christlichen Kanzel aushilfsweise zu fuugiren und in der Kirche zu predigen. Se. Ehrwürden waren so gefällig, dem Ansuchen zu willfahren! Die Kirche war gedrängt voll, da man den Rabbi zu einem christlichen Auditorium sprechen und für Christen und mit denselben beten hören wollte. Nach dem üblichen einleitenden Gesänge bestieg der Rabbiner die Kanzel und hielt ein Gebet, in welchem er von der Zusammengehörigkeit und Gleichheit der Menschengeschlechter sprach, zum Schlüsse das Herannahen des Zeitpunktes erflehend, der alle Menschen, vom Jrrthum befreit und nur einen Gott anbetend zeigen würde. Es wurde sodann statt des Evangeliums das fünfundvierzigste Capitel Jesaias vorgelesen, worauf der Rabbi eine Predigt für die religiöse Freiheit hielt; Gewissensfreiheit, hieß es in der Rede, ist nur da möglich, wo Staat und Kirche vollkommen von einander getrennt sind." Es versteht sich von selbst, daß Niemand etwas dagegen haben kann, wenn Vorträge öffentlich vor Leuten aus den verschiedensten Religions- Parteien gehalten werden. Ein Anderes ist es aber, geistliche Funktionen inder'Kirche einer andern Religionsgenossenschaft „aushülfsweise" zu verrichten! Es gehört dies zu den Wandelungen, welche vr. Lilienthal in seinem vielbewegten Leben durchgemacht hat. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur I-»*. H. Lotze.