Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1867)
- Date
- 1867-05-07
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
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372 tigkeit auch den Glaubenssätzen derselben einwohnt? Ob sie nicht vielmehr jedem vernünftigen Begreifen und jeder logischen Schlußfolgerung widersprechen, ob jene daher der Vernunft ihr Recht abzusprechen genöthigt sind und statt der Lehrsätze unbedingte Glaubenssätze feststellen müssen? Dies ist, wie gesagt, gegenwärtig nicht unsere Sache; wir haben es nur mit der Charakterisirung des Judenthums selbst zu thun. Daß man von gegnerischer Seite dem Judenthume diesen Vorzug nicht gern zugesteht, Geschichte, Vernunft und Herz mit einander in Harmonie zu bringen, und so den ganzen Menschen zu befriedigen, ist erklärlich, und daraus wird auch die Bemühung Vieler, und unter diesen des Redakteurs der B. M. ver ständlich, das gegenwärtige Judenthum mit deur nach ihrer Meinung abgethanen Rationalismus auf eine Linie zu stellen. Aber sie haben es hier mit dem ganzen Judenthum zu thun, denn sie können gerade in dieser Beziehung das gegenwärtige Judeuthmu fast wörtlich in Schriften von mindestens 400 jährigem Alter wiedersinden und mit einem völligen Widerspruch gegen den Rationalismus. Fragt man aber, wie diese Herren doch auf diesen argen Jrrthum geratheu sind — so liegt es darin, daß der Rationalismus aus dem Christeuthume unbewußt diejenigen Elemente entnommen hatte, welche das Christeuthum aus. dem Indenthuln bewahrt hatte, Elemente, mit denen die allgemeinen Resultate des Culturlebens in Uebereinstimmung sind. Der Rationalismus hielt nur dies in seiner Selbsttäuschung für eigenes Produkt, und darum war er hinfällig, während das Judenthum es als gegebenes, tradirtes und in seinen Institutionen verkörpertes besitzt, es demnach auch den Strömungen der Zeit entzieht und nur in der organischen Entwickelung fortlebeu läßt. Möge man daher nun endlich auch diese banale Vergleichung fallen lassen; man hat dergleichen abgestorbene Erzeugnisse des Vorurtheils und der Gegnerschaft einen ganzen Borrath, z. B. von der Mumifizirung des Judenthums feit dein Ursprung des Christenthums, welche Behauptung seit einigen Jahrzehenden verschwunden ist. Diesem Rationalismus, der Reacrion in der Kirche, dem römischen wie griechischen Katholizismus gegenüber, zu behaupten, daß „das Judenthum seinen ganzen Wahrheitsgehalt in das Christenthum hinübergeschüttet, und man daher bei dem Mosaismus nie wieder etwas nachzuleruen hatte," wie der Redakteur der B. M. sagt, ist eine so leere Phrase, daß sie weder „aus einer christlichen noch jüdischen Geschichtswissenschafft," sondern aus gar keiner Geschichtskenntniß erfloffen sein kannn. Der gedachte Redakteur muß oder will weder das Judenthum und den Mosaismus, noch das Christenthum kennen, sonst würde er auch nicht hinzufügen, daß „das Christenthum viel zu jüdisch, nämlich zu einseitig spiritualiftisch sei." Gerade das Gegentheil. Wer das Werden des Christenthums und seinen Fortgang zu den Judenchristen, von diesen zu Heidenchristen, dann bis zur Aufrichtung der katholischen Kirche und zur Verbreitung über die vielen und ganz verschiedenartigen Völker kennt, der weiß, daß es mit jedem dieser Schritte sich weiter vorn Judenthume wie vom Mosaismus entfernte, immer mehr, von demselben aufgab und dafür immer mehr von dem aufnahm, wodurch es sich den Völkern näherte und seine Aufnahme bei ihnen ermöglichte. Es behielt nur die allgemeine Gotteslehre, die es aber durch eine Reihe von Dogmen, welche dem Judenthume völlig widersprechen, völlig modisizirte; es behielt die Sittlichkeitsprinzipien, die es aber über das Maß des Menschenthumes hinaus idealisirte, so zwar, daß ein eigentlicher Rechtsbegriff nicht damit vereinbar blieb. Es gab aber den ganzen socialen Inhalt des Mosaismus, Prinzipien wie Normirung auf, es beseitigte dessen ganzen realen Charakter und reale Gestaltung, von der es nur den Sabbath und die Anknüpfung an einige Feste bewahrte, so wie eine Nachahmung des Tempeleultus in der katholischen Liturgie. Mit nichten also hat das Christenthum den ganzen Wahrheitsgehalt des Mosaismus und Judenthums hinübergenommen, vielmehr nur einen Theil, den es mit jedem Schritte minderte und modificirte. Und hiermit wurde es auch spiritualiftisch. Während es sich mit Allgemeinsätzen begnügte, legte es den realen Charakter ab; der Mosaismus hatte seinen Schwerpunkt in einem von der Religion durchdrungenen und gekräftigten Leben in der wirklichen und bürgerlichen Welt, das Christenthilin verlegte ihn in das überirdische Jenseits; statt realer Ausprägung der Lehre im Gesetz und in der Verfassung der Gesellschaft trennte das Christenthum das Reich dieser und jener Welt, und wollte nur der letzteren sein. Dadurch wurde es spiritualistisch, idealistisch, mit dem realen Mosaismus im Widerspruch. Daher hatten alle die erschütternden und blutigen Kämpfe, welche schon die ersten Jahrhunderte der Kirche bewegten, ihren Mittelpunkt lediglich in den Dogmen; darum drehte sich die ganze Scholastik lediglich um die Dogmen, und wer diese mit den im Talmud