Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1867)
- Date
- 1867-05-07
- Page
- Seite 373 (sequence 5)
- Language
- German
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373 verhandelten Rechts- und Cultusfragen vergleicht, der muß wahrlich lächeln über diesen Ausfluß der Ignoranz daß das Judeuthum das Christenthum spiritualistisch geinacht habe. Nun verlangen wir, offen gestanden, durchaus nicht von Jedermann, auch nicht vom Redakteur der B. M., daß er eine wirkliche Kenntniß von allem Diesem habe; läßt sich aber ein solcher herbei, ein Uriheil zu fällen, und dieses mit einer sicheren Miene vollständiger SachkennLuiß zu thun und sich sogar auf Geschichtswissenschaft zu berufen — dann freilich darf er es uns nicht verübeln, wenn wir ihn in seine Schranken zurückweisen. Der Redakteur der B. M. glaubt uun gewaltig viel gethan zu haben, wenn er sagt, „daß die fortschreitende Bildung der europäischen Völker zuerst in dem griechischrömischen Heidenthum, demnächst aber in der modernen Naturwissenschaft eine ihr unentbehrliche Ergänzung suchen mußte." Wir sind hier vielmehr ganz seiner Meinung. Wenn wir sagen, daß die Menschheit vom Mosaismus die reine Gotteslehre, die wahren Grundsätze des Rechtes und der Liebe und die rechten Prinzipien der menschlichen Gesellschaft zu empfangen hatte und hat, so behaupten wir hiermit nicht, daß damit alle Elemente der menschengeschlechtlichen Cultur gegeben, die ganze Fülle der menschlichen Geisteskräfte befriedigt sei. Wir erkennen die außerordentliche Bedeutung der hellenischen Kunst und Wissenschaft und der modernen Naturwissenschaft mit Freuden an. Vielmehr erkennen wir auch in ihnen ein Werk der göttlichen Schöpfung und Vorsehung an, die allen Völkern ihre Gaben, Anlagen und Richtungen zuertheilt hat, um die ganze menschliche Natur zu ihrer Entfaltung zu bringen. Hat doch selbst an den: Tempel zu Jerusalem der lyrische Hiram mitgebaut. Wenn er aber nun schließt „daß sie bei dem Mosaismus nie wieder nachzulernen hatte," so ist dies wieder eine handgreifliche Unwahrheit. Man braucht nur die geringste Dorfschule wie die Hörsäle der Universitäten zu betreten, um zu sehen, wie immer und immer die Jugend aller Volksschichten das sg. Alte Testament in Händen hat, wie die Forschung sich immer wieder demselben zuwendet, wie sein Inhalt zu immer neuen Erörterungen veranlaßt, und alles Dies geschieht, ohne daß man Etwas von ihm lernen wolle und lerne? Es gehört doch eine Stirn dazu, so Etwas zu behaupten. Das wäre ebensogut, wie wenn er meinte, daß seit dem Wiedererwachen der Wissenschaft man Nichts mehr von den griechischen und römischen Classikern zu lernen habe, weil sie damals eine bedeutende Einwirkung geübt, daß sie damit aufgehört hätten, ein wesentlicher Faktor der Bildung zu sein, daß sie nicht vielmehr eine immerwährende Wirkung auf jede neue Generation zu üben hätten. Man hat also aus dem Alten Testament sowohl nachzulernen als auch lernt man täglich daraus nach. Wahrlich, wer die religiösen Zustände der Jetztzeit überblickt, wer überall starres Festhalten am Alten mit allgemeiner Zerstörungswuth gegen alles Ueberlieferte, wer Orthodoxie, Rationalismus, Unkirchlichkeit, Religionslosigkeit, Dogmatismus und Skepticismus, Deismus, Theismus, Materialismus, Pantheismus untereinander im Kampfe sieht — der muß wohl zu der Meinung kommen, daß es Zeit ist, zu der reinen, laulern Quelle zurückzukehren. Doch wir wollen dieses Thema hier nicht weiter ausführen, und uns nicht verleiten lassen, in die Details einzugehen. — Auf die Erwiderung des Herrn Pucher folgte noch im Novemberheft der Baltischen Monatsschrift als eine Art Replik ein Artikel des Herrn Müller „Die Judenmission in Europa, ihre Thätigkeit und ihre Erfolge.^ Wir haben hierüber Nichts zu sagen. Die Sache der JudenmissionKgesellschaften ist, nicht von uns, sondern durch sich selbst und durch die Welt gerichtet. Alle Beschönigungen helfen ihr Nichts. Wir können dem Protest. Pfarrer, einen andern Protest. Pfarrer, den Herrn C. F. Langhaus als gründlichen Belastungszeugen gegenüberstellen'is.d.Zeitg. 1866 S. 421 ff.) Aber das Zeugniß des Hrn. M. selbst sagt für jeden Unbefangenen genügend gegen die Mission aus. Er zählt die Judenbekehrungsgesellschaften auf, die großen Summen, die sie verausgaben, die vielen Seudlinge, die sie damit ernähren und zweckmäßig versehen; er giebt auch hier und da etwas von ihren Erfolgen an; hier und da bei den meisten Posten fehlen diese. Wir wollen seine Angaben nicht bestreiten, aber wie unbedeutend sind sie ihrer Zahl nach, so daß sie wahrlich nur für einen Mißerfolg gelten können. Unwahr ist es, wenn er die Proselytenzahl in Berlin zwar nicht blos den Missionären, wohl aber der Thätigkeit der dortigen Pastoren zuschreibt. Jedermann weiß, daß die Mehrzahl ihren Grund in den beschränkenden Ausnahmegesetzen, von denen erst in neuester Zeit einige beseitigt sind, in sozialen Verhältnissen und in der Religionslosigkeit hat, so daß Viele gerade solche Christen geworden, wie sie Juden waren, nämlich keine.