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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-07 · Heft 19 (7.5.1867) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 19 (7.5.1867)
Date
1867-05-07
Page
Seite 371 (sequence 3)
Language
German
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371 gmg. Es erkennt sich in seinem Inhalt wie in seiner konkreten Erscheinung nur als ein geschichtlich gegebenes und geschichtlich entwickeltes. Es erkennt noch heute als seine Quelle die Offenbarung an, als seine Grundlage die heil. Schrift; es erkennt die Tradition, d. h. sich selbst als ein von Geschlecht zu Geschlecht überliefertes und entwickeltes an. Es erkennt einen bleibenden Inhalt an, der in der Ueberlieferung sich stetig fortgebildet und entwickelt hat, sich fortbildet und entwickelt. Es hält die ihm überlieferten religiösen Institute als Ge> setz und Einrichtung aufrecht, soweit es dies vermag, d. h. so weit die geschichtlichen Verhältnisse, die äußere und innere Entwickelung, die Modisicirung verlangen. Somit steht es mit dem Rationalismus geradezu im Widerspruch. Das Judenthum hat bestimmte Lehrsätze, die es vollständig als gegeben anerkennt, die ihm aber auch ursprünglich angehören, die es nirgends entlehnt hat. Der Lehrsatz von dem einzigen Gotte und seiner Weltschöpfung; der Lehrsatz, daß diese Welt eine Einheit sei; der Lehrsatz, daß der Mensch eine harmonische Bereinigung von Geist und Körper während des Daseins auf Erden und Gott ebenbildlich sei; der Lehrsatz daß die gesammte Menschheit eine Einheit, alle Menschen vor Gott gleich und gleichberechtigt seien; der Lehrsatz, daß der Mensch einen freien Willen habe und für sein Thun und Lassen vor Gott verantwortlich sei; der Lehrsatz, daß demnach die Nächstenliebe das höchste sittliche Gesetz sei, und daß in der Uebung dieser Liebe und des Rechtes, in der Festhaltung der Seelenreinheit und der Gottesfurcht der Mensch sich heilige; der Lehrsatz, daß in der Geschichte der Menschheit, in den Geschicken der Völker und jedes Einzelnen die göttliche Vorsehung walte — dies sind Lehrsätze, welche das Judenthum, auch das neueste, als ihm von der Offenbarung gegebene und durch alle Phasen seiner Geschichte tradirte anerkennt und festhält. Was hat also hierin dasselbe mit dem Rationalismus zu schaffen? Noch mehr. Diese Lehrsätze in ihren Consequenzen gestalteten sich konkret in Gesetz und Einrichtung. Auch das gegenwärtige Judenthum erkennt diese an, will sie aber fortbilden, nach der geistigen und realen Entwickelung gestalten. Hier ist es, wo der Unterschied zwischen der s. g. orthodoxen und gegenwärtigen Richtung eintritt. Jene will Gesetz und Einrichtung unveränderlich so festhalten, wie die dritte Phase des Judenthumes, der Talmudismus und Rabbinismus sie gestaltet und festgesetzt hatte, während das gegenwärtige sie, nach dem Eintritt in das allgemeine Cultur- und Völkerleben, nach den Bedingungen und Bedürfnissen dieser neuen Phase fortbilden und umgestalten will. Das letztere geht dabei geschichtlicher zu Werke, als die orthodoxe Richtung; denn sie erkennt eben den Talmudismus selbst als eine spätere, in sich berechtigte Entwickelungsphase an, während die s. g. Orthodoxie wider alle Geschichte das ganze Resultat des Talmudismus zur sinaitischen Offenbarung zurückschrauben will. Nirgends aber hat das gegenwärtige Judenthum sich als ein neues, selbstgeschaffenes Produkt angesehen, niemals den Bruch mit der Vergangenheit gewollt und erklärt, mögen einzelne Juden auch so weit gegangen sein; immer und überall hält es überkommene Institutionen aufrecht, und zwar mit großen Opfern, strebt vielmehr, dieselben in ihrem Wesen zu erfassen und geistig neu zu beleben. Durch alles dies ist das Judenthum vom Rationalismus nickt allein verschieden, sondern ihm entschieden entgegengesetzt, und es heißt geradezu eine völlige Unkenutniß beider, oder eine absichtliche Täuschung verrathen, wenn man sie identifiziren will. Wo hebt aber nun die behauptete Vernünftigkeit im Judenthume an? Gerade bei denselben Lehrsätzen. Diese Lehrsätze, sagt e§, entsprechen der Vernunft des Menschen; er kann sie begreifen, als vernünftig erkennen, und sie stimmen mit ihr überein, wenn er sie in logischer Weise mit den Erscheinungen der Natur und der Geschichte vergleicht, so daß ihm diese die vernünftigen Erweise dieser Lehrsätze darbieten. Damit will das Judenthum nicht sagen, daß dein Menschengeiste über diese Lehrsätze nicht Fragen übrig bleiben, daß man diese Fragen nicht auch ganz anders beantworten könne. Dann aber ist der Mensch von anderen Voraussetzungen ausgegaugen, und es resultiren daraus Abweichungen, die das Judenthum als Jrrthümer von sich weist. Das Judenthum spricht daher auch der Philosophie ihren Werth an sich nicht ab; es hat der philosophischen Begründung seiner Lehrsätze, gerade aus ihrer Vernünftigkeit, immer Raum gegeben, und Philo, Saadia, Gabirol, Maimonides, Albo, Mendelssohn, um nur die hervorragendsten zu nennen, und neuere haben diese mit großem Erfolge angestrebt. Nur versteht es sich von selbst, daß es, wenn die philosophischen Systeme von ihren Voraussetzungen aus und durch ihre dialektische Entfaltung zu anderen, zu entgegengesetzten Resultaten kommen, es diese als Jrrthümer ansieht und erklärt. — Es ist nun hier nicht unsere Sache, einen vergleichenden Blick auf andere Religionen zu werfen und zu fragen, ob diese Vernünf- 19*

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