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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-04-30 · Heft 18 (30.4.1867) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 18 (30.4.1867)
Date
1867-04-30
Page
Seite 366 (sequence 18)
Language
German
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der Wahlhandlungen, aus Gründen der Sittlichkeit, mit eingehender Sachkunde über die englischen Verhältnisse sich' auslassend. Am 2. März vertheidigte er die directeu Wahlen mit absoluter Majorität. Immer mehr begannen aber in der Versammlung die Parteien sich zu zersetzen, und dafür unnatürliche Coalitioneu sich zu bilden. So zwischen der äußersten Linken und der österreichischen Rechten, um dem Zustandekommen des Verfassungswerkes entgegen zu wirken. Wider seinen Willen wurde Rießer wiederholt aufgefordert, dagegen aufzutreten, und er that dies mit Gründen der Sittlichkeit so energisch, daß viele der Gegner sich voll Scham davon lossagten. Demuugeachtet sah sich auch Rießer bald durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, Coneessionen an die Linke, also einer Coalition, das Wort zu reden. Am 1 2. März brachte Welcker den Antrag ein, die zweite Lesung der Verfassung, in welcher Oesterreich ansgeschieden und die Kaiserkrone Preußen übertragen wurde, vorzuuehmen, ohne in das Einzelne einzugehen. Der Berfassuugsausschuß nahm ihn an und Rießer war Berichterstatter. Eine Reihe der vorzüglichsten Redner trat für und gegen auf: Rießer als Berichterstatter hatte die Schlußrede. Diese Rede, gewöhnlich Kaiserrede genannt, bewährte ihn als einen der ausgezeichnetsten Redner Deutschlands und begründete seinen Ruhm. Stundenlang redete er, Alles, was in der sechstägigigen Debatte vorgebracht war, zusammeufassend, ordnend, in die lichtvollste Uebersicht bringend, mit der schärfsten Dialektik beleuchtete er alle Einwände, und doch verletzte er Niemanden, legte mit der liebenswürdigsten Eourtoisie Jedem die ehrenwerthesten Motive unter und hielt sich nur an die Sache. Oft von beistimmenden Zurufen, oft von Beifallssturm unterbrochen, hielt er sich immer auf der Höhe selbstbewußter Besonnenheit, suchte nicht zu bestechen, nicht zu überreden, sondern zu beweisen und zu überzeugen. Dann endlich am Schlüsse nimmt er sämmtliche Mittel wahrer rhetorischer Kunst zu Hülfe und erhebt sich zu hohem Schwünge. Ein urteilsfähiger Zeuge schrieb, an Klarheit der Gedanken, Schönheit des Ausdrucks und Schwung der Empfindung sei noch nichts Aehnliches gehört worden. Diese Rede sei nicht nur unbedingt die beste dieser Debatte, sondern auch wohl die beste, die bisher in der Paulskirche gesprochen worden wäre. Alle Zuhörer waren bis ins tiefste Mark erschüttert, viele bis zur Wärme gerührt; als Rießer die Rednerbühne verließ, stiirzte Gagern ihm in die Arme, alle Freunde drängten sich an ihn, um ihm Glück zu wünschen, der ganze Ertrag zehnmonatlicher Arbeit schien durch diese Rede gesichert. Der hamburgische Gesandte bei der Ceutralgewalt, Syndikus Banks, wohnte der Verhandlung in der Diplomatenloge bei, und nach dem Schlüsse kamen seine Kollegen zu ihm, ihn zu beglückwünschen, daß Hamburg einen solchen Redner geboren habe. — Dennoch wurde der Antrag mit 283 gegen 255 Stimmen verworfen. So fest waren die Vota in den Clubbs im Voraus bestimmt. Die Wahl des Königs von Preußen zum Kaiser erfolgte. Unter den 33 Mitgliedern der Deputation war auch Rießer. Man erzählte damals, daß der König eine beleidigende Aeußerung gegen Rießer gethan. Rießer erklärte 1862 in einem Hamburger Blatte, daß dies eine „alberne Erfindung" sei. Man kennt den weiteren Verlauf der Nationalversammlung. Rießer harrte lange aus. Er suchte den Sturz der Bersauunlung aufzuhalten; er redete wiederholt gegen den Austritt. Dieser ging aber massenhaft vor sich. Am 2t. März zeigte Gagern seinen Rücktritt an, am 26. folgte ihm Rießer, und veröffentlichte seine Motive in einem Rechenschaftsbericht an seine Wähler (Bonn 1849). Er zog sich zunächst nach Godesberg bei Bonn zurück. Er hatte das Bedürsniß nach vollkommener Ruhe. Im Juni folgte er einem Aufrufe Gagerus, in Gotha zusammenzukommen. Hier vereinigte man sich, dem Verfassungsentwurfe, den die Könige von Preußen, Sachsen und Hannover vorgelegt, beizutreten. Anfangs Juli kehrte er nach Hamburg zurück und nahm seine Geschäfte wieder auf. Dort war die Gleichstellung der Juden unterdeß beschloßen. Rießer wurde für Hamburg mit großer Mehrheit als Vertreter in das Volkshaus des am 20. März 1850 eröfsneten Parlaments zu Erfurt gewählt. Es waren viele volksfeindliche Elemente in demselben und nur ungern ließen sich Rießer und seine Freunde in die Diskussionen ein. Rießer hat in den vierundzwanzig Sitzungen des Volkhauses nur drei Mal geredet, obwohl er auch hier wieder Mitglied des Verfassungsausschusses war. Er sprach zuerst am 15. April über die Regierungsgruudsätze in Preußen seit Friedrich dem Großen, zeigte wie nur diejenigen, die sich wahrhaft dem Bolkswohle zugeneigt hatten, für Preußen ersprießlich gewesen, und der preußischen Politik wahre Popularität in Deutschland verschafft haben; er warnte davor, jetzt wieder rückwärts zu schreiten und die kaum wiedergewonnenen Sympathien Deutschlands zu verscherzen; er erörterte, daß die Grundsätze, die Preußen in der Zeit der Roth gerettet, zu denen der große Friedrich sich bekennt, dieselben seien, die heute und zu allen Zeiten von der Partei des Liberalismus verfochten werden, daß es die ächt deutschen seien. Die Prinzipien, welche jetzt in Deutschland den Bundesstaat bekämpften, seien dieselben, die außerhalb Preußens diesem Lande selbst feindlich entgegentreten, es seien die der österreichischen Partei. Das zweite Mal sind es nur kurze Worte, die er sprach. Bei der Berathung der Grundrechte schlug am 18. April Fürst Neuß in Betreff der Geschworuengerichte folgenden Passus vor: Bei schwereren Strafsachen und schwereren politischen Vergehen soll die Thatfrage durch Geschworne entschieden werden, d. h. die Geschwornen sollen nur über das Vorhandensein eines Verbrechens sich aussprechen dürfen, über das Verhältniß derselben zum Gesetze, über die Strafwürdigkeit haben die Rechtsgelehrten zu entscheiden. Rießer

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