Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1867)
- Date
- 1867-04-30
- Page
- Seite 351 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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S51 Rationalismus erklärt, welcher „um einige Jahrzehende früher auch ohne Blutvergießen sich ausbreitete und seitdem einer ebenso unblutigen Reaktion Platz gemacht hat," und daß „die besondere Betonung der Vernunftgemäßheil gerade einer der Züge in dem reformirten Judenthume sei, die eS mit der nach der ratio benannten Christenpartei gemein hat." Andrerseits spricht er aber wieder dem Judenthume diese Vernunftgemäßheit ab, und führt dafür als Beleg an: „Auch von dem modernen, aufgeklärten Judenthume wird doch wohl z. B. die Weltschöpfung, der Wunder größtes, festgehalten werden, und wenn etwa diejenigen Metaphysiker Recht hätten, welche, wie der Jude Spinoza, die Persönlichkeit nur als eine Kategorie der Endlichkeit gelten lassen, so würde in einem noch wichtigern Punkte ein Widerspruch zwischen Judenthum und Vernunft gegeben sein." Um aber den Standpunkt des Redakteurs der B. M. zu! charakterisiren', fügen wir gleich eine dritte Bemerkung desselben hinzu: „Wir glauben aus einer unbefangenen, weder christlichen noch jüdischen Geschichtswissenschaft erkannt zu haben, daß das Judenthum seinen ganzen Wahrheitsgehalt in das Christenthum hinübergeschüttet hat, ja daß das letztere zu jüdisch, nämlich zu einseitig spiritualistisch geworden war, so daß die fortschreitende Bildung der europäischen Völker zuerst in dem griechischrömischen Heidenthum, demnächst aber in der modernen Naturwissenschaft eine ihr unentbehrliche Ergänzung suchen mußte, während sie bei dem Mosaismus nie wieder nachzulernen hatte." — Es ergiebt sich aus diesen Bemerkungen, daß der Redakteur der „B. M." auf dem materialistischen oder pantheistischen Standpunkte steht — auf welchem von beiden kann nicht erkannt werden, ist auch hierbei gleichgültig — was in unserer Zeit nicht zu den Seltenheiten gehört, wir auch Niemandem, wenn einmal sein Bildungsgrad dahin führte, zum Vorwurfe machen, wenn wir es auch bedauern, was wir aber uns deutlich machen mußten, um die Quelle seiner Einwände zu kennen. In soweit geben wir ihm auch ein Recht zu diesen Einwendungen zu, nicht aber zu der völligen Unkenntniß des Judenthums, die mehrere dieser Behauptungen erweisen, und die freilich Herr Pucher bei seinen Lesern hätte voraussetzen müssen, so daß er auch seinerseits sich nicht mit bloßen Aussprüchen hätte begnügen sollen, ohne deren Begründung, wenn auch nur in Kürze, hinzuzufügen. Wir haben es aber hier mit mehreren so landläufigen Entgegnungen zu thun, daß wir näher daraus eingehen müssen. Nehmen wir den mittleren Satz zuerst. Die h. Schrift beginnt: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde," d. i. die Welt. Hierbet bleibt das Judenthum stehen. Daß die Natur bie Schöpfung Gottes, alle Wesen das Werk Gottes sind, ist seine Grundlage, auf welcher sein ganzes Religionsgebäude aufgerichtet ist. Eine weitere Erklärung, wie die Welt von der Gottheit geschaffen werden konnte zu geben, beansprucht es nicht. Aber, fragen wir, vermag dies irgend ein philosophisches System? Ist es dem Menschengeiste gegeben, den letzten Urgrund der Dinge zu verstehen und so zü begründen, daß der Vernunft eine vollständige und einsichtliche Beweisführung gegeben wird? Nein! die ganze Reihe der philosophischen Theoreme, die in großen Kreisläufen vom krassesten Dogmatismus bis über den Skeptizismus zum Nihilismus sich immer wieder folgen, beweist dies. Ein jedes derselben stellt seine Erklärung und seine Beweisführung auf, um von dem nachfolgenden widerlegt zu werdem Auch der Materialismus und der'Pantheismus erweisen Nichts weiter, als daß man noch andere Lehrsätze aufstellen kann, als die Gotteslehre giebt, daß man sie aber ebenso wenig vernunftgemäß in dem Urgründe zu beweisen vermag. Sie lösen keineswegs die letzte Frage, vielmehr erschweren sie diese nur; denn für die Weltschöpfung durch Gott spricht vernunftgemäß die ganze logische Construction des menschlichen Geistes von Ursache und Wirkung, von Gesetz als Gedanke und Werk als That dieses Gedankens, während die Selbsterzeugung und Selbstgestaltung der Materie ein unauflösliches Vernunfträthsel bleibt. Es ist nur hier der Unterschied, daß die menschliche Vernunft, indem sie ihre Unzulänglichkeit in der vollständigen Erforschung des letzten Urgrundes anerkennt und sich mit der logischen Entwickelung innerhalb der Gotteslehre begnügt, sich bei .der Weltschöpfung durch Gott beruhigen kann, während der Materialismus und Pantheismus von hier aus erst recht in die Vernunftlosigkeit oder Vernunftswirre hineinführt. Schreibt also der Redakteur dem modernen Judenthume wegen dieses Lehrsatzes den Glauben „an das größte Wunder" zu, so muß er denselben Glauben auch den entgegengesetzten Philosophemen, dem Materialismus und Pantheismus zuschreiben, oder vielmehr den Glauben an ein noch größeres Wunder als dieses größte, an die Selbsterschaffung der Materie und der einzelnen Wesen. Spricht er deßhalb dem Judenthume die Vernunftgemäßheit ab, so muß er sie auch jenen Philosophemen absprechen, und damit wohl dem Menschengeiste 18*