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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-05-07 · Heft 19 (7.5.1867) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 19 (7.5.1867)
Date
1867-05-07
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
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370 ben für gleich hält. Daß der christliche Rationalismus innerhalb der Kirche einer Reaktion gewichen, ist wahr, und zwar einer Reaktion, welche das ganze alte Dogmengebäude unverbrüchlich wiederhergestellt hat. Ob aber hiermit der Rationalismus auch aus der christlichen Welt verschwunden sei, möchten wir dem Redakteur durchaus nicht zugestehen, er ist in allen Klassen noch vorhanden, und hat sich nur, jener Reaktion gegenüber, bei einem Theile in Skepticisnms, Materialismus, und Pantheismus verwandelt, ein Tausch, den wir für keinen Gewinn, weder für den Einzelnen noch für das Ganze erachten. Jndeß hiermit haben wir es nicht zu thun. Und worin findet denn unser Gegner die Uebereinstimmung des Rationalismus mit dem neueren Judenthume? Darin, daß beide die Vernünftigkeit ihrer Lehren behaupten, daß beide also der Vernunft ihr Recht nicht absprechen und Dogmen nicht zulassen wollen, welche der Vernunft, allen vernunftgemäßen Begriffen und Folgerungen widersprechen. Sehen wir nach, ob der Redakteur der B. M. Recht habe. Zuerst macht es uns stutzig, daß er sehr geflissentlich hiermit das neuere Judenthum als einen Schleppträger des christlichen Rationalismus hinstellen will, als ob dieses die Ueberreste dessen, was der Besen der Reaktion aus der christlichen Kirche hinausgefegt hat, aufgelesen habe. Es tritt dies so absichtlich hervor. Aber der liebe Mann irrt. Das obige Charakteristikum des Judenthums ist so alt wie dieses selbst. Moses selbst beruft sich stets auf die „Erkenntniß seiner Lehre,", und verlangt diese von den Bekennen: derselben — eine Erkenntniß kann doch nur auf dem Wege vernünftigen Begreifens stattfinden; er sagt, diese Lehre würde in den Augen der Völker als „Weisheit und Vernunft" Israels angesehen werden, daß sie sagen: „wohl ein weises und vernünftiges Volk ist dies!" Dasselbe findet sich durch die ganze Geschichte des Judenthums ausgesprochen, und das ganze Gebäude des Talmudismus beruht auf der Methode logischer Schlußregeln, deren Anwendung auch bei der kleinsten Gesetzesvorschrift nachgewiesen werden mußte. Jedenfalls hätte also auch hier das Judenthum der Redakteur der B. M. wohl ein ähnliches Beispie aus der Kirchengeschichte anführen? — Im vor. Theile dieses Artikels in Nr. 18 bitten wir folgende Druckfehler zu verbessern: S. 349. Sp. 1. Z. 9. v. u. lies „in der Person des Redakteurs der oben genannten Monatsschrift." — S. 351. Sp. i. Z 13. v. u. muß es heißen: Bildungsgang (nicht „Bildungsgrad") dem „christlichen Rationalismus" das Prävenire gespielt, und zwar um einige Jahrtausende. Aber was war denn, und wir sagen, ist denn dieser Rationalismus? Er ging davon aus, daß dem Rechte der Vernunft gegenüber die Autorität nicht gelte. Er wies daher alles Geschichtliche und Gegebene ab, und wollte eine sg. Vernunftreligion bilden. Ebensowenig dachte er aber an eine philosophische Begründung, da er wohl wußte, daß er sich hiermit der Dialektik in die Arme würfe, welche ihm einen positiven Inhalt nicht lange gestatten würde. Aber dieser Rationalismus beging die Selbsttäuschung, daß er nun doch eigentlich Nichts weiter that, als daß er aus dem Geschichtlichen und Gegebenen das entnahm, was dem allgemeinen damaligen Menschenverstände nicht widersprach, und was er durch die Anschauung von den allgemeinen Eigenschaften der Naturerscheinungen bestätigt, oder wie er meinte, bewiesen glaubte. Er entlehnte also dem Christenthume und der bisherigen geschichtlichen Culturentwickelung die allgemeine Lehre von Gott und von der Sittlichkeit, und legte entweder die christlichen Dogmen stillschweigend bei Seite, oder suchte sie als Allegorieen und Legenden zu deuten. Somit schwebte dieser Rationalislnus ganz in der Luft, denn er hatte weder die Autorität der Geschichte, noch die philosophische Begründung für sich, und was er hatte, glaubte er in Selbsttäuschung sich geschaffen zu haben, während er doch nur Entlehntes enthielt. Daß eine solche Erscheinung trotz mehrfacher richtiger und wohlthätiger Momente keine Dauer haben konnte, daß sie als eine Aktion gegen die Kirche doch wieder einer Reaktion Platz machen mußte, ist einsichtlich; sie konnte nicht anders als zu einem Theile zur Kirche zurückkommen, zum anderen Theile sich der Strömung der Philosophie zuwenden. Aber man täusche sich nicht, der eigentliche Geist, wenn auch ohne konkrete Gestaltung, ist doch geblieben und macht die eigentliche Luft der gebildeten Welt (tote wir jedoch nicht gerade in den höheren Schichten der Gesellschaft suchen) aus. Somit war der Rationalismus als „kirchliche Partei" nur eine zeitliche, nothwendig gekommene und gegangene Erscheinung, die ihre kurze Dauer durch innere Unhaltbarkeit verschuldete. Was hat nun hiermit das Judenthum, auch in seiner neuen Phase zu schaffen? Das Judenthum ist und begreift sich selbst nur als eine große geschichtliche Religionsinstitution, die durch fast vier Jahrtausende ihren lebensvollen Gang in immerwährender Entwickelung

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