Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1867-04-30 · Heft 18 (30.4.1867) · p. Seite 356

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
31 (1867)
Issue
Heft 18 (30.4.1867)
Date
1867-04-30
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226581-3226600--24913-3260391
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

uttb Revivals. So verblendet jeder Fanatismus, selbst der der Aufklärung seinen Träger. Und nun gar die Wirkung der Aufklärung auf die Juden Deutschlands und der von da beeinflußten Länder, die durfte doch keinesfalls ignorirt werden! Die deutschen Juden haben das große Glück gehabt, daß die Zeit ihres Eintritts in das allgemeine europäische Culturleben zusammenfiel mit der Zeit der höchsten Blüthe, des mächtigsten Aufschwungs der deutschen Wissenschaft, Literatur und Philosophie. Daher ihr unendlicher Borsprung vor den Juden Englands, Hollands, Frankreichs, ja selbst Spaniens in früheren Jahrhunderten. Und deshalb ist aber auch Alles, was man von deutschen Juden sagt und voraussetzt, nur wenig oder gar nicht anwendbar auf Juden anderer Ländr. Dieser Gesichtspunkt scheint bisher überhaupt zu wenig beachtet und in Rechnung gebracht zu sein. ■ Der Herr „Professor" Paulus alias Selig Cassel hat hier einige Vorlesungen und eine Predigt gehalten, wozu ihm die hiesige Mystiker-Partei verholfen hat. Es scheint aber, daß er selbst bei seinen Protektoren wenig Beifall erivorben hat, denn man hört gar nichts mehr von ihm. Der Tumult, der sich neulich bei Erwähnung Er n est Re'nans im französischen Senat, dessen Lokal nicht weit entfernt ist von dem Haupt-Schauplatz der Bartholomäusnacht, erhob, ist ein kleines Avis au lecteur für Alle, die nicht die Gottheit Jesu bekennen. Das mögen sich nicht nur die französischen, sondern auch die sonstigen Juden gesagt sein lassen, und nicht weiter auf „das Neunzehnte Jahrhundert" pochen. Der hiesige Tempel hält seine Confirmation seit einigen Jahren kurz vor Ostern, weil das Placement der männlichen Jugend, von welcher immer eine Anzahl nach Auswärts geht, keine Absonderung in dieser Beziehung thunlich macht. (Dasselbe Motiv veranlaßt uns früher in Magdeburg zur Confirmation am S. Chol hamoed oder einem Peßachfesttage. Redakt.) Alzey, 14. April. tPrivatmitth.) Sie werden von dem Beschlüsse des hiesigen Stadtrathes über den jüdischen Friedhof, welcher auf städtischem Gelände innerhalb der Einfriedigung liegt, welche auch den christlichen Friedhof umschließt, aus den öffentlichen Tagesblättern erfahren haben. Derselbe geht dahin, daß in Zukunft auch die Gräber der Juden, wie bisher die der christlichen Confessionen, ohne räumliche Trennung neben und unter einander folgen sollen. Es würde demnach keinen gesonderten jüdischen und christlichen, sondern einen gemeinsamen Friedhof geben. Wenn der Beschluß zur Ausführnng kommt, ist er jedenfalls auch für die Lebenden von Bedeutung, nicht blos für die Todten. Die rechtlichen und socialen Unterschiede zwischen Juden und Christen müssen ebenfalls im Leben schwinden, wenn sie im Tode nicht mehr festgehalten werden. Jedenfalls legt der Beschluß Zeugniß dafür ab, daß man hier human über Juden und Judenthum denkt und kein religiöser Fanatismus die Gemüther beherrscht. Es geht dies auch daraus hervor, daß, abgesehen von der Einstimmigkeit, womit dieser Beschluß gefaßt wurde, alle Confessionen der Stadt sich desselben freun. Die Ausführung ist abhängig von der Zustimmung der Geistlichkeit und Regierung, da nach dem französischen Gesetze, welches maßgebend ist, die Friedhöfe zwar Eigenthum der Stadtgemeinde sind, aber über die räumliche Trennung oder Vereinigung der Gräber die betheiligten Confessionen sich zu einigen haben. Ob dabei die Ansicht des Rabbinats einzuholen nöthig sein wird, ist noch nicht bestimmt. Den Verlauf der Sache werde ich Ihnen mittheilen. Da der Gegenstand von allgemeinem Interesse ist, dürfte es rathsam sein, auch die anderwärts herrschenden Anschauungen zu vernehmen.*) Offenbach a. Main, 12. April. Samstag, den 30. März beging Herr Dr. S. Formstecher, Großherzoglicher Rabbiner dahier, sein fünfuudzwanzigjähriges Dienstjubiläum. Am Vorabende des Festtages brachte der Gesangverein „Eintracht" dem Jubilar ein Ständchen und Samstags Morgens wurde ein stark besuchter Gottesdienst abgehalten, bei welchem der Jubi- *) Wenn in Alzey nach der Meinung anderswoher gefragt wird, so kann man sich dort überzeugt halten, daß man nur Widerspruch und Entrüstung vernehmen werde. Es giebt unsres Wissens noch keine jüdische Gemeinde, die ihren eigenen Friedhof aufgegeben hat. Vor einiger Zeit war in Luxemburg davon die Rede, und der dortige Rabbiner vr. Sam. Hirsch, der den Alzeyern doch gewiß nicht für eine orthodoxe Autorität gelten wird, hat ein so entschiedenes Gutachten abgegeben, daß dieseReligionsnivellirung unterblieb. Das Gutachten wurde in dieser Zeitung mitgetheilt. Zwischen Judenthum und Christenthum liegen doch noch andere Differenzpunkte, wie zwischen den einzelnen christlichen Confessionen. Redaktion.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.