Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1867)
- Date
- 1867-05-07
- Page
- Seite 374 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Literarischer Wochenbericht. Frankfurt a. Main, im März. Zur Schul- Pädagogik des Talmud. Unter diesem Titel liegt uns ein Schriftchen von Dr. Marcus vor, welches das crambe repelila einer unter demselben Titel von I)r. Sulzbach in einem Schulprogramme geschriebenen Abhandlung ist. Aber wie jener Mann, der sein Loch im Aermel jedem zeigte, weil er es,doch nicht verbergen konnte, so verhehlte es auch der B. nicht, daß von S. dankbare Notizen gegeben sind, die von ihm benutzt worden seien; in der Wirklichkeit aber hat der Verf. nicht nur Notizen benutzt — deren er übrigens auch in der Didaktik des Talmud von R. Cohn (B. CH. 1858) gefunden hatte, sondern sich auch der Mühe überhoben, dieselben zu bearbeiten. So sind viele Seiten (9, 15, 20, 31, 32, 53) ganz und andere nur theilweis abgeschrieben, selbst rnit den ungenauen Zitaten. Des Bfs. Verdienst besteht nur darin, die zerstreuten Notizen und Bemerkungen parasirt und rubricirt und viele urgirte Schlüsse beigefügt zu haben. Beide Bearbeiter der talmudischen Pädagogik sagen, daß sie nur die Elementarschulen und nicht die höheren Gelehrtenschulen in Betracht ziehen wollen; da sich aber von den wenigen talmudischen diotizen über, Elementarschulen kein umfassendes pädagogisches System zusammenschmieden ließ, haben sie Alles, was von jenen gesagt ist, auch auf diese angewendet, während sich doch beide Schulen durch drei Hauptmomente von einander unterscheiden.!) Durch die Subjektivität der Schüler; in den Gelehrtenschulen waren die Hörer größtentheils erwachsene Jünglinge und Männer, die zum Theil in collegialischer Beziehung zum Vortragenden Lehrer standen, während in den Elementarschulen nur Kinder waren. 2) Dort war die Zahl der Hörer unbeschrankt — daher auch die Vorträge zuweilen in freien Räumen gehalten wurden — hier durfte ein Lehrer nur 25 Schüler unterrichten, und 3) der Lehrstoff. Ohne andere schriftliche Vorlagen und Aufzeichnungen als die Mischna wurden in den Gelehrtenschuleu halachische und agadische Stoffe in freiem Vortrage verarbeitet und darüber diskutirt und mnemonische Zeichen und Schriftanlehnungen mußten das Vorgetragene vor Vergessenheit schützen; in den Eleinentarschulen war der Lehrstoff die Kenntniß und das Verständniß der Bibel und Mischna, die den Schülern zur Hand waren, und für beide Unterrichtsgegenstände waren besondere Schulen eingerichtet; die Bibelschulen wurden k^öö Ta, die Mischnaschulen 's genannt. So soll Jerusalem 480 Schulen mit getrennten Abtheilungen für den Bibel- und Mischnaunterricht gehabt haben (Jer. Meg. 12). Ob auch die Elemente anderer Wisienschaften hier gelehrt wurden, dafür ist, trotz dem was die Verf. darüber wissen wollen, weder ein bejahender noch verneinender Nachweis beizubringen. Nur aus einer Verfolgungsperiode wird uns berichtet, daß von 500 Knaben, die sich mit griechischer Weisheit (nach Low mit griechischer Gymnastik!) beschäftigt hatten, nur zwei am Leben geblieben wären. Eben so wenig wissen wir von der Lehrmethode in diesen Schulen. Nach Jer. Meg. 4, 5 fand der Bibelunterricht versweise statt, die Schüler mußten jeden Vers ihrem Gedächtniß einprägen, daher man einen begegnenden Knaben nach seinem gelernten Vers zu fragen pflegte, dessen man sich als Omen bediente (Ghulin 95, B. R. 74d). Bezeichnend für die Resultate des Bibelunterrichts ist, daß mau Jsmael b. Elisa schon in seiner Kindheit seine zukünftige Geistesgröße prognostizirte, weil er zu dem Fragetheil eines Verses, den man ihm zugerufen, den Schlußsatz beifügen konnte. Wenn ferner die Erklärung von Raschi zu Sab. 1 d. „wenn der Chasan nicht weiß, welche Perikope in der Synagoge zu verlesen sei, so dürfe er (Sabbatuacht) sehen, was die Schulknaben lesen," richtig ist, so geht daraus hervor, daß in den Bibelschulen jede Woche die in der Synagoge zu verlesende Perikope gelehrt wurde. Sehen wir nun, was der Verf. von dem Lehrstoffe sagt, denn nur diese Rubrik, mit noch wenigen andern — wie über das Alter der Schulpflicht, die Klasseneintheilung und Schülerzahl — handelt ausschließlich von den Elementarschulen, während alle andern Rubriken auf die höheren Gelehrtenschulen ihre Anwendung haben, und von diesen sollte doch nicht gesprochen werden. Unter die Lehrstoffe werden ausgenommen a) Die Nationalliteratur. Bibel und Mischna werden hier richtig als der Hauptlehrstoff angegeben und wird dabei nur bemerkt, daß der erste Bibelunterricht mit den Opfergesetzen beginne, weil — wie es Midrasch Vaj. c. 7 heißt — „die kleinen Kinder unschuldig und rein sind und die Opfer die Reinheit symbolisiren."*) Ohne Symbolisirung *) Aus derselben Ursache wird auch in der hiesigen Religionsschule der erste Talmudunterricht mit Knaben, die noch nicht einmal Unpunktirtes lesen können, mit dem Traktat Sebachim begonnen.